Im innigen Zusammenhang mit dem Baumkultus scheint mir das Anpflanzen besonderer Bäume an den Gräbern zu stehen. Im Tieflande, besonders bei den Yao, sind mir solche Bäume nicht aufgefallen, hier oben auf dem Plateau finde ich sie ganz allgemein. An frischen Gräbern sind es junge, schlanke Stämme; an anderen Stellen, die nur noch im Gedächtnis der Alten als Ruheplatz eines Toten weiterleben, ragen ganz ungeheuere Bäume, mächtige Stämme mit gewaltigen Kronen, 20 Meter und noch weit mehr in die blaue Luft empor. Gerade die nächste Umgebung der Boma von Newala erhält durch eine ganze Anzahl solcher alten Grabbäume an mehr als einer Stelle ein ganz stimmungsvolles Aussehen. Der Baum ist der Kamumabaum; er wird stets zu Häupten des Toten eingepflanzt.
Ob die Seele nach dem Glauben der Eingeborenen zeitweilig auch in diesen Grabbäumen ihren Sitz hat, habe ich bisher nicht zu ergründen vermocht; außerordentlich schwer ist es, über den Verbleib der Seele überhaupt etwas Bestimmteres zu erfahren. Die Yao haben in dieser Richtung ganz versagt, die Makua aber sagen: „Der Schatten des Menschen geht zu Gott, Gott aber wohnt da oben.“ Was der Schatten aber da oben macht und wie es ihm ergeht, das wissen auch sie nicht.
Gruselig und schreckhaft sind nach alledem, was mir zu Ohren gekommen ist, die Gespenstergeschichten der hiesigen Neger; ich will eine von ihnen erzählen.
Yao und Makua haben ein Gespenst mit Namen Itondōsha oder Ndondosha, wie es im Kiyao heißt. Hat der Zauberer ein Kind getötet — wie bei allen Naturvölkern, so ist auch beim Neger der Tod nie etwas Natürliches, sondern stets die Folge des zauberischen Eingriffs eines andern —, so holt dieser Zauberer das Kind aus dem Grabe heraus, macht es wieder lebendig und schneidet ihm die Beine in den Kniegelenken ab. Die abgeschnittenen Gliedmaßen wirft der Zauberer weg, das so verkürzte und verstümmelte Kind aber stellt er heimlich irgendwo hin. Nun kommen die Menschen von allen Seiten und bringen dem Itondosha Ugali, Pombe, Früchte und Zeug. Geschieht dies regelmäßig und in ausreichendem Maße, so hört man nichts weiter von dem Gespenst; vergessen jedoch die Leute seiner im Laufe der Zeit, so beginnt es plötzlich laut und unheimlich zu schreien. Dann erschrecken die Leute und bringen dem Itondosha von neuem ihre Gaben dar.
Mein Forscherglück will es, daß ich ganz zufällig auch in den Besitz eines Liedes gekommen bin, dessen Inhalt sich um dieses Itondosha rankt. Von den wenigen Individuen, die ich hier in Newala vor meinen Trichter habe bannen können, zeichnete sich lediglich ein Makuajüngling durch seine große Bereitwilligkeit aus, das Wagestück zu unternehmen und vor die unheimliche Maschine zu treten. Dieses Entgegenkommen war, wie sich sehr bald herausstellte, sogar weit größer als seine Sangeskunst; doch das hat nichts verschlagen, sein wissenschaftliches Verdienst bleibt dem Braven doch.
Der junge Mann hat soeben, nach den üblichen Vorproben, mit bedeutendem Stimmaufwand sein erstes Lied in meinen Trichter hineingebrüllt. Jetzt gilt es, den Text des Liedes festzulegen; mit gespitztem Bleistift sitze ich auf meiner bewährten großen Kiste und beginne das Verhör.
„Dein Name?“
„Änestehīu“, erschallt es prompt und mit sichtbarem Stolz zurück.
„Änestehiu?“ lautet meine erstaunte Gegenfrage.
„Jawohl, Änestehiu.“