Also von diesen Taucherkünsten des sonst ganz amphibischen Volkes bekomme ich jetzt nichts zu sehen. Dagegen scheint mir auf Grund eigener Beobachtung das Zutrauen zu der berühmten Krokodildaua keineswegs so groß zu sein, wie Nils das behauptet; kommen die Matambwemänner, die Knudsen unentwegt über den zu unseren Füßen rauschenden Stromarm hinüberschickt, um die von ihm erlegten zahlreichen Enten zu holen, unversehens einmal in eine tiefere Stelle, ei wie ängstlich schauen sie da um sich und wie schnell hasten sie dem rettenden Ufer zu.

Doch darum bin ich ja gar nicht zum Rovuma hinabgestiegen; zu meinem Lobe kann ich auch gestehen, daß ich von der mir so karg zugemessenen Muße immer nur die Nachmittage auf den Strom verwendet habe; der Vormittag ist stets der Erscheinung gewidmet gewesen, von der Knudsen so viel Aufhebens gemacht hatte. Und diesmal hat er endlich einmal recht gehabt; selbst die einfachste Photographie besagt mehr als die langatmigste Beschreibung, daher verweise ich auf die beigegebenen schönen Bilder und beschränke mich in meinem Kommentar zu dieser merkwürdigen Erscheinung der Pfahlbauten lediglich auf das, was dem Völkerkundler und Kolonialfreund zu wissen unumgänglich notwendig ist.

Unser Abmarsch von Nchichira hat sich um ein weniges verzögert; Ursache: ein warmer Regen, der in langen, senkrechten Linien auf den pulvertrocknen Sand „herunternieselt“. Ein förmliches Aufatmen ringsumher bei Natur und Mensch, ist es doch der erste Bote der rasch herannahenden Regenzeit. Doch nur zu bald tritt wieder die unbarmherzige Sonne in ihre Rechte, der Zug setzt sich in Bewegung und verschwindet rasch im nahen Abgrund. Schon nach wenigen Metern Abstieg hört die Schlüpfrigkeit des steilen Pfades auf, heiß und trocken knirschen Stein und Fels unterm Fuß, heiß und trocken ist auch die Atmosphäre, in die wir mit jedem Schritt um den Bruchteil eines Meters hineintauchen; daß hier der Regen noch im Fallen hat verdunsten müssen, versteht man wohl. Endlich sind wir unten; ein dichter Urwald von gewaltigen Stämmen nimmt uns auf, doch auch hier nichts von der Kühle des deutschen Waldes; heiß, feucht und moderdunstig schlägt die Luft uns entgegen, und nur unsicher tastet der Fuß über den schwanken Boden hin. „Wenn das die Forstverwaltung wüßte; hier ist Nutzholz zu holen“, sage ich noch eben zu mir selbst, da hört auch schon die Herrlichkeit auf. Hat ein Orkan hier gehaust, oder ist die Lawine herniedergegangen vom jähen Steilabhang nebenan? Wie geknickte Streichhölzer liegen die gewaltigen Stämme kreuz und quer, durch- und übereinander; ein wahrer Jammer ist’s, das Ausmaß dieser Vernichtung mit dem ökonomischen Auge des Europäers sehen zu müssen. Mühselig springen und klettern wir weiter; der Boden wird trockner, jetzt tritt der Fuß hie und da in dichte Aschenhaufen; noch ein forschender Blick ringsum, dann ist mir alles klar. Auch hier unten ist es der Mensch, der die Natur nicht in Frieden lassen kann. Das Makondeplateau wäre mit seinen 10000 Quadratkilometern wahrlich groß genug, um lumpigen 80000 oder 90000 bedürfnislosen Negern das bißchen Lebensunterhalt zu gewähren. Nein, in Wirklichkeit genügt es diesem Neger, wie man sieht, nicht; in weitem Umkreis hat er mit seiner scharfen Hacke das Unterholz niedergeschlagen und verbrannt, den Riesenbäumen aber ist er in seiner gewohnten Weise mit Axt und Feuer zu Leibe gegangen; überall glimmt es an den Enden und Seiten der Stämme, und weiße Aschenleichen zeugen, genau wie an den jungfräulichen Stellen oben auf dem Plateau, von der verschwundenen Pracht stattlicher Laubbäume. Und da bringen sie auch schon einen der Sünder heran; bei Gott, es ist der alte Madyaliwa selbst; zum Überfluß grinst er auch noch, ganz stolz auf sein Zerstörungswerk. Und sein Beil hat der alte, schwache Mann noch in der Hand.

Waldverwüstung im Rovumatal bei Nchichira.

An wirklichen Wäldern mit brauchbarem Nutzholz ist Deutsch-Ostafrika wahrlich nicht reich; der berühmte Schumewald in Usambara und einige andere, ob ihrer Seltenheit angestaunte Wälder helfen uns über diese bedauerliche Tatsache nicht hinweg. Um so gebieterischer ergibt sich für uns die Notwendigkeit, die bisher unberührten Hochwaldkomplexe hier am Rovuma vor dem Raubbau der Eingeborenen zu schützen. Wir haben ein wohlbegründetes Recht dazu, den Anwohnern dieses Tales jeden Axthieb in ihm zu untersagen, denn die Besitzergreifung dieses neuen Kulturbodens außerhalb ihres altangestammten Plateaus ist lediglich eine Folgewirkung der durch die Deutschen herbeigeführten neuen, sicheren Verhältnisse. Schaute nicht hoch oben die Boma von Nchichira so kühn und trutzig ins Tal und zu den Mavia hinüber, keinem Mgoni und keinem Makonde würde es einfallen, auch nur ein Korn Mais außerhalb des Plateaurandes zu pflanzen. Heute wissen die Leute ganz genau, daß sie unter unserm Schutze auch da unten vor Überfällen vom andern Ufer aus sicher sind, daher steigen sie hinab und zerstören uns unsere schönsten Wälder.

Doch weiter geht es, eine Bodenwelle hinauf; dort ist endlich das Wunder, und gleich in doppelter Gestalt sogar. Staunend stehe ich vor einem Turm, und verständnislos glotzen auch meine Leute das fremdartige Bauwerk an. Madyaliwas neues Palais — hierher also hat sich der Alte täglich nach unserem Schauri zurückgezogen — ist nun zwar nicht dreistöckig, wie Nils Knudsen behauptet hatte, doch zwei Stockwerke und eine Mansarde bekommt man mit einiger Sophistik sehr wohl heraus. Das Parterre beherbergt die Wirtschaftsräume; in Wirklichkeit ist es ein mit Stroh umhüllter quadratischer Raum, in dessen Mitte das übliche Herdfeuer zwischen den drei Klumpen Termitenerde glimmt, und der wie immer angefüllt ist mit Töpfen, Löffeln, Kellen und anderem Hausrat der Negerin. In der „Beletage“ ist es weit feiner; nur der Aufgang läßt an Bequemlichkeit zu wünschen übrig. Als alter Turner bin ich im Nu oben, dem ungelenkeren Nils machen die in meterweitem Abstand an die Tragpfeiler des Hauses gebundenen Sprossen dagegen arge Pein, und wie der alte steifbeinige Madyaliwa nebst Gemahlin allabendlich diese Hühnerstiege emporklimmt, ist mir erst recht ein Rätsel. Doch dafür entschädigt ihn dann das ganz behagliche Schlafkabinett: eine dicke Strohlage bedeckt den Knüppelboden, die dürren Leiber aber hüllen sich in gar nicht üble Matten. Die Wangoni haben kein Mutterrecht, daher verstößt es nicht wider den Anstand, wenn Abdallah, der Kronprinz, oben das Dachgeschoß bewohnt; auch dieses ist für Negerverhältnisse ganz nett mit weichem Lager, Matten und Vorratskörben eingerichtet.

Pfahlbau am Rovuma bei Nchichira.

Das ist meine erste Berührung mit den Pfahlbauten der hiesigen Gegend gewesen; an sie schlossen sich noch sehr ausgiebige Studien, das Gesamtbild aber ist folgendes. Selbstverständlich dachte ich, als ich den ersten Orientierungsmarsch beendet und überall nur Pfahlbauten vorgefunden hatte, an die Furcht vor Moskitos und Überschwemmungen als Entstehungsursache dieser Bauart; manche der hochragenden Hütten liegen ja auch in Wirklichkeit unmittelbar im Bereich der Hochflut des Stromes. Indessen die Mehrzahl befindet sich auf den Rücken von Hügelwellen, die ganz außerhalb des Hochwasserbereichs liegen. Fragen wir also die Eingeborenen selbst, warum sie gerade so und nicht anders bauen. Gesagt, getan. „Pembe, der Elefant“ antwortete uns der eine, „pembe“ sagt auch der folgende, „pembe“ sagen auch die übrigen. Ich habe es zuerst nicht glauben wollen; der Elefant ist doch ein überaus scheues Tier, das die Nähe des Menschen unter allen Umständen meidet; da berichten uns die Eingeborenen, daß die hiesigen Vertreter der Spezies Elephas ein wenig anders geartet seien als ihre Brüder anderswo; erst vor wenigen Tagen habe ein solches Untier einen friedlich des Weges wandelnden Mgoni ganz ungereizt ergriffen und in die Höhe geworfen. Auch wenn ich mir den derben Palisadenbau betrachte, der so manche dieser hohen Bauten umgibt, so muß ich mir sagen: so ganz unrecht scheinen die pembefürchtenden Helden hier doch nicht zu haben. In jedem Fall hat mir die Entdeckung dieses Pfahlbautenstrichs hier dicht unter der Küste eine fast ebenso große Freude bereitet wie mein glückliches Erfassen der alten Stammesaufteilung im kühlen Newala.