Ruhelager und Herd Susas.

Auch der vorherige Marsch durch das Pori hat mir Gelegenheit zu ein paar hübschen Beobachtungen gegeben. In malerischem Durcheinander lagert meine Karawane zur Frühstückspause an einer verhältnismäßig grünen Stelle im Walde; Knudsen und ich sitzen etwas abseits, weil meine Geruchsnerven in diesem Fieberstadium noch sensibler sind als gewöhnlich. Da schlagen faule Witze an unser Ohr, ganz im Charakter der unserer Soldaten, wenn ein weibliches Wesen in Rufnähe an einer Kriegerschar vorüberkommt. Tatsächlich ist die Sachlage die gleiche; im Abstande von 20 bis 30 Metern sucht ein junges Weib die Gruppe der Fremdlinge zu umgehen. Das ist nun an sich weiter nichts Aufregendes, aber plötzlich rufen alle meine Mannen, die ja längst wissen, was mich am meisten interessiert: „Kipini, bwana, siehe den Nasenpflock, Herr!“ Im nächsten Augenblick haben einige von ihnen die Maid auch schon zu uns herangeführt. Es ist allerdings ein ausnehmend herrliches Exemplar von Ebenholzpflock, was diese Schöne in ihrem linken Nasenflügel trägt, womöglich noch zierlicher und geschmackvoller mit Zinnpflöckchen ausgelegt, als man es sonst zu sehen gewohnt ist. Zuerst steht die Frau unsern Kaufangeboten glatt ablehnend gegenüber, schließlich aber scheint doch die Furcht vor so viel wild aussehenden fremden Männern wirksamer zu sein als selbst der Glanz eines Viertelrupienstücks. Zögernd fährt sie mit der Linken an die Nase, fast gleichzeitig folgt die Rechte nach. Mit einem geschickten Druck muß die Linke das Kipini aus seinem gewohnten Lager befreit haben, denn schon reicht sie das Ding herüber. Sichtbar ist der ganze Vorgang nicht gewesen, denn mit einer geradezu unerklärlichen Ängstlichkeit und Beharrlichkeit hat sie die ganze Nasenpartie mit der ausgebreiteten Rechten überdeckt. Auch jetzt, nachdem sie längst ihr Silberstück in Empfang genommen hat, steht sie noch in dieser Haltung da; meine Leute witzeln von neuem, doch immer fester drückt die Frau die Rechte auf die entblößte Stelle. Mit diesem Hinweis auf die lokale Nacktheit haben wir den Vorgang psychologisch unzweifelhaft richtig gedeutet; mit der Entfernung des Kipini wird das Schamgefühl verletzt, daher das krampfhafte Zudecken jener Stelle.

Yao-Frauen mit Nasenpflock.

Eine solche „Verlagerung“ des Schamgefühls ist in der Völkerkunde nichts Seltenes. Mit innigem Behagen lese ich in meiner Bibel, der Peschelschen Völkerkunde, immer wieder jene köstliche Stelle, wo der Autor schildert, was ein frommer Moslim aus Ferghana tun würde, wenn er einem unserer Bälle beiwohnte. Peschel meint, daß dieser brave Moslim, wenn er die Entblößungen unserer Frauen und Töchter, die halben Umarmungen bei unseren Rundtänzen wahrnähme, im stillen nur die Langmut Allahs bewundern würde, der nicht schon längst Schwefelgluten über dieses sündhafte und schamlose Geschlecht habe herabregnen lassen. Denselben Anschauungen entspricht es, daß die Araberin Fuß, Bein und Busen ohne Verlegenheit sehen läßt, daß aber die Entblößung des Hinterhauptes bei ihr für noch unanständiger gilt als die des Gesichts, das ja auch sorgsam verborgen wird. Wieder eine andere Verlagerung des Schamgefühls ist die ängstlich angestrebte Bedeckung des Nabels bei den Malaiinnen und auch auf den Tonga-Inseln, während jeder andere Körperteil skrupellos zur Schau gestellt wird. Noch weiter von unseren Anschauungen weicht schließlich diejenige der Chinesen ab, wo es als höchstes Ausmaß der Unanständigkeit angesehen werden würde, wenn die Frau einem Manne ihren künstlich verkrüppelten Fuß zeigte; gilt es dort doch sogar für unschicklich, auch nur von ihm zu sprechen. Würde man in gleicher Weise die ganze Erde absuchen, eine Unsumme der verschiedensten, nach unseren Begriffen seltsamsten Anschauungen über Anstößiges und Gestattetes würde uns dabei entgegentreten. Unsere eigenen Ansichten über diesen Punkt sind in dieser langen Reihe auch nur eine von den vielen; auch ist ihre Berechtigung durchaus nicht besser begründet als irgendeine der anderen, denn alle diese Anschauungen haben genetisch das gemeinsam, daß a priori überhaupt nichts als verwerflich und anstößig erscheint; erst nachdem sich eine bestimmte Ansicht darüber gebildet hat, welcher Körperteil zu verhüllen und welcher unbekleidet zu lassen sei, wird ein Verstoß gegen diese Ansicht zu einer verwerflichen Handlung; nicht früher.

Die andere Beobachtung hat einen ernsthafteren Einschlag. In dumpfem Brüten zieht die Karawane durch das Pori dahin; alles „döst“, wie man bei uns in Norddeutschland den Zustand zwischen Nichtdenkenwollen und Nichtdenkenkönnen bezeichnet. Plötzlich fliege ich halb aus dem Sattel; mein Reittier ist jäh zur Seite gesprungen und macht Miene, in den dritten Dornenbusch hineinzurasen. Da ist auch schon die Ursache. Ein schräg aus dem Waldboden herausragendes Etwas, das sich bei näherem Zusehen als ein eingegrabener Baumrindenzylinder entpuppt. Das Ding ist reichlich einen halben Meter lang und an dem oberen, unbedeckten Teil mit ein paar vorgesteckten Rindentafeln verschlossen. Von meinen Leuten weiß niemand aus dem Funde etwas zu machen, wohl aber bringen ein paar zufällig des Weges kommende Landeskinder die gewünschte Aufklärung. Es ist ein Kindergrab, und zwar das eines totgeborenen Kindes. Diese werden bei den Makua immer in dieser Weise beerdigt, heißt es.

Makuakindergrab.

Nach kurzer Rast bei Susa sind wir von neuem aufgebrochen, um am selben Tage noch Chingulungulu zu erreichen. Dabei werden Knudsen und ich von neuem vom Fieber erfaßt; krampfhaft halte ich mich auf meinem Maultier; auch Knudsen kann sich nur mit Mühe aufrecht erhalten. In ewigem Einerlei gleitet das lichte Pori an uns vorüber; Baum für Baum; es ist kein Ende abzusehen. Ich auf dem Reittier fühle meine Beine nicht mehr; alle paar Minuten schaue ich nach der Uhr; im Schädel hämmert’s und pocht’s — es ist eine Qual. Endlich, endlich ein fester Punkt im schrankenlosen Meer der Bäume: ein umgestürzter Koloß versperrt den Weg. Wie ein Klotz ist der Norweger auf ihn niedergesunken; nur nach langem Zureden bringe ich den Fiebernden wieder empor. Noch einmal geht’s weiter; da hört das Ohr Stimmengewirr. Wie durch einen Schleier erkenne ich Matola, der mir in Massassi bereits begegnet ist; bei ihm sind eine Anzahl weißgekleideter Männer, die sich immerfort feierlich verneigen. Ich lächle und winke mit der Hand. Wir kommen an ein von vielen Säulen getragenes Haus; unendlich mühsam steige ich vom Reittier, ich klappere vor Frost trotz des fast senkrechten Sonnenstandes. Mit freundlicher Miene stellt mir Matola sein Säulenhaus zur Verfügung; ebenso freundlich kredenzt er mir einen Krug kühler Milch. Mein Sinn ist nicht nach materiellen Genüssen; nur ins Bett — nichts weiter. Mein Blick sucht Knudsen. Taumelnd verschwindet er gerade im rasch errichteten Zelt. Zwei Minuten später bin auch ich in zwei warme Kamelhaardecken gewickelt. Tut das wohl! Und nun hinein ins erste Fieber!