In diesem Stromtal hatte also Nils Knudsen als ein gewaltiger Nimrod gewaltet. Es brauchte nur der erste beste Neger zu kommen und ihm zu sagen: „Herr, viele Elefanten stehen da unten“, so war er zehn Minuten später schon, so schnell es sein Seemannsgang erlaubt, auf dem Marsch. Verständigerweise vertraut er aber seinen eigenen Donnerbüchsen nicht mehr, sondern hat mich um eins meiner trefflichen Gewehre gebeten. Wie immer, sitze ich an einem Nachmittag mit meinen Gelehrten zusammen. Mit dem Kingoni will es gar nicht vorwärtsgehen; heiße ich die „Intelligenz“ Saidi übersetzen: Dein Vater ist gestorben, so kommt unweigerlich ein Satz zutage, der sich bei der Nachkontrolle herausstellt als: Mein Vater ist gestorben, und lasse ich ihn sagen: Mein Vater ist gestorben, so übersetzt er von seinem Standpunkt aus ganz richtig: Dein Vater ist gestorben. Solche Scherze sind mir seit langem geläufig, sie regen mich nicht mehr auf; schlimmer wird es schon, wenn man die persönlichen Fürwörter: ich, du, er, wir, ihr, sie festlegen will; Herrgott, welche Mühe haben mir diese schon bei den doch wahrlich nicht dummen Lehrern von Newala verursacht! Hier geht’s überhaupt nicht; ich mag anstellen, was ich will, die dritte Person Singularis und Pluralis sind nicht zu erzielen. Die erste und zweite habe ich glücklich noch herausgebracht, selbstverständlich auch wieder in der bekannten Umkehrung; will ich haben: „Ich“ und deute unwillkürlich dabei auf mich, so bekomme ich unfehlbar „du“ heraus, und umgekehrt. Resigniert will ich mir gerade eine Beruhigungszigarre anbrennen, da entsteht ringsum eine merkliche allgemeine Aufregung. In einem Tempo, gegen welches die Geschwindigkeit des Läufers von Marathon ein Schneckengang gewesen sein muß, rast einer der Diener Knudsens heran; sein Mund sprudelt irgend etwas hervor, von dem ich nichts verstehe; erst aus dem Munde meiner rasch zusammengelaufenen Leute und der Bomaeinwohner erfasse ich, daß Knudsen erfolgreich gewesen ist und einen stattlichen Elefanten zur Strecke gebracht hat. So groß, und dabei spreizen die Kerle ihre Gibbonarme auseinander, soweit es nur irgend geht, seien die Stoßzähne, und Fleisch gäbe es jetzt! Ich sah förmlich, wie den Burschen das Wasser im Munde zusammenlief.

Dieser und der nächste Tag haben ganz unter dem Zeichen des getöteten Elefanten gestanden. Wahre Berge von Fleisch wurden herangeschleppt, die ganze Gegend roch nach afrikanischer Küche, jedoch nichts weniger als schön. Dann kamen die vier Füße; darauf die Zähne; endlich der erfolgreiche Jäger selbst. So stolz der wackere Nils auch einherschritt, sehr glücklich war er über den Schuß nicht, denn in Wirklichkeit waren die Zähne im Verhältnis zu der Größe des Tieres nur sehr klein, nach unserer Schätzung höchstens 40 Pfund schwer. Dafür brachte mein Nimrod mir aber eine andere, für mich viel frohere Kunde: die Leute dort unten, die wohnten ganz anders als hier oben, fein und fremdartig zugleich; mehrstöckige Häuser seien es, die man da unten zu sehen bekäme! Nils hat erst einen Schwur tun müssen, daß er nicht lüge. Als er ihn aber, ohne mit der Wimper zu zucken, geleistet hatte, da hat es mich auch nicht mehr länger oben gehalten, und schon am nächsten Frühmorgen sind wir wie die Affen an den Klippen und Felsen des Plateaurandes in die Stromebene hinuntergestiegen.

Matambwefischer, mit einer Wasserschlange um eine gefangene Schildkröte kämpfend.
Zeichnung des Askari Stamburi (s. [S. 449]).

Seit ein paar Tagen nun sitzen wir hier im kümmerlichen Schatten verkrüppelter Bäume inmitten eines Gewirrs von Röhricht und hohem Grase, in dem unsere Leute nur mit Mühe den Platz für die Zelte freimachen konnten, unmittelbar am linken Ufer des Hauptstromes. Es ist eine Stelle, die den Ausblick aufwärts und abwärts auf eine weite Strecke gestattet; auch geradeüber liegt ausnahmsweise keine der sonst häufigen Inseln, so daß der Blick ungehindert über ein wahres Meer von Sandbänken bis ans jenseitige Ufer schweifen kann. Die vom mittleren Rovuma her sattsam bekannten steilen Abbruchsufer sind auch hier die Regel; sitzt man auf solch hoher Böschung, so ist es schon eine Kunst, das unvermutet und schnell auftauchende Flußpferd mit der Kugel zu treffen; selbst der sonst unfehlbare Nils knallt unter zornigem Knurren vorbei. Diese Steilwände sind aber auch das einzig Malerische in der weiten Einöde des Flußbettes selbst, sonst nur Kies und Sand und Sand und Kies, wohin man blickt. Zwischen ihren Massen verkrümelt sich der Rovuma noch mehr als weiter oben an der Bangalamündung, und die Wamatambwe, die hier zahlreicher schweifen als weiter oben, haben es keineswegs nötig, zu ihren berühmten Schwimm- und Tauchkünsten zu greifen; ganz gemächlich waten sie durch die einzelnen Rinnsale hindurch. Freund Nils kommt damit um eine wunderschöne Gelegenheit, mich von der Wahrheit einer Geschichte zu überzeugen, die er nicht müde geworden ist, mir stets von neuem zu erzählen, sooft von den Wamatambwe die Rede war.

„Schwimmen können die,“ hatte er immer gesagt, „das Krokodil ist nichts dagegen, und Furcht vor dem Reptil hat ein ordentlicher Matambwe auch nicht; erstens hat er seine Daua dagegen, und dann ist er im Wasser auch viel gewandter als das Tier. Wenn aber der Rovuma Hochwasser hat, und die Matambwe können mit ihren Einbäumen nicht über den reißenden Strom, da laufen sie einfach hinüber.“

„Wie, Herr Knudsen, die Leute laufen hinüber? Wie machen sie denn das? Etwa auf Wasserschuhen, oder wie sonst?“

„Unten durch“, sagt Nils darauf und dabei macht er eine so bezeichnende Gebärde, daß man den Eindruck hat, er selbst sehe sich in diesem Augenblick auf dem Grunde des hochgeschwollenen Stromes dahinkrabbeln.

„Aber Mann,“ wage ich angesichts dieser Entschiedenheit nur noch ganz schüchtern einzuwerfen, „der Fluß ist dann doch über 1000 Meter breit; selbst wenn die Matambwe in der Minute 100 Meter abspazierten, was selbst in ruhigem Wasser nicht einmal möglich ist, geschweige denn in dem pfeilschnell fließenden Strom, so würden sie doch volle zehn Minuten unter Wasser sein müssen.“

Nils hat nicht nur den Dickschädel des echten Nordgermanen, er hat auch den Vorzug des bessern Landeskenners; daher wundert es mich gar nicht, daß nur eine Art bedauernder Blick mich streift. „Aber Neuling, was verstehst denn du davon?“ soll der mir besagen.