Für meine weiteren Makondestudien konnte lediglich Mahuta in Frage kommen. Mahuta ist nicht nur der politische Mittelpunkt des ganzen Hochlandes, in dem hier als oberster Verwaltungsbeamter der Wali residiert, sondern auch geographisch ist es für meine Zwecke äußerst dienlich gelegen. Straßen führen von hier nach allen Richtungen, ich kann also leicht zu allen Eingeborenen gelangen, oder, was bequemer und besser sein wird, die Schwarzen werden zu mir kommen können. Doch einstweilen winkte mir ein anderes Ziel: der Südrand des Plateaus mit einer Enklave von Wangoni.
Über diese Wangoni hatte ich bereits seit Lindi das Mannigfaltigste zu hören bekommen; selbstverständlich sollten sie Brüder und Stammesgenossen der gleichnamigen Kaffernvölker oben am Ostufer des Nyassa sein. Sie seien bei einem der vielen Raubzüge, durch welche diese Kaffernvölker, sei es unter dem Namen der Masitu oder Mafiti oder Magwangwara oder Wamatschonde oder Wangoni, seit den 1860er Jahren den ganzen Süden von Deutsch-Ostafrika zu einer mehr oder minder menschenleeren Wüste umgestaltet haben, durch den tapfern Gegenangriff der Yao unter Matola I. vom Haupttrupp abgesprengt und in den Bezirk von Nchichira auf der Südkante des Makondeplateaus verschlagen worden. Nils Knudsen wußte sogar noch viel mehr; prachtvolle große Kriegergestalten seien es, die in jeder Beziehung himmelhoch über ihren gegenwärtigen Nachbarn und selbst noch über seinen geliebten Wayao ständen. Und wenn ich endlich einmal wirklich geschlossene Dörfer sehen wolle, Haus an Haus, mit schönen Straßen dazwischen, dann müsse ich nach Nchichira gehen. „Werde ich auch, aber Sie gehen natürlich mit.“ Das hat sich der brave Nils nicht zweimal sagen lassen; Rovuma und Elefantenjagd sind für ihn zwei untrennbare Begriffe; ich glaube, er würde stracks bis zum mittleren Kongo laufen, wenn ihm einer sagte, dort stehe ein großzahniger Elefant. Aber er schießt auch gut, trotz seiner recht klapprigen Donnerbüchsen.
Also erst Nchichira und die Wangoni, dann, als Nachtisch zum ganzen Forschungsdiner, noch einige Wochen Mahuta. Damit, denke ich, wird es genug sein des grausamen Spiels; schon jetzt bekomme ich ab und zu gelinde Anwandlungen von wissenschaftlicher Übersättigung, und ich fürchte, wenn es mit dem Zuströmen neuer Eindrücke so weiter geht, wird meine Aufnahmefähigkeit eines schönen Tages doch einmal versagen.
Unser Weg von Newala bis Nchichira hat uns über Mahuta geführt. War das ein bequemes Marschieren! Hätte ich nicht mein bewährtes altes Maultier gehabt, ich hätte mir tatsächlich ein Fahrrad wünschen mögen; selbst ein Auto hätte auf diesen Wegen ungehindert fahren können. Kein steiler Berg und kein schroff eingerissenes Erosionstal; dafür eine sanft und fast unmerklich nach Osten abfallende Ebene, in ihrer ganzen Ausdehnung von dichtem Busch bestanden; aus diesem die ausgedehnten Felder der fleißigen Makonde ausgespart; für den Wanderer endlich aufs beste zugerichtet breite, manchmal kilometerlang schnurgerade gehauene Straßen. Auch hier haben die Makonde diese breiten Barrabarra keineswegs aus eigenem Interesse an einem verbesserten Verkehrswesen hergerichtet, es hat vielmehr auch in diesem Teil des Landes eines sehr starken Druckes von Lindi aus bedurft; aber dafür entsprechen nun diese Wege bei einer Breite, die fast überall einer Sektion, stellenweise sogar einem Halbzuge das Marschieren gestattet, jedem strategischen Zwecke. Nur der lockere tiefe Sand ist geeignet, die Freuden des Wanderns herabzumindern; er findet sich Gott sei Dank nicht überall, sondern nur an den tiefergelegenen Stellen des Weges, wohin er von der Höhe herabgeflossen ist; dort ist er schier unergründlich.
Doch die Freude über den endlichen Ortswechsel würde auch größere Hindernisse überwinden als diese Bagatelle. Der Busch ist grün, die Sonne hat soeben den Nebel siegreich niedergekämpft und strahlt nun mit einer Freundlichkeit auf Schwarz und Weiß hernieder, daß die Träger gar nicht anders können, sie müssen singen. Und nun heben sie an mit ihren schönen alten Wanyamwesiliedern, die uns sooft schon über manche kleine Mißstimmung hinweggeholfen haben, und auch mit neukomponierten, die ich heute zum erstenmal höre. Sie sind noch viel schöner als der alte Bestand.
Nur eine einzige größere Ansiedelung liegt am Wege zwischen Newala und Mahuta; es ist der Ort Hendereras, eines alten klumpfüßigen Makondejumben. In seiner ganzen Häßlichkeit hat er anscheinend selbst meinen Trägern imponiert, wenigstens hat ihn mir einer unter ihnen wenige Tage später, aufs getreueste abkonterfeit, im Skizzenbuch überbracht. Der Ort Hendereras ist ein auffallend groß angelegter Weiler; der Platz, um den sich die Hütten scharen, könnte gut einer deutschen Kompagnie als Exerzierplatz dienen; mein einsames Dutzend tapferer Krieger nimmt sich auf ihm jedenfalls recht spärlich aus.
Die Boma von Mahuta kündigt sich schon von weitem durch ihren Palisadenzaun und ein außergewöhnlich weites Schußfeld an. Wald und Busch treten in der Tat nirgends näher als ein paar hundert Meter an die Befestigung heran. Vor deren kaum mannsbreitem Eingangspförtchen sehe ich schon von weitem die gesamte Heeresmacht des Wali aufmarschiert: fünf Baharia, schwarze Kerle in khakigelben Matrosenkostümen, die sich krampfhaft bemühen, unter der Leitung ihres baumlangen Kommandeurs in leidliche Richtung zu kommen. Der Wali ist nicht zu sehen; er ist an der Küste, heißt es. Der Kommandeur brüllt gerade: „Das Gewehr über!“, da bin ich boshaft genug, von der Richtung auf die Boma abzubiegen und rechts einzuschwenken; einige hundert Meter seitlich hinter der Boma sehe ich nämlich das Haus, das längst nach mir genannt worden ist und in dem ich doch nun pflichtschuldigst Quartier nehmen muß. „Das Haus zum weggebliebenen Professor“ ist es, ein Bau, den Herr Ewerbeck in Voraussicht unseres gemeinsamen Wirkens in Mahuta dort bereits vor Monaten für uns beide hat ausführen lassen. Der Erbauer ist damals zum festgesetzten Einweihungstermin pünktlich zugegen gewesen, den Gast hatte jedoch die Völkerkunde Chingulungulus wie mit eisernen Klammern festgehalten. Halb betrübt, halb ärgerlich hat Freund Ewerbeck die Taufe des Hauses mit jenem Namen allein vollzogen, und dann ist auch er abmarschiert. Kaum haben die fünf Matrosen meine Absicht gemerkt, hei, wie fliegen die nackten Füße auch schon davon! Ich bin in scharfem Trabe hinterhergeritten, aber gleichwohl erfolgt das „Achtung, präsentiert das Gewehr! Augen links!“ doch noch vollkommen rechtzeitig. Ja, fix sind sie, die schwarzen Jungens!
Das „Haus zum weggebliebenen Professor“ liegt wunderschön; steht man auf seiner Barasa oder seiner Freitreppe, so öffnet sich eine gähnende, tiefe Schlucht unmittelbar zu unseren Füßen. Ein stolzer, grüner Hochwald zur Linken und zur Rechten — an Steilabhänge wagen sich die Makonde mit ihrem Raubbau nicht heran —, ganz hinten aber, dort, wo die wohl 20 Kilometer lange Schlucht durch zwei in scharfer Linie vorspringende Plateaunasen abgeschlossen wird, ein hellgrauer Streif mit silbernem Bande darin. Das ist der Rovuma. Hinter ihm ein großer glänzender Spiegel: der Lidedesee, und hinter diesem in dunklen, mattgrünen Konturen die ebene Fläche des Maviaplateaus. Nach so viel monotonem Makondehochland ist Mahuta landschaftlich eine wahre Erquickung.
Schon am nächsten Tage geht es weiter. Stunde um Stunde marschiert die lang auseinandergezogene Karawane zwischen den grünen Wänden des Busches dahin. Dieser ändert jetzt sein Aussehen beträchtlich: er wird an Höhe geringer, an die Stelle der schrecklichen Dornen treten in wucherndem Übermaß Pflanzenformen, die mich an unseren Teufelszwirn erinnern. Die Sonne steigt immer höher, der Engpaß des Weges wird immer glühender, der Sand des Bodens immer feiner und tiefer. Endlich ist Nchichira erreicht; es ist eine Boma wie Massassi, Newala und Mahuta auch: ein von arm- bis beinstarken Palisaden umzäunter, quadratischer Raum von rund 100 Meter Seitenlänge, in dem das Haus des Akiden steht, und wo auch die übrigen Elemente einer untergeordneten deutschen Verwaltungsstelle wohnen. In den langen Monaten haben meine Leute eine glänzende Übung im Auf- und Abbauen des Lagers bekommen. Eins, zwei, drei steht mein Zelt; ebenso schnell sind wir auch schon unter der niedrigen Barasa eingerichtet. Sie ist ebensowenig komfortabel wie unsere früheren Wohnpaläste, aber so ein festes Strohdach ist mir doch tausendmal lieber als die Notwendigkeit, im heißen Zelt wohnen zu müssen, oder als der Aufenthalt unter einer frisch gebauten Banda mit ihrer Unsumme gräßlichsten Ungeziefers. In solchen Neubauten regnet es Insekten ohne Unterlaß aus dem frischen Stroh auf Kopf und Körper, in Schüssel und Teller herunter.
Die zwölf Tage Nchichira sind mir wie im Traum vergangen. Nicht, daß ich wirklich geträumt hätte, dazu hat mir das auch hier vorhandene Übermaß von Arbeit keine Muße gelassen. Gerade weil ich unter der Wucht der Eindrücke noch nicht recht zur Besinnung gekommen bin, das reiche Mahl sozusagen noch nicht verdaut habe, erscheint mir die ganze Zeit wie ein wirrer Traum. Seine Einzelheiten kann und will ich hier nicht schildern; nur das Markanteste sei hervorgehoben.