Matolas Gehöft (s. [S. 173]).
Neuntes Kapitel.
Bei Matola.
Chingulungulu, Mitte August 1906.
Ein Gutes hat so ein richtiges, tüchtiges Fieber bei allen Übeln doch; ist es zu Ende, so hat der Rekonvaleszent einen Appetit, daß unser sanfter Ausdruck „essen“ sich zu dieser Tätigkeit des Nahrungvertilgens verhält wie der liebliche Ton der Hirtenschalmei zum donnernden Schlachtgetöse. Ein ganzes gebratenes Huhn ist in dieser Lebenslage für ein Frühstück gerade knapp ausreichend, wohlgemerkt, wenn man vorher noch einen großen Teller Knorrscher Suppe vertilgt hat und hinterher einem noch viel größeren Eierkuchen mit eingebackenen Bananen entgegensieht. Aber es geht dann auch schnell mit der Wiederherstellung; sehr bald schmeckt wieder die Zigarre, bekanntlich der beste Maßstab des Wohlbefindens seit Wilhelm Busch. Nur ein gewisses „Brägenschülpen“, das Gefühl, als wenn das Gehirn den ihm zur Verfügung stehenden Raum nicht ganz ausfüllte und daher bei jeder Kopfbewegung an den Rändern Wellen schlüge, erinnert noch ein paar Tage lang in allerdings sehr wenig angenehmer Weise an den schweren Fieberanfall.
Traum und Wirklichkeit oder Poesie und Prosa, so könnte man das berühmte Chingulungulu mit Fug und Recht benennen. Man muß in der Tat wie Nils Knudsen ein Jahrzent im Busch gesessen haben, um dieses Emporium alles Schmutzes, Dreckes und Staubes für das Paradies anzusehen, welches Chingulungulu nach Knudsens Ansicht auch heute noch darstellt. Selbstverständlich haben wir unsern Wohnsitz unter der berühmten Barasa aufgeschlagen. Sie ist wirklich ein gar stolzes Gebäude. Eigentlich ist es nur ein von Säulen getragenes Strohdach, aber dieses Strohdach hat 15 Meter Durchmesser und liegt mit seiner Spitze mindestens 6 bis 7 Meter über dem Estrich. Auch architektonisch ist es eine beachtenswerte Leistung: um den Mittelpfeiler stehen die übrigen Säulen in drei konzentrischen Kreisen; der Fußboden ist gestampfter Lehm, mit Asche vermischt. Gestampft ist nicht der richtige Ausdruck, die Leute benutzen hier vielmehr einen im stumpfen Winkel gebogenen Schlegel, mit dessen breitem, flachem Schlagende die nötige Bodenfestigkeit erzielt wird. Rings um die ganze Peripherie der Halle verläuft, nur an drei um je 120° voneinander abstehenden Lücken unterbrochen, ein um etwa 40 Zentimeter erhöhter Wall. Das sind die Sitze für die Thingmänner, denn diese Barasa ist in der Tat nichts anderes als das Parlamentsgebäude der dörflichen Gemeindevertretung. Der Thingammann thront in der Mitte des weiten Baues; rings um ihn in dichter Scharung kauern, sitzen und stehen die schwarzen Mitbürger. Eine solche Barasa hat jedes Negerdorf, aber von ihnen allen ist die von Chingulungulu am berühmtesten. Matola ist denn auch nicht wenig stolz, daß er seinen beiden Gästen gerade eine solch hervorragende Unterkunft gewähren kann.
Doch auch Matolas Wohnhaus ist ein gar stattlicher Bau. Rings um das Ganze natürlich, wie immer, die vom weitausladenden Dach beschattete Veranda, gegen Regen und Ungeziefer um eines Fußes Breite gegen die übrige Welt erhöht. Unter ihr hält Matola Tag für Tag und den ganzen Tag Hof. Das ist interessant für mich, aber nicht gerade angenehm, denn der Audienzplatz liegt nur 25 Meter von meinem Sitz ab, und Negerstimmen sind wenig gewohnt, sich Zwang anzutun. Und gar erst, wenn weibliche Wesen auftauchen, um an dem allgemeinen Konvent teilzunehmen oder sich im Schauri zu verteidigen. Dann wird’s furchtbar.
Den stattlichen Abmessungen des Matolaschen Hauses entspricht die Ausstattung seines Innern nicht. Die ganze Vorderfront entlang läuft zunächst, was Matola die Abendbarasa nennt, ein langer, schmaler Raum, in den die Hausbewohner und ihre Freunde sich an unfreundlichen Abenden vor den Unbilden der Witterung zurückziehen. Eine einzige Kitanda, ein Bettgestell im Küstenstil, bildet das Mobiliar. Der übrige Teil des Hauses wird von drei Zimmern von je 25 Ouadratmeter Grundfläche eingenommen. Die beiden seitlichen sind Schlafräume; ihr Zweck wird dokumentiert durch je ein paar Bettstellen und große Aschenhaufen, die Reste des kräftigen Feuers, das jeder Eingeborene allnächtlich zur Seite seines Ruhelagers unterhält. Beide Räume sind lediglich durch eine nach dem Mittelraum führende Tür zugängig, fensterlos und daher stockdunkel. Der Mittelraum dient als Küche; aber wie urwüchsig und primitiv nimmt sich Matolas Herd gegen den seines Kollegen Susa aus! Bei Susa ein nach Material und Technik stilgerechter Unterbau zu dem System der Herdsteine, Koch- und Vorratstöpfe und des sonstigen Küchengeräts; bei Matola nichts als ein wüstes Aschenchaos, auf dem irgendwo ein paar kopfgroße Klumpen von Termitenerde die ZubereitungsstelIe der königlichen Nahrung andeuten. Und dabei steht der Yaoherrscher im Ruf, für afrikanische Verhältnisse ein geradezu reicher Mann zu sein, der irgendwo in seinen Häusern versteckt große Mengen silberglänzender Rupien verborgen halte.
Um so interessanter ist dafür Matolas Hof. War Matola bei dem ersten Besuch, den ich ihm machte, angesichts der Dürftigkeit seines Hausinneren etwas befangen und verlegen, so führte er mich durch die hinteren Räumlichkeiten seines Anwesens mit sichtbarem Stolze. Er hat auch allen Anlaß dazu. Schon die ganze Hinterbarasa seines Hauses ist lückenlos besetzt mit Vorratsbehältern der verschiedensten Größen und Formen. Da gibt es mehr als mannshohe bienenkorbartige Behälter für Hirse und Mais: daneben stehen zylindrische, nur wenig niedrigere Gefäße für Erdnüsse, Bohnen und Erbsen; in den Zwischenräumen aber findet das Auge im Halbdunkel kleinere Behälter aus Baumrinde oder Ton zur Aufbewahrung der Nahrungspflanzen zweiten Grades. Alle diese Vorratsbehälter sind, wie wir es schon in Massassi kennen gelernt haben, gegen tierische Schädlinge und die schädlichen Einflüsse der Atmosphäre durch eine dicke, feste Lehmschicht geschützt. Wendet man sich dem hinteren Teile des großen, rechteckigen Hofes zu, der durch eine hohe Palisadenwand gegen den Einblick und das Eindringen Unberufener geschützt ist, so erblickt das Auge auch hier die Beweise einer zweifellos sehr weit- und vorsichtigen Wirtschaftsmethode, denn hier ist ebenfalls alles auf das Hinüberretten der diesjährigen Ernte bis zum nächsten Erntetermin eingerichtet. Kleine und große Vorratsbehälter ringsum, zwischen allem aber ein gewaltiger Speicher, in dessen unterem Raum einige Frauen am Herde hantieren, während der ganze große Dachraum mit Ähren und Kolben gefüllt ist. Und tritt man aus dem Hofraum nach Osten ins Freie, so zieht sich längs der ganzen Palisadenwand ein langes Gerüst hin, mehr als 2 Meter hoch, auf gegabelten Pfählen ruhend, dazu mehr als 2 Meter breit, auf dem auch jetzt noch, trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit, reichliche Mengen abgeernteter Ähren endgültig an der Sonne getrocknet werden. Wandert man schließlich um das ganze Anwesen herum bis zu seiner linken Giebelseite, so steht man plötzlich vor der Krone des ganzen Wirtschaftssystems, einem Speicher von wahrhaft gigantischer Größe und zweifellos sehr rationeller Konstruktion. Er ist am Anfang dieses Kapitels wiedergegeben.
Dieser Speicher ist ein Pfahlbau, wie alle übrigen Vorratsbehälter; während aber bei den gewöhnlichen Formen der Pfahlrost nur 50 bis 70 Zentimeter hoch ist und 1 bis 1½ Meter im Quadrat mißt, liegt er bei diesem Riesen in fast doppelter Manneshöhe und nimmt eine Fläche von mindestens 3-4 Meter im Quadrat ein. Auf der Plattform ruht der eigentliche Kornbehälter. Er ist von stattlicher Tiefe und großem Inhalt, am besten einem europäischen Maischbottich vergleichbar. Zur Stunde ist er erst zur Hälfte mit Hirserispen gefüllt, daher auch noch der mangelnde Verschluß. Über dem Ganzen breitet sich dann das gewohnte, weitausladende, schwere Dach aus. — Und der Zugang zu diesem Bau- und Wirtschaftswunder? Dieser wirkt allerdings wieder urafrikanisch urwüchsig, denn er besteht aus derselben vorsintflutlichen Leiter, die meine Lachlust bereits in Massassi erregt hat: ein paar derbe ästige Knüppel als Leiterbäume; daran in meterweitem Abstand, nur schwach befestigt, ein paar ebenso elende Sprossen.
Das Allerbeste und Höchste seiner ganzen Ökonomie hat Matola sich bis zuletzt aufgespart. Was quiekt und grunzt dort behaglich im Schatten jenes düstern Gebäudes, als dessen Endzweck mir der eines Gefängnisses genannt wird. Ein Gefängnis in Afrika? Jawohl, ein wirkliches und wahrhaftiges Gefängnis; auch der Neger ist kein Engel, und als „Kette“ muß er doch irgendwo hausen. Jetzt interessiert uns mehr der Ursprung jenes zweifellos tierischen Geräusches. Eine Muttersau ist es, mit zwölf lustigen Ferkeln um sich herum. Die fröhliche Gesellschaft ist überall; sie untersuchen das Gepäck der Askari, statten Nils Knudsen in seinem Zelt Besuche ab, mit Vorliebe aber finden sie sich nach dem Diner in unserer Küche ein, um dem Koch und seinem Jungen die Säuberung unserer Töpfe und Teller abzunehmen. Das ist ihnen gar bequem gemacht, denn erstens besteht unsere Küche aus weiter nichts als einer geschützten Ecke unter der Dachveranda des Gefängnisses, zweitens aber könnte man einen Neger, wenn er sich vollgegessen hat und wie ein geprellter Frosch schnarchend in seiner gewohnten Siesta daliegt, mit aller Seelenruhe in Stücke hacken, ohne daß er bei diesem doch immerhin tief eingreifenden Vorgang erwachte. So bietet sich denn allmittäglich das merkwürdige Schauspiel dar, daß ein khakibekleideter Europäer unter wütendem Geschelt auf die faulen, schwarzen Halunken und ihren ganzen Erdteil kibokoschwingend über den Festplatz von Chingulungulu eilt, um seine Kochtöpfe von dem Besuch der zärtlichen Schweinemama und ihrer Kleinen zu befreien. Ohne einen gelegentlichen Jagdhieb auf das nachlässige Küchenpersonal geht es selbstverständlich nicht ab, doch das kümmert meinen lieben Omari recht wenig. Den Ferkeln aber haben Knudsen und ich dahin Rache geschworen, daß wir sie eines schönen Tags wirklich in unseren Töpfen haben wollen, doch dann sehr wider ihren Willen.