Also hier ebenfalls wieder ein Überlebsel, eine Erinnerung an eine Kulturstufe, die auch unsere Vorfahren vor langer Zeit einmal durchlebt haben werden. Vor langer Zeit? Ist denn unser Knoten im Taschentuch etwas wesentlich anderes als jene 11 Knoten in der afrikanischen Bastschnur? Die Menschheit ist nicht nur ideenarm in dem Sinn, daß ihre Erfindungen über die ganze Erde hin sich stets auf dieselben einfachen Grundgedanken zurückführen lassen, sie ist bei allem technischen und geistigen Fortschritt doch auch selbst in ihren höchsten Gliedern recht konservativ. Der Knoten im Schnupftuch ist nur einer unter vielen Belegen dafür.
Das Knotensystem scheint im übrigen auch hier durchaus nicht so simpel zu sein, wie man nach dem Kalenderbeispiel vielleicht glauben möchte. Soeben legt mir ein anderer Makondemann ein ganzes Bündel von Knotenschnüren auf den Tisch; das rühre vom Jumben Soundso her, der könne nicht behalten, wer von seinen Dorfleuten schon die Hüttensteuer bezahlt habe und wer nicht, da helfe er sich in dieser Weise, und es gehe mit dem Verfahren ganz gut.
Doch damit sei es genug der Einzelheiten aus dem unerschöpflichen Schatz des höheren und niederen Volkstums. Angesichts dieser schier unübersehbaren Fülle von Erscheinungen, wie sie sich mir drunten im Tiefland und nun seit fünf Wochen hier oben auf der Kante des Makondehochlandes Tag für Tag aufgedrängt haben, komme ich mehr und mehr, auch auf Grund meiner eigenen Forscherpraxis — aus den Schätzen unserer ethnographischen Museen und der völkerkundlichen Literatur weiß ich dies schon lange —, zu der Überzeugung, daß kaum ein Ausdruck so verfehlt und falsch ist wie der Ausdruck Naturvölker. Freilich sie alle, die Indianer und die Eskimo und die Hyperboräer und die Neger und viele Süd- und Südostasiaten, die Mehrzahl der Malaien, die Ozeanier und die Australier, sie alle leben zweifellos inniger in und mit der sie umgebenden Natur als wir, die wir uns lediglich von Kultur umgeben wähnen. Aber hat in Wirklichkeit jede einzelne dieser von uns so hochmütig über die Achsel angesehenen Menschheitsgruppen nicht auch Kultur, und zwar genau so ihre eigene Kultur wie wir die unsere? Setzt sich, um gleich beim Nächstliegenden zu bleiben, das materielle und das geistige Leben meiner Neger hier im Stromgebiet des Rovuma nicht auch aus tausend und tausend Einzelzügen zusammen, die untereinander nicht viel weniger differenziert sind als unsere eigenen Lebensbetätigungen? Allerdings, dem Neger bringt sein Hackbau, bringt seine Technik nicht jene Summe von Lebensannehmlichkeiten, wie sie der wohlsituierte Weiße von heute für sich in Anspruch nimmt; aber leben manche Teile der Landbevölkerung selbst im deutschen Vaterlande denn nicht ebenso schlecht und vielleicht noch schlechter als diese Barbaren, denen freilich das schreckliche Odium anhaftet, nicht einmal ihren Namen schreiben zu können! Ich bin wahrlich sehr weit davon entfernt, diese sogenannten Naturvölker mit allem ihrem Tun und Lassen durch eine rosige Brille zu betrachten; aber wenn ich in Betracht ziehe, daß die ungeheuren Errungenschaften, wie sie die Erfindung der Buchdruckerkunst, das Zeitalter der großen Entdeckungen und die Reformation im Gefolge gehabt haben, doch allem unserm Hochmut zum Trotz in Wirklichkeit nur einem geringen Bruchteil der weißen Rasse, gleichsam einer nicht einmal lückenlosen Schicht, veredelnd in Fleisch und Blut übergegangen sind, dann komme ich immer wieder auf meine Ansicht zurück: nein, wir sind durchaus nicht die alleinigen Pächter der Kultur. —
Du aber, Newala, mit deinem brausenden Abendsturm, deinen kühlen Morgenstunden, deinen Sandflöhen und deinem so lehrreichen Völkergemisch, lebe wohl! Die langen Wochen meines Verweilens in deinem Palisadenzaun haben mir Arbeit über Arbeit gebracht, Tag für Tag rund das Doppelte an Zeit von dem, was unsere demokratischen Apostel im hetzenden und gehetzten fernen Uleia für den vierten Stand erträumen, erhoffen und fordern; und gerade darum bist du mir lieb und wert geworden. Ohne Fleiß kein Preis! Morgen beim grauenden Tag heißt es dich verlassen. Ob mir hier auf den Höhen dieses merkwürdigen geologischen Gebildes, Makondeplateau genannt, noch viel zu tun bleiben wird, ich weiß es nicht und ich ahne es nicht, doch auch die Zukunft soll mich zu jeder Forscherarbeit gerüstet finden.
Rast meiner Soldaten in Hendereras Dorf auf dem Makondehochland (s. [S. 408]).
Siebzehntes Kapitel.
Wiederum zum Rovuma.
Am Rovuma, 23. Oktober 1906
etwa 39° 40′ östl. Länge.
Von den mehr als 700 Meter Seehöhe Newalas habe ich mich auf höchstens 60 Meter erniedrigt, dafür aber lasse ich statt der 24 bis 25 Grad Mittagstemperatur dort auf dem hohen Westrande des Makondeplateaus deren augenblicklich 36 über mich ergehen. Es ist schrecklich heiß hier in dem baumartigen Gestrüpp, in dem wir notgedrungen unser Lager haben aufschlagen müssen; und das trotz der unmittelbaren Nähe der Fluten meines alten Freundes, des großen Rovuma. Wie hatte mir sein breites Bett so oft zu dem Plateaurande von Nchichira heraufgewinkt, nach Süden in gerader Linie abgeschlossen durch die gewaltige, keilförmige, glitzernde Fläche des großen Nangadisees, rechts, mehr nach Südwesten zu, flankiert von dem kleineren Lidedesee. Doch ich muß wohl auch hier chronologisch verfahren, um verstanden zu werden.
Der frühe Morgen des 11. Oktober war ebenso neblig, rauh und kalt wie alle seine Vorgänger, doch in unseren Augen glich er ihnen nicht im mindesten. Das Schauspiel der ausgelassensten Freude, wie es mir meine Leute beim Aufbruch von Chingulungulu geboten hatten, wiederholte sich hier in womöglich noch gesteigertem Grade; Newala war für die armen Kerle ja in der Tat alles andere als ein Kapua gewesen. Selbst Pesa mbili II., ein sonst sehr behäbiger, wohlbeleibter Manyema, ist ganz schlank geworden. Als ich ihn gestern fragte: „Tumbo lako wapi? Wo ist dein Bauch?“, da antwortete er mit traurigem Blick auf die Stelle verflossener Herrlichkeit: „Tumbo limekwenda, bwana, fort ist er gegangen, der Bauch, Herr.“ Tumbo limekwenda kann übrigens auch ich sagen, desgleichen Freund Knudsen; unsere Khakigewänder schlottern nur so um unser kärgliches Gebein.