Dieser Bakiri von Sansibar und sein Auftreten am Rovuma offenbart uns in höchst unzweideutiger Weise, wie wenig wir im Grunde genommen vom Neger und seiner Geschichte wissen. Der kaiserliche Bezirksamtmann Ewerbeck sitzt seit dem Anfang der 1890er Jahre im Lande, er hat sich seit jeher auch für die früheren Schicksale seines Bezirks im höchsten Maße interessiert, doch auch ihm sind nur unklare Gerüchte über eine Gesandtschaft des Sultans von Sansibar zu Ohren gekommen. Um so lebhafter ist die Erinnerung an dieses Ereignis bei den Beteiligten im Lande selbst. Bei Akundonde und seinen Altersgenossen ist das nicht verwunderlich, denn sie müssen damals schon erwachsen gewesen sein; aber auch Matola und seine Generation, also Leute, die sich damals noch im Kindesalter befanden oder auch noch gar nicht einmal geboren waren, werden sofort lebhaft, wenn auf den sagenberühmten Bakiri und seinen denkwürdigen Zug die Rede kommt.

Dieser Zug, der nach Ewerbecks Erkundigungen die Kohlenlager am Ludjende, dem großen rechtsseitigen Nebenfluß des Rovuma, zum Ziel gehabt hat, ist im Bewußtsein der hiesigen Völkerschaften seines Charakters als Reise verloren gegangen; er hat dafür die Form des landesüblichen Schauri angenommen; aber dieses Schauri, diese Zusammenkunft aller Großen des Landes und ihrer Völker, haftet nunmehr um so fester im Gedächtnis. Es ist das berühmte Schauri von Nkunya, einem noch heute bestehenden Ort an der Südwestecke des Makondeplateaus. Über seine Vorgeschichte, seinen Verlauf und seine Folgen erzählt Matola der Jüngere folgendermaßen:

„Die Yao saßen vorzeiten viel weiter im Westen und Süden, aber dort erging es ihnen schlecht; der alte Makuahäuptling Mtarika von Metho machte Krieg mit ihnen, und wenn er abgezogen war, dann kamen die bösen Masitu von der andern Seite und machten auch Krieg. Dabei wurden die Männer der Wayao zu Sklaven gemacht oder getötet, die Frauen aber und die Kinder wurden von den Feinden hinweggeführt. Das ist geschehen, als der ältere Matola ein ganz junger Mann war. Jetzt würde er ein ganz alter Mann sein, aber er lebt nicht mehr; er ist vor zwölf Jahren gestorben, als er zwar auch schon sehr alt, doch noch immer sehr rüstig war.

„Matola mußte schließlich fliehen; er ging zunächst an den oberen Bangala und zog dann diesen abwärts bis drei Stunden vom Rovuma. Dort starb sein zweiter Bruder. Matola war hier nur ein sehr kleiner Häuptling, denn er hatte nur ganze fünf Hütten. Aber er war klug und tapfer; er war ein Räuber, und er war ein Jäger, der viel Wild erlegte und für das Fleisch Getreide kaufte. Vom unteren Bangala zog Matola an den Fluß Newala und baute dort seine Hütten unten im Tale am Fuße des Makondeplateaus. Dort lebte er lange. Das Land aber gehörte Mawa, einem Makua. Da kam ein Mann von Mikindani herauf, Bakiri mit Namen, nach Nkunya, um Schauri zu halten. Er rief alle Stämme zusammen: Wayao, Makua, Matambwe und Wangoni. Von allen Stämmen kamen sie in Haufen. Bakiri hielt Schauri. Die Wangoni und Matambwe wurden ängstlich und liefen weg; auch die Makua liefen weg. Es blieben nur Mawa, Matola und einige andere Makua. Das Schauri dauerte vom Morgen bis zum Abend und die Nacht hindurch bis zum andern Morgen. An diesem Morgen sagte Bakiri zu Matola: ‚Ich gebe dir das ganze Land; zwar habe ich von dir und deiner Herrschaft bisher nur wenig gehört, aber die andern sind alle weggelaufen, nur du bist geblieben; du bist also zuverlässig. Herrsche daher über das ganze Land.‘ Auch Mawa schloß sich dem an: ‚Ich bin alt‘, sagte er, ‚und werde bald sterben; herrsche also du über das ganze Land.‘ Und so geschah es. Und Matola I. herrschte weise und gerecht, wenn auch streng. Erst zog er nach Mikindani und pflanzte Palmen. Dann zog er in das Land zurück bis halbwegs nach Newala; von dort endlich nach Newala selbst. Erst wohnte er oben auf dem Plateau, dann unten im Tal, dann zog er wieder auf die Höhe. Den Grund hierfür bildeten die Masitu-Überfälle. Oben in Newala ist er dann gestorben, und dort liegt er auch begraben.“

Es ist in mehrfacher Beziehung hochinteressant, diese schwarzen Herren gerade bei ihren historischen Rückblicken zu beobachten. Im allgemeinen sprechen sie gut, eine Kunst, die vom Neger seit jeher bekannt ist; es ist die natürliche Beredsamkeit, die die gekünstelten Phrasen vermeidet, den einfachen, naheliegenden Ausdruck aber rasch findet und in das Satzgefüge eingliedert. Nur dem einen oder andern, vor Alter stumpfen Greise geht die Rede nicht so glatt aus dem zahnlosen Munde heraus. Um das Gebiß der alten Neger ist es nämlich keineswegs so glänzend bestellt, wie man nach dem blitzenden Zaun der Zähne, die das Jugendstadium der schwarzen Rasse auszeichnet, annehmen sollte. Ursache für die rasche Abnutzung der Zahnkronen ist die Beimischung reichlichen Schleifmehls, wie es bei der Zubereitung der täglichen Nahrung auf dem Reibstein entsteht. Schwer und hart gleitet der Läufer über die breite Unterlage dahin; er zermalmt und zerkleinert zwar vor allem das ihm zugeführte Getreide: Hirse, Mais und Reis, aber gleichzeitig schleifen beide Steine sich doch auch einander gegenseitig ab, wie die tiefe Aushöhlung der Unterlage und die rasche Abnutzung des Läufers lehren. Die feinen Steinsplitter aber gereichen den Kauwerkzeugen der Landeskinder nicht gerade zum Nutzen. Auch die Verunstaltung der Zähne durch Absplitterung der Seitenteile zum Zweck der Zuschärfung, die bei den Männern noch vielfach Sitte ist, trägt nicht wenig zum vorzeitigen Ruin des Gebisses bei.

Sodann das Zusammenarbeiten der Geister. Von Hause aus soll der europäische Forscher dem Neger und seinen Angaben über irgendwelchen Gegenstand sehr kritisch gegenüberstehen, denn mit der Wahrheit nimmt es unser schwarzer Bruder notorisch nicht genau. Doch hier, auf dem historischen Gebiet, kontrollieren sich die Erzähler — bewußt oder unbewußt, das kann ich nicht entscheiden — gegenseitig. Einer hebt an; der Strom der Rede fließt eine kurze Weile ruhig dahin; „ă ă“ fährt ihm plötzlich unverhofft ein anderer dazwischen. Es ist ein unnachahmlicher, kurz ausgestoßener Doppellaut, begleitet von einer noch unnachahmlicheren Gebärde der Abwehr, als wollte sie sagen: Freundchen, halt, du schwindelst. Aber der Einwurf sitzt, der Erzähler stutzt, revidiert sein historisches Gewissen und bringt nun die Tatsache, um die es sich gerade handelt, in der Fassung wieder, die auf meine Frage hin auch die Billigung der andern findet.

Es liegt ganz in der Natur des hiesigen Völkerlebens, daß der einzelne Erzähler stets nur gerade die Geschichte seiner eigenen, engen Stammesgruppe wiederzugeben vermag; die Leute sind allesamt, ganz gleich, ob sie den Völkerschaften der Yao oder der Makua angehören, in numerisch kleinen Abteilungen, mag man sie Horde, Sippe oder Trupp nennen, im Lande umhergewirbelt worden. Ein ausgeprägtes, historisch begründetes Stammesbewußtsein hat sich dabei nicht bilden können, oder wenn es jemals bestanden hat, hat es die beste Gelegenheit gehabt, verloren zu gehen. So können sie auch nur von sich und ihrer nächsten Umgebung berichten. Es ist die Aufgabe der Volksforschung, möglichst viele dieser Einzelberichte zu sammeln, um aus ihnen schließlich das Gesamtgebäude einer Stammesgeschichte im großen zu errichten. Soweit es an mir liegt, soll es an Fleiß und Ausdauer in der Zusammentragung dieser Erzählungen nicht fehlen.

Nun aber der letzte und netteste Zug, ein urecht afrikanischer. Dem Neger fehlt bei dem Mangel einer Schrift jede Möglichkeit einer genauen Zeitrechnung. Schon das Erstaunen ist unbeschreiblich, wenn man jemanden nach seinem Alter fragt. „Aber wie kann ich denn wissen, wie alt ich bin?“ Das etwa mag der Blick bedeuten, mit dem man auf jede Frage nach dem Alter eines Eingeborenen verwundert angestaunt wird; auch die Eltern und Großeltern sind niemals in der Lage, über das Alter ihrer Kinder und Enkelkinder auch nur annähernd genaue Zahlen anzugeben. Das Leben eines Negers fließt zu ereignislos und eintönig dahin; zudem wird sein Dasein so voll und ganz durch seine kleinen Sorgen und seine kleinen Freuden ausgefüllt, daß er für besondere Gedächtnisübungen keine Zeit haben würde, selbst wenn die geringste Lust für eine derartig überflüssige Geistesbelastung vorhanden wäre. Schließlich aber, und das ist wohl das Wesentliche und Ausschlaggebende, fehlt jeder Zwang; es gibt keine Behörde, kein Amt, und so wächst der kleine schwarze Weltbürger heran, unbekümmert um Zeit und Raum; er nimmt sich ein Weib oder ein paar, vermehrt sich, und kein Hahn kräht jemals danach, ob er und sein Alter gebührend registriert und kontrolliert worden sind.

Dieses Fehlen und dieser gänzliche Mangel einer absoluten Chronologie tritt vor allem auch in der Stammesgeschichte zutage. Ich war zuerst ratlos, wie ich mich angesichts der geschilderten Erhabenheit über Zeit und Raum mit meiner Fragestellung einrichten sollte. Auf diese kommt aber im wissenschaftlichen Verkehr mit den Eingeborenen schließlich alles an; man hält es gar nicht für möglich, welch irreführende Ergebnisse eine Frage veranlassen kann, die falsch gestellt, d. h. dem Verständnis und der Denkweise des Naturmenschen nicht angepaßt ist. Ich bin zu meinem Glück bei all meinen bisherigen historischen Studien aller Schwierigkeiten durch die Erzähler selbst überhoben worden, und zwar durch eine ebenso naturwüchsige wie relativ zuverlässige Methode.

„Wann war das, als ihr am Lumesule saßet?“ frage ich den alten Akundonde. Ohne ein Wort zu erwidern, streckt er seinen rechten Arm seitlich aus, etwa in der Körperhöhe eines 12jährigen Jungen, und biegt die Hand graziös senkrecht nach oben, so daß sie mit dem Unterarm nahezu einen rechten Winkel bildet. Ich sehe mir die Manipulation mit stummem Erstaunen an, aber schon gibt mir Knudsen die erwünschte Erläuterung: in dieser geschilderten Weise gibt der Eingeborene die Höhenmaße des Menschen und damit gleichzeitig auch die Zeitlage eines in dessen Leben fallenden Ereignisses an; streckt er hingegen die Hand in der Verlängerung des Armes in der gleichen, wagerechten Richtung aus, so dient diese Manipulation zur Kennzeichnung der Körperhöhe eines Tieres. Ich muß gestehen, unter dem vielen Fremdartigen und Neuen, das in Afrika bisher auf mich eingestürmt ist, hat diese feine und doch so vielsagende Unterscheidung zwischen Mensch und Tier den allergrößten Eindruck auf mich gemacht.