„Aber Rafiki, mein Freund, Änestehiu, das klingt doch gar nicht wie ein Makuaname.“

„Mimi Christ, ich bin ein Christ“, fast beleidigt, daß ich das nicht gleich gemerkt habe, hat mir der Junge das stolze Wort entgegengeworfen. Das ändert die Sachlage allerdings; ich denke einige Zeit nach, endlich habe ich es: Anastasio heißt er, das ist sein Taufname; der würdige englische Reverend hat das Wort nicht deutsch oder italienisch ausgesprochen, sondern, wie es Old England liebt, rein englisch, also Änästäsio. Nun fällt das „s“ im Kimakonde ganz aus und auch im Kimakua wird es, soweit ich bis heute ersehen kann, häufig durch ein „h“ vertreten, kurz aus Anastasio ist auf gut Kimakua Änestehiu geworden. Das Lied aber heißt folgendermaßen:

„Nach Massassi bin ich gegangen, bin noch einmal nach Massassi gegangen. Abends hörte ich Geschrei; ich drehte mich um und ich sah das Itondosha. ‚Mein Vetter Cheluka (rief ich), gib mir Gewehr und Zündhütchen und eine Kugel.‘ ‚Lade du selbst‘ (flüstert der Vetter). ‚Komm mit und laß uns verfolgen das Itondosha, es ist durch ein Loch in der Seitenwand hinters Haus gegangen.‘ Mein Bruder (Vetter) dreht sich um und sagt: ‚Es hat die Beine steif geradeaus gestreckt wie ein Kinnbart.‘ Es saß (setzte sich), wir aber bemühten uns zu zähmen das Itondosha, das Mädchen von Ilulu. Älo, ja, so ist es.“

Rovuma-Landschaft. Blick von meinem Lagerplatz unter 39° 6′ östl. Länge stromaufwärts.


GRÖSSERES BILD

Auf harmlosere Bahnen hat mich heute ein Makondealter mit einer kleinen Gabe zurückgeführt. Wir hatten uns über die Zeitrechnung der hiesigen Völker unterhalten, und dabei war herausgekommen, daß sie in dieser Beziehung noch ebenso rückständig sind wie in der Bezeichnung der Tageszeit selbst, jedoch auch ebenso praktisch. Die Knotenschrift ist eine geistige Errungenschaft, die von der Menschheit zu den verschiedensten Zeiten und an den verschiedensten Orten gemacht worden ist; sie ist nicht nur in dem berühmten Quippu der Peruaner verkörpert, sondern ist in der Südsee nachgewiesen worden und auch in Westafrika. Hier auf dem Makondeplateau wird sie noch heutigestags frisch und fröhlich geübt; denn die Zahl der Kinder, die in den deutschen Regierungsschulen von Lindi und Mikindani das Schreiben mit der Feder erlernen, ist noch sehr gering. Mit artiger Gebärde überreicht mir der Makondemann eine etwa fußlange Bastschnur; 11 Knoten sind darin, in genau gleichen Abständen geschürzt.

Knotenschnur.

„Das ist ein Reisekalender“, setzt mir der bisherige Besitzer durch Sefus Vermittelung auseinander; „will ich meine Reise antreten, so sage ich zu meiner Frau: Dieser Knoten (dabei tupft er auf den ersten) ist heute, da breche ich auf; morgen (ein Tupf auf den zweiten Knoten) bin ich unterwegs; auch den dritten und vierten marschiere ich noch; hier aber (ein energischer Griff an Knoten Nr. 5), da komme ich ans Ziel. Dort bleibe ich den sechsten Tag, am siebenten aber trete ich den Rückmarsch an. Der dauert diesen siebenten Tag und den achten und den neunten; am zehnten aber, da mußt du aufpassen, Frau, vergiß ja nicht, an jedem Tage einen Knoten zu lösen; an diesem zehnten Tage, da mußt du Essen für mich machen, denn siehe, hier am elften, da werde ich zurückkommen.“