Vom Heldentum der Wangoni keine Spur, die Kerle sind durchaus nicht anders gestaltet und sicherlich nicht besser geartet als irgendeine andere Gruppe im Reigen der hiesigen Völker; ja, wenn ich’s ehrlich gestehen soll, so fallen sie physisch sogar noch ab. Und krank sind auch viele. Welch schreckliches Bild bot sich mir eines Tages dar, als ich der Fährte einer Riesenschlange folgte, wie ich vermeinte. So etwa mag die von einem Python in den Sand gezogene Spur aussehen. Ich trete um ein Haus herum: ein Skelett hockt vor mir; keine Spur Fleisch, kein Muskel am ganzen Körper des kranken Mannes, dem ein kleiner Junge mitleidig forthilft. Ububa heißt die Krankheit; die Fährte aber rührt von der Fortbewegungsart des Unglücklichen her; er ist auf dem Gesäß hierhergezogen worden.
Ububa-Kranker.
Von wirklich stattlicher Größe ist nur der alte Makachu, der Jumbe des gleichnamigen benachbarten Dorfes und gleichzeitig der Chef der einen der beiden Sippen, in welche diese Wangoni zerfallen. Ich habe Makachu gemessen, er ist 181 Zentimeter hoch; wenn er bei diesem Höhenmaß einherschreitet wie Saul, so zeigt das, wie kläglich die ganze übrige Gesellschaft bezüglich ihrer Körperhöhe ausgestattet sein muß. In der Tat, ganz ausgemergelt infolge ständiger Unterernährung schleppen sich die alten Männer des Stammes zum Schauri herbei, und auch der Nachwuchs verspricht wenig. Nein, das sind keine Kaffern, habe ich mir schon beim Einzuge gesagt, und seitdem habe ich es auf die mannigfaltigste Weise bestätigt gefunden.
Zunächst Siedelungs- und Bauart; nicht ein Zug Südafrikanisches in ihr. Die weitgedehnten Dörfer, durch die man die letzten Stunden des Weges von Mahuta her marschiert, sie gleichen aufs genaueste den Dörfern im Tiefland westlich des Plateaus, höchstens, daß die Felder hier besser gepflegt erscheinen und auch von Hause aus besser urbar gemacht worden sind. Es ist aber auch ein ander Ding, einen derben Waldbestand niederzulegen als hier oben das bißchen Busch zu verbrennen.
Auch in Einzelheiten des Baues kein Unterschied; das Hütteninnere genau so unordentlich wild mit Vorratsbehältern, Töpfen und Rindengefäßen, mit schwelendem Herdklotz und mit Bettstellen ausgestattet wie in Mchauru oder Akundonde; die Außenwände aber genau so mit kindlichen Malereien überklext wie auch sonst überall im Lande.
Und dann erst die Sprache und die Geschichte dieser Volksgruppe. Unter meiner Mustertruppe von Trägern befindet sich in Gestalt des edlen Mambo sasa auch ein echter Kaffer, ein Mgoni von Runsewe. Diese Wangoni sind die Nachkommen jener Kaffernwelle, die von allen am weitesten nach Norden gedrungen ist. Während das Gros der reisigen Scharen, die vor einem halben Jahrhundert oder etwas mehr über den Sambesi heraufkamen, sich an beiden Ufern des Nyassa niederließ und unter blutigen Kämpfen Reiche begründete, zogen diese Wangoni am Ostufer des Tanganyika entlang immer weiter nach Norden. Im nordwestlichen Unyamwesi endlich kam auch diese Welle zum Stehen. Unter dem Namen Watuta haben die Nachkommen jener ersten Eroberer jahrzehntelang ein wildes Räuberleben geführt; in den 1890er Jahren hat sie der Hauptmann Langheld endlich in dem genannten Busch von Runsewe seßhaft gemacht.
„Na, Mambo sasa, was wirst du mir schön dolmetschen können“, sage ich zu meinem ewig lustigen Freunde. Mambo ist in der Tat der Spaßmacher der ganzen Kompagnie; seine Stimme ist nicht melodisch, dafür aber laut und ausdauernd; seine Improvisationen verstummen denn auch niemals am Tage, weder auf dem Marsch noch im Lager. Schon stehen sich die Wangoni von Nchichira und der Mgoni von Runsewe einander gegenüber; nach meinem bewährten Verfahren beginne ich meine ethnologische Aufnahme. Mambo hat die Frage verstanden, er gibt sie in der Sprache seiner Jugend weiter. Es erfolgt keine Antwort; verständnislose Mienen ringsum. Das wiederholt sich noch mehrere Male, stets mit demselben negativen Erfolg; die Namensgenossen verstanden einander einfach nicht. In der Folge habe ich die beiden Elemente getrennt vorgenommen und von beiden Sprachen soviel aufgezeichnet, wie es mir angesichts des geradezu fabelhaften Unverstandes sowohl des guten Mambo sasa, wie auch der Stammesgelehrten von Nchichira möglich war. Das Ergebnis lautet, soweit mir eine Übersicht schon jetzt möglich ist, wirklich so, wie ich vermutet hatte: die Wangoni von hier haben mit den gleichnamigen Leuten oben bei Ssongea in Wirklichkeit nur den Namen gemein, nichts weiter; sie sind eine genau so durcheinandergewürfelte Horde von allen möglichen Stammesresten, wie sie in andern Teilen des Südens auch noch existieren.
Einen klipp und klaren Beweis für die letztausgesprochene Vermutung hat mir schließlich das Durchsprechen der Stammesgeschichte selbst gebracht. Neben dem Riesen Makachu ist mein Hauptgewährsmann der alte Madyaliwa, in dessen Dorfbereich die Boma erbaut worden ist, bei dem wir also sozusagen zu Gaste sind, und der der Chef der andern der beiden Sippen zu sein die hohe Ehre hat. Das jüngere und gleichzeitig „gebildete“ Element wird durch Herrn Saidi, den Lehrer von Nkundi, repräsentiert, der auf meinen Hilfeschrei endlich auch herbeikam, um mich aus allen Aufnahmenöten zu retten. Die Leute hier sind aber auch zu hinterwäldlerisch! Mehr als Staffage neben jenen drei Säulen dient ein halbes Dutzend anderer, meist älterer Männer, denen es anscheinend mehr darauf ankommt, meine Barasa vollzuspucken, als meine geschichtlichen Kenntnisse ihres Stammes zu bereichern.
Zunächst stellen Madyaliwa und Makachu ihre beiderseitige Sippenzugehörigkeit fest; jener gehört zur Lukohu der Makāle, Makachu zur Lukohu der Wakwāma. Unaufgefordert beginnt der Recke Makachu, dessen Stattlichkeit leider durch einen sehr tief zwischen den Schultern sitzenden Kopf beeinträchtigt wird, zu erzählen, er sei am Lukimuafluß geboren, aber sein Volk sei an den Mluhesi vertrieben worden, als er ein Junge gewesen sei. Ganz mechanisch ist bei dem Worte Junge der Arm des Sitzenden bis zur Wagerechten in die Höhe gegangen, ebenso mechanisch hat sich die Hand senkrecht zum Arm emporgerichtet. Es seien die bösen Wangoni gewesen, vor denen sie hätten davonlaufen müssen.