Wie Matola zu diesem für den Dunstkreis des Islam — denn in diesem befinden wir uns hier zweifellos — seltenen Borstentier mit seinem Nachwuchs gekommen ist, habe ich bis jetzt noch nicht erfahren; ich nehme aber an, daß er sie ebenso durch die Vermittlung der englischen Mission bekommen hat wie seine allerdings viel zahlreichere Rinderherde. Diese ist in einem Pferch untergebracht, der sich unmittelbar neben Matolas Haus befindet. Er ist ein einfacher Palisadenverschlag, in den die Tiere abends kurz nach Sonnenuntergang hineingetrieben werden, um ihn vormittags nach dem Verdunsten des Nachttaus unter der Obhut einer Anzahl Knaben wieder zu verlassen. Die Herde umfaßt rund 20 Tiere, alles Buckelrinder, von denen die Mehrzahl sichtlich tsetsekrank ist; nur ein junger starker Bulle und ein paar Rinder bringen durch ihr stattliches, frisches Äußere und ihren Übermut einiges Leben in die ganze Trauergesellschaft. Erfreulicherweise sind auch einige Mutterkühe in der Schar; von ihnen stammt das Töpfchen Milch, das Matola mir täglich in unsere Barasa herübersendet.
Das ist Matolas Residenz im engeren Sinn. Will man seinen ganzen Machtbereich kennen lernen, so steigt man am besten in den Sattel, denn Chingulungulu ist eine außerordentlich weitgedehnte Siedelung. Schnurgerade, mit Kautschukbäumen bepflanzte breite Wege führen von dem Platz um die Barasa nach Norden, Osten und Westen; links und rechts von ihnen dehnen sich weite Felder, über denen hie und da das Graubraun eines mehr oder minder stattlichen Hüttendaches auftaucht. Ich bin die ganze Zeit, die ich hier bei Matola sitze, immer von neuem in die Einzelheiten dieser Negersiedelung untergetaucht, und ich muß gestehen, daß die Reize dieser Tätigkeit mich bis jetzt über einen Übelstand hinweggetröstet haben, der mir unter andern Verhältnissen den Aufenthalt in dieser Gegend längst verleidet hätte. Das ist nämlich die Schwierigkeit, mich über die interneren Sitten, Gebräuche und Anschauungen zu unterrichten und damit in das Geistesleben des Volkes selbst so tief einzudringen, wie ich es unbedingt will. In Massassi war die epidemische Bierfröhlichkeit der ganzen Männerwelt ein für diesen Endzweck gänzlich unvorhergesehenes Hindernis; hier in Chingulungulu scheint Matola entweder nicht den Einfluß zu besitzen, mir weise Männer zum Ausfragen stellen zu können, oder aber er hat gar kein Interesse daran, dem Fremden die Weistümer seines Volkes zu offenbaren. Vieles weiß er übrigens selbst; er hat auch schon manches Mal mit uns gesessen und aus der Geschichte seines Volkes erzählt; aber wenn man ihn haben will, ist er plötzlich verschwunden. Er jage am Rovuma, heißt es dann.
Anthropologisch ist die Bevölkerung hier, im politischen Zentrum der großen Ebene zwischen den Massassibergen und dem Rovuma, ebenso bunt zusammengesetzt wie in Massassi selbst, nur daß hier unten die Wayao zunächst an Zahl überwiegen und daß sie ferner ganz allein im Besitz der politischen Vorherrschaft sind. Neben ihnen gibt es auch hier Makua, Wangindo, Wamatambwe und Makonde, und genau wie im Norden wohnt alles regellos durcheinander.
Matambwe-Frau mit reichem Narbenschmuck.
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GRÖSSERES BILD
Die Geschichte der Yao bis zu ihrem gegenwärtigen Wohn- und Ruhepunkt in dieser Ebene ist bunt und wechselvoll genug. Lange Zeit, von dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an bis fast in die Gegenwart, hat man sie anstandslos zu der Kaffernfamilie gerechnet. Da sie wie die Wangoni und fast gleichzeitig mit ihnen ebenfalls vom Süden nach dem Norden zogen, d. h. aus dem Gebiet östlich vom Schire und südlichen Nyassa zum Rovuma und Ludjende; da sie zudem körperlich ebenso frisch und frank erschienen wie jene reisigen Scharen aus dem fernen Südosten des Erdteils, und weil sie schließlich ebenso bewaffnet und gekleidet waren wie jene, so lag es nahe, sie gleichfalls als Einwanderer aus dem subtropischen Südafrika und als Kaffern zu betrachten. Heute ist man davon zurückgekommen; ihre Sprache gehört offenkundig in die Gruppe der östlichen Bantuidiome; heute weiß man auch, daß sie mit dem Süden des Erdteils nichts zu tun haben.
Läßt man sich die Geschichte dieses Volkes von den Männern erzählen, die entweder auf Grund ihres hohen Alters noch selbst einen großen Teil des jahrzehntelangen Wanderlebens mitgemacht haben, oder aber welche, wie Matola, Susa und Nakaam, durch ihre soziale Stellung die geborenen Träger der Stammestradition sind, so kehrt als Ausgangspunkt aller dieser meist unfreiwilligen Wanderungen stets das Gebiet am Ostrand des südlichen Nyassasees wieder.
„Einst saßen die Yao,“ so berichteten mir ein paar alte Angehörige dieses Stammes, die wir unabhängig von Matola durch ein paar handfeste Askari herbeizitiert hatten, „am Kuisale Kuchechepungu. Kuchechepungu ist der Name des Häuptlings, unter dem sie in dem Hügellande Kuisale friedlich lebten. Da kam ein Krieg, in dem die Yao geschlagen wurden. Und sie zogen in die Nähe des Makuahäuptlings Mtarika. Aber das ist schon sehr lange her; ich, Akundonde (so hieß der Sprecher dieser Geschichtskommission), weiß es auch nur von älteren Leuten. Auch bei Mtarika erging es den Yao schlecht, denn dieser starke Makuahäuptling überzog sie mit Krieg und verjagte sie. Und sie zogen nach Malambo; das aber liegt hinter Mkula. In Malambo saßen die Yao lange; schließlich aber wurden sie durch denselben Mtarika von neuem vertrieben. Jetzt ließen sie sich am Fluß Lumesule im Dondegebiet nieder; von dort sind sie später nach Massassi weitergezogen.“
Das war, als Akundonde ein großer Junge war. Da dieser alte Herr jetzt zum mindesten 60 und einige Jahre zählt, so ist dieser Zug in die Massassi-Ebene an das Ende der 1850er Jahre zu setzen. Bei Massassi sind die Yao von den Wangoni überfallen worden, haben sie aber besiegt und in der Richtung aus Kilwa Kiwindje zurückgeschlagen. Dennoch seien die Yao auf das sichere Makondeplateau gezogen. Hier, bei Mahuta, seien sie später noch einmal von den Wangoni angegriffen worden, aber das sei schon unter der Herrschaft des ältern Matola gewesen. Dann kam Bakiri von Sansibar, und damit beginne eine ganz neue Zeit.