Nakaams topographische Kenntnisse waren, wie die Moritzens, auch nur theoretischer Natur; er kannte zudem nur Berlin. Doch welch tiefes Interesse hatte dieser Mann an allen möglichen Einzelheiten einer europäischen Stadt! Die Länge der Straßen wollte er wissen, die Höhe der Häuser, und wie man hoch oben auf diese Türme von Häusern hinaufkäme; und wieviel Menschen in einem Hause wohnten, und wo sie ihre Chakula, ihr Essen, kochten, und hundert andere Dinge mehr. Für mich mit meinem immerhin geringen Suaheliwortschatz war es natürlich ganz unmöglich, diese Wißbegier in ihrem ganzen Umfange zu befriedigen; um so dankbarer konnte ich Knudsen für seine Aushilfe sein.

Den nächsten Tag sind wir bis zu einem gottverlassenen Nest namens Mkululu marschiert; es ist noch auf keiner Karte verzeichnet. Wie stachen die elenden Hütten hier von Nakaams Palast ab, und wie unendlich schmutzig und verwahrlost waren Dorfplatz und Barasa! Beide bedurften erst einer gründlichen Reinigung, bevor wir unsere Zelte unmittelbar am Rasthaus selbst aufrichten konnten. Und doch müssen wir dem Schicksal danken, daß wir ganz instinktiv den Schutz dieses dörflichen Strohdaches gesucht haben. Der Sturm, der uns in Mwiti die Abende so verleidet hatte, setzte auch hier bald nach Sonnenuntergang ein. Im Freien wäre überhaupt keines Bleibens gewesen, so wirbelten Staub und Laub und Gras und Zweige in der Luft herum; doch auch unter der Barasa war es nicht zum Aushalten. Also marsch ins Zelt und ins warme Bett hinein. Aber was ist das? Das Bett will heute gar nicht warm werden; ich nehme zu der einen, gewohnten Kamelhaardecke noch die zweite. Es nützt alles nichts; ein wahnsinniger Frost schüttelt meine Glieder, und die Zähne klappern, daß es zeitweise selbst das Brausen des Sturmes übertönt. Dieses Brausen ist mit jeder Viertelstunde lauter und fürchterlicher geworden; ich schiebe mein Frieren auf den üblichen abendlichen Temperatursturz und stehe auf, um das Zelt noch dichter zu machen. Ich bin gar nicht einmal ganz aus seinem Innern ins Freie getreten; dennoch bin ich heilfroh, mich wieder in seinen Schutz zurückgerettet zu haben. Ein wahrer Hexensabbat umtobte Barasa und Zelt; heulend, sausend, pfeifend umrasten dicke Wolken von Staub und Unrat meine schwanke Segeltuchhütte, und wirbelnd umfaßte mich die Windsbraut, als ich nur ein wenig ins Freie trat. Dazu ein unaufhörliches Krachen und Brechen ringsum; starke Äste mußten es sein, die von den hohen Dorfbäumen herabgeschleudert wurden, und selbst die Bäume schienen einem solchen Aufruhr der Natur nicht standhalten zu können. Ich habe in jener Nacht kein Auge schließen können; der starke Schüttelfrost wich bald einem starken Schweißausbruch; nur der unerbittliche Zwang weiter zu marschieren, hat mich am frühen Morgen auf die Beine gebracht.

Hüttentypus der Rovumaebene.

Hüttengrundriß.

Über den Gewaltmarsch von Mkululu bis Chingulungulu möchte ich mich am liebsten ausschweigen; eine rühmliche Rolle kann ich in meinem Zustand in den Augen unserer Mannschaft an jenem Tage kaum gespielt haben. Auch Knudsen hatte Fieber. Am frühen Morgen, solange es noch kühl und der Wald frisch und grün war, ging es noch. Zwar mit dem Reiten war es nichts. Der Weg führte zunächst am Westfuß des Makondeplateaus entlang. Es ist dies ein Gebiet hoher Aufschüttung, zugleich auch eines starken Quellenreichtums. Alle paar hundert Meter steht infolgedessen die Karawane am Rande einer viele Meter tief senkrecht eingeschnittenen Schlucht, die sich die Gewässer in das lockere Erdreich gegraben haben. Unsicheren Fußes stolpert man den steilen Abhang hinunter; nur mit Anspannung aller Kräfte des fiebergeschwächten Körpers kommt man an der gegenüberliegenden Seite wieder hinauf. So geht das mehr als ein dutzendmal; da biegt der Führer vom Wege ab und verschwindet rechts im Pori. Dieses wird lichter und lichter, je weiter die Steilwand des Plateaus hinter uns zurückbleibt; schließlich ist es die typische lichte Baumgrassteppe: ein Baum genau wie der andere, frisches Grün nur hier und da; Unterholz auch nur spärlich, aber wo es auftritt, von dorniger Beschaffenheit; das Gras an den meisten Stellen bereits abgebrannt. Dann wirbelt in der glühenden Mittagshitze eine undurchdringliche Aschenwolke, hervorgerufen durch lokale Wirbelwinde, mehr wohl noch durch die Tritte der Marschierenden, um uns herum, alles mit einer dichten schwarzen Schicht überziehend. Ich habe die Zügel meines Tieres längst aus der Hand gelassen; zweimal ist es in seinem angeborenen Stumpfsinn und in seinem natürlichen Bestreben, stets den geraden Weg zu gehen, in einen Dornenbusch gelaufen, so daß ich wohl oder übel mich habe nach hinten fallen lassen müssen. Endlich die erste Erlösung: das stolze Haus des Yaohäuptlings Susa taucht vor uns auf; wenige Minuten später liegen Herren und Diener keuchend in seinem Schatten.

Es ist doch etwas Stolzes um die Willensstärke eines Vollkulturmenschen. Trotz unseres jammervollen Befindens hat es uns nicht fünf Minuten auf unseren Reisestühlchen gelitten, da standen Knudsen und ich auch schon in Susas Haus und fragten und forschten und skizzierten und sammelten. Dieses war auch sehr wohl angebracht, denn Susa scheint nicht nur persönlich ein ganz einzigartiger Vertreter seiner Rasse zu sein, sondern auch sein Haus ist eingerichtet, wie man es beim Neger niemals erwartet hätte. Er selbst mit langem, schwarzem Vollbart, gut und sauber in weiße Stoffe gekleidet, von intelligentem Gesichtsausdruck; seine Räume hoch, außerordentlich sauber mit Lehm ausgestrichen, hell und luftig. Der Herd ein wirkliches kleines Kunstwerk; zwar auch die üblichen drei kopfgroßen Steine, aber diese Steine liegen auf einer erhöhten Plattform aus Lehm, die sich die ganze Küche hindurch in Meterbreite an der Wand entlang zieht. Rings um das Feuer eine ganze Reihe höchst merkwürdiger, ebenfalls aus Lehm hergestellter Konsolen, die, wie der Augenschein lehrt, den rundbäuchigen Töpfen als Standfläche dienen. Und nun erst der Raum des Hausherrn selbst! Zu europäischen Kanapees, wie der Kamerunnigger sie längst in seiner Hütte besitzt, hat es der Ostafrikaner Gott sei Dank noch nicht gebracht; dafür sehen wir aber hier die Urform eines Ruhebetts: ebenfalls eine Plattform aus Lehm, 30 Zentimeter hoch, mehr als meterbreit, die Kanten nach außen abgeschrägt; als Ruhelager für Kopf und Oberkörper eine schiefe Ebene am oberen Ende; das Ganze endlich mit schönen, sauberen Matten überdeckt.

Und doch kann ein Mann wie Susa nicht aus seiner Haut. Nach Besichtigung aller Räume umschreiten wir das Haus. Was hängt denn da? rufe ich und greife nach einer prächtigen Leberwurst, die an einem fingerdicken Holzstabe von der Dachtraufe herniederhängt. Freilich, Form und Aussehen unseres heimatlichen, schätzenswerten Genußmittels hat das Ding wohl, auch führt der Baum, auf dem es heranreift, im Munde der Weißen tatsächlich den Namen Leberwurstbaum, aber im übrigen bestehen zwischen Leberwurst und Kigelia weiter keine Beziehungen. Nach einigem Zögern rückte Herr Susa mit einer Erklärung heraus. Es war natürlich eine Daua, eine Medizin oder ein Amulett oder wie man solch ein Schutzmittel nennen will. Die Frucht hatte die nicht leichte Aufgabe, das Dach des Hauses vor den Folgen der hier in der Ebene angeblich sehr häufigen, starken Windhosen zu schützen, von denen es hieß, sie trügen mit Vorliebe Hausdächer davon. Welche Ideenverknüpfung dazu geführt hat, der harmlosen Baumfrucht die Fähigkeit zuzusprechen, die Natur selbst in ihren stärksten Kraftäußerungen zu besiegen, war aus Susa nicht herauszubekommen.