„Doch unterhalten könnt ihr euch miteinander?“
Auch hier ein einhelliges, glatt ablehnendes Nein. Aus dem weiteren Verhör geht dann folgendes hervor:
„Wir Leute von Nchichira nennen uns selbst Wangoni, die Leute aber von Ssongea nennen wir Mafiti. Die sind vor langer Zeit von weither gekommen; woher sie aber gekommen sind, das wissen wir nicht. Unsere Väter haben stets am Lukimua gesessen, und wären nicht die bösen Mafiti so oft gekommen und hätten Krieg mit uns gemacht, so säßen auch wir, ihre Söhne, noch immer am Lukimua. Mit den Wamatambwe sind wir nicht verwandt, doch mit den Yao sind wir gute Freunde; unsere Väter sind stets zu ihnen geflüchtet.“
Das ist also das Bild, welches ich auf Grund eines eingehenden Studiums von den Wangoni von Nchichira gewonnen habe. Sie sind in Wirklichkeit, wie ich oben schon sagte, ein Konglomerat aller möglichen Elemente, die sich in den langen Mafitiwirren hier in diesen entlegenen Winkel geflüchtet und zu einer Art Volkstum verdichtet haben. Wie sehr sie den Yao gleichen oder doch zu gleichen streben, zeigt nichts besser als das fast ausschließliche Vorkommen des Kipini, des Nasenpflocks, bei ihren Frauen; die Lippenscheibe ist bei diesen eine Seltenheit. Den Reiz des Neuen und Fremden, den diese Wangoni als wirkliche Kaffern auf mich ausgeübt haben würden, wenn sie sich tatsächlich als Südostafrikaner herausgestellt hätten, haben sie unter diesen Umständen natürlich für mich verloren. Immerhin bin ich sehr stolz darauf, die alte, falsche Ansicht, die man an der Küste von diesen Leuten bis heute hegt, endlich einmal berichtigt zu haben. Indes vermag ich nicht zu leugnen, daß das Ergebnis meiner Untersuchung stark mit dazu beigetragen hat, mir den Abschied von Nchichira leichter zu machen, als er mir sonst wohl geworden wäre.
Blick von Nchichira bei Sonnenuntergang auf den Rovuma, den Rangadi-See und das Mavia-Plateau.
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GRÖSSERES BILD
Mein Abmarsch ist nicht direkt nach Mahuta zurück erfolgt. Nils Knudsen hatte die ganze Zeit über, wo ich mit den Wangonigelehrten volkskundliche Studien trieb, seinen Jagdfreuden gehuldigt. Immer wieder war er den auch hier außerordentlich steilen Plateaurand hinuntergestiegen, um unten in der alluvialen Rovumaebene mit ihrem reichen Wechsel von dichtem, hohem Wald, struppigem Gebüsch und wiesenartigen Flächen dem hier häufigen Dickhäuter aufzulauern und auch andere, kleinere Tiere zur Strecke zu bringen. Oft glaubte ich seine Büchse knallen zu hören, so nahe liegen die Jagdgründe unter der Boma von Nchichira, und mehr als einmal habe ich mir an meinem Standort auf dem Plateaurande eingebildet, die gebückte Gestalt des rasch und doch vorsichtig Vorwärtseilenden da unten auf dem Talgrunde verfolgen zu können.
Der gegebene Abendspaziergang für Nchichira ist nur sehr kurz, doch bietet er eine Überfülle des Schönen. Soeben ist der Sonnenball dort im Westen hinter dem fernen Nyassa zur Rüste gegangen. Aufs äußerste erschöpft, lege ich Notizbuch und Bleistift zur Seite, stecke mir eine frische Zigarre ins Gesicht — wir haben wieder welche, doch keine vom Inder, sondern echte Leipziger; hei, ist das ein Genuß nach jenem Rattengift von Lindi! —, winke meiner Apparatgarde und verlasse mit raschen Schritten die Boma. An ihrem Palisadenzaun schreiten wir entlang, bis er zu Ende ist; damit sind wir auch schon am Ziel: das Rovumatal mit seiner ganzen Herrlichkeit liegt unmittelbar zu meinen Füßen. Das Phänomen eines Sonnenunterganges zu schildern, ist schon an und für sich keine leichte Aufgabe; hier, wo zu der eigenartigen Oberflächengliederung des Landes, seinem merkwürdigen Gegensatz zwischen stärkster Erosion und machtvollster Auflagerung, ein geradezu unerhörter Farbenreichtum des Abendhimmels tritt, versagt die Feder einfach schon aus dem Grunde, weil es angesichts dieser Herrlichkeit für einen fühlenden Menschen überhaupt nicht möglich ist, seine Eindrücke zu Papier zu bringen. Hätte ich Farbenphotographie, das wäre ein Objekt! So muß ich mein Heil mit ganz gewöhnlichen oder höchstens orthochromatischen Platten versuchen; von der wirklichen Farbenpracht bringen diese natürlich nichts, da wird später daheim das Notizbuch aushelfen müssen.
Das Plateau ist hier, an seinem mittleren Südrande, bei weitem niedriger als bei Newala; man kann es auf 400 bis 450 Meter schätzen. Immerhin ruft das 10 bis 15 Kilometer breite, an seiner Sohle kaum 60 Meter über dem Meer gelegene Rovumatal den Eindruck einer gewaltigen, tiefeingeschnittenen Schlucht hervor. Seine beiden Ränder sind absolut gleich; einem Kinde muß es klar werden, daß drüben das Maviaplateau und hier das Makondehochland desselben Alters und eines Ursprungs sind. Es ist der Rovuma mit seiner Sägekraft gewesen, der dies alte Tafelland cañonartig auseinandergeschnitten hat. Jetzt, am Ende der Trockenzeit, sieht der Fluß kläglicher aus denn je: ganz dünn rieselt seine kümmerliche Wasserader in dem kilometerbreiten, von ungeheuren Kies- und Sandbänken erfüllten Flußbett. Um so gewaltiger wird er in der andern Jahreszeit einherfluten; zu meinen Füßen verfolgt das bloße Auge ein ganzes System von Hochflutbetten; auch drüben auf der portugiesischen Seite läßt das Fernglas ähnliches erkennen. Bei Hochwasser muß die Niederung einen großartigen Anblick gewähren; heute waltet mehr der Grundzug des Lieblichen, Heiteren vor. Der graue Streifen mit dem blinkenden Silberfaden darin liegt vor mir, als wenn ich ihn greifen könnte, und dabei sagt Knudsen, man müsse zwei starke Stunden wandern, bevor man am Ufer des Stromes stände. Dermaßen täuscht die merkwürdig klare Luft. Freilich, Rauchwolken steigen auch hier zum Himmel auf; besonders drüben auf der andern Seite, zwischen dem Strom und dem Nangadisee, sind sie zuzeiten recht dicht und häufig. Fast möchte ich meinen, die guten Mavia wollten den unglücklichen Portugiesen, der dort in seiner, mit dem Glase ganz deutlich wahrnehmbaren Boma wohl darüber nachdenken soll, wozu er eigentlich hierher verdammt worden ist, ausräuchern, so konzentrisch legen sich die Flammengürtel um das Haus des einsamen Europäers. Wendet sich aber das Auge mehr nach rechts: fast unabsehbar dehnt sich das graue Rovumabett mit seinen grünen Rändern gen Westen. Der Lidedesee ist nicht gar nahe, aber auch er liegt in dieser Perspektive noch fast zu unsern Füßen, so weit vermag mein scharfes Auge noch über ihn hinaus in das Innere des Erdteils zu schauen. Über dem allen das Erglühen des ganzen westlichen und südlichen Horizonts in tausend leuchtenden Tinten. Fast scheint es, als wolle auch die Sonne dieser Schönheit zuliebe nicht so rasch scheiden, wie sie das sonst zwischen den Wendekreisen zu tun beliebt; nur ganz langsam und allmählich werden der Farben weniger, wird ihre Leuchtkraft geringer. Nur mit Mühe habe ich mich von dem Bilde losreißen können, um mit kleinster Blende ein paar Aufnahmen dieser wunderbaren Szenerie auf die Platte zu bannen; stumm und sichtlich ebenso ergriffen wie ihr weißer Herr stehen auch meine schwarzen Freunde hinter mir. Erst dunkelt es langsam, dann senken sich rascher immer schwerere Schatten auf den Lidede und den Nangadi hernieder; auch über die Matten und den grünen Wald streichen jetzt die ersten dunkeln Töne dahin, nur das helle Grau des Strombettes hebt sich noch eine Weile aus der sinkenden Nacht hervor. Ich bin ein durchaus nüchtern veranlagter Mensch, aber ich gebe gern zu: ich hätte die Ziele eines Marsches bis zum entlegenen Nchichira als erreicht angesehen, selbst wenn dort keine Wangoni wohnten; ein einziger Sonnenuntergang hätte mich für alle Mühsal entschädigt.