Arm-Chronologie. „Das war, als ich so groß war.“
Einer etwas anderen Mimik bediente sich Nakaam in Mwiti, als er mir die Geschichte der Yao erzählte. Nakaam unterscheidet reine Yao und unreine; zu jenen rechnet er die Chiwäula, die Katuli und die Kalanje. Das sind alles Begriffe, die bisher in der völkerkundlichen Literatur über die Wayao noch nicht existieren; es muß auch einer späteren Kritik vorbehalten bleiben, den intelligenten, aber doch vielleicht etwas windigen Gewährsmann von Chiwata auf die Zuverlässigkeit seiner Angabe hin nachzuprüfen. Die Heimat der reinen Yao ist nach Nakaam Likopólŏe, eine Hügellandschaft im Gebiet von Chissi, auf portugiesischem Gebiet zwischen Mataka und dem Unanguhügel. Von dort habe sie der Häuptling Mputa verjagt, als Nakaams Mutter ein kleines Kind war, das auf allen Vieren kroch. Nakaam ist nach seiner eigenen Aussage das vierte Kind seiner Mutter; heute kann er 40 bis 45 Jahre alt sein. Nach Mputa kamen andere Makua und zersplitterten die Yao noch weiter. Absolute Zahlenwerte waren auch selbst aus dieser Perle von Intelligenz, als die Nakaam unzweifelhaft zu gelten hat, nicht herauszuholen. Dafür entschädigte bis zu einem gewissen Grade die Drolligkeit seines Anblicks, als der wohlbeleibte Häuptling, der sonst die personifizierte Würde selbst war, fortgerissen durch die Lebhaftigkeit seiner Schilderung, plötzlich alle Rücksicht auf seine erhabene Stellung vergaß und uns das Krabbeln seiner Mutter im Babyalter mit verblüffender Naturwahrheit vorführte.
Matola ist so ziemlich in allem das Gegenstück zu Nakaam. Schon bei der Kleidung fängt es an; Nakaam kleidet sich nach Küstenart in das schneeweiße, lange Kansu, Matola hingegen ist oben Europäer, unten Yao; seinen Oberkörper umhüllt nämlich ein ganz normales europäisches Jackett, Lenden und Oberschenkel aber ein buntfarbiger Baumwollschurz, wie ihn seine Untertanen tragen. Der Charakter des Verschmitzten, der für Nakaam so bezeichnend ist, fällt hier ganz weg; Matola macht den Eindruck eines Biedermannes, der er auch nach den Schilderungen aller Europäer von Lindi, die jemals mit ihm in Berührung gekommen sind, in Wahrheit ist. Er ist stets geschäftig; entweder hält er unter seiner Barasa Hof, d. h. er erzählt sich etwas mit dem Dutzend oder den zwei Dutzend Männern, die von früh bis spät sich dort herumtreiben, oder aber er hat es mit uns und der Besorgung unserer Wünsche zu tun. In seinen Manieren weicht er wenig von seinen Untertanen ab. Rauchen ist hier fast unbekannt, dafür wird Tabak stark geschnupft und gekaut. Eine Folge dieser Gewohnheit ist, daß die Leute schrecklich spucken. Auch Matola macht keine Ausnahme; zudem hat er die andere Gewohnheit, sich unausgesetzt zu kratzen. Das tut auch die Mehrzahl der übrigen Leute hier. Hat man einen Haufen von ihnen um sich, so ist es tatsächlich schwer, inmitten des allgemeinen Gekratzes sich dieser lieblichen Gewohnheit selbst zu enthalten. Ich nehme an, daß sie eine Folge der Unreinlichkeit ist, die hier alle Welt beherrscht; das bißchen Wasser aus den paar Löchern im nächsten Bachbett langt eben für Atzung und Trunk; für die Reinigung des Gesichtes oder gar des ganzen Körpers ist von dem kostbaren Naß nichts übrig.
Yaohäuptling Matola.
Ich bin ein Geruchsmensch; von allen meinen Sinnen ist der des Geruchs am besten ausgebildet. Das bringt mir viele Qual an jedem Tag; schon in ziemlicher Entfernung kann man es förmlich riechen, wenn eine Schar von Eingeborenen mir die Ehre ihres Besuches angedeihen zu lassen gedenkt. Unsere Sprache ist zu arm, als daß sie diese Mischung von Rassengeruch, Schweiß, ranzigem Öl, Rauch und hundert andern unbestimmbaren Ingredienzien spezifizieren könnte; die meiste Ähnlichkeit hat wohl die Ausströmung einer größeren Schafherde. Schön ist anders.
Und dann die Fliegen! Mit dem gleichsam als Spitze voranmarschierenden Duft kommen auch sie in Scharen auf den unglücklichen Europäer zugestürzt. Ich habe geglaubt, wer weiß wie vorsichtig zu sein, indem ich mir von Leipzig zwei Brillen mit dunkelgrauen Gläsern mitgenommen habe. Eine von ihnen sitzt längst auf Moritzens Nase. Der Bursche kam eines schönen Tags mit einer akuten Bindehautentzündung an. Heute ist diese, dank meiner energischen Behandlung, längst behoben, aber es fällt dem eitlen Fant durchaus nicht ein, nun jene Brille, die ich ihm in einer Anwandlung von Überhumanität zur Verfügung gestellt hatte, wieder zurückzugeben. Daß er ihrer nicht mehr benötigt, wird aufs klarste dadurch bewiesen, daß er sie in der prallen Sonne meist absetzt; dafür trägt er sie aber im Dunkel des Hauses und stolpert dabei selbstverständlich über jeden Gegenstand. Das andere Exemplar tut mir im Freien ausgezeichnete Dienste, unter der dunkeln Barasa indessen verschluckt sie zu viel Licht; daher bin ich genötigt, mich den Fliegenschwärmen der Eingeborenen wehrlos auszusetzen. Gegen diese afrikanischen Insekten sind unsere europäischen Stubenfliegen die reinen Waisenkinder; wie ein Blitz ist das die Größe einer kleinen Biene erreichende Tier herangesaust, nicht senkrecht auf das Auge zu, sondern tangential; es fährt förmlich unter dem ganzen Augenlid hin, doch so fabelhaft schnell, daß eine Abwehr gänzlich ausgeschlossen ist. Und das wiederholt sich das eine um das andere Mal; man sieht mit Staunen und mit Grauen, wie sich diese kleinen Biester erst an den entzündeten Augenrändern der Eingeborenen auf die boshafte Attacke vorbereiten; man schlägt instinktiv wild um sich; es nützt alles nichts, der Streifzug des Gegners ist inzwischen längst erfolgreich verlaufen. Knudsen leidet weniger unter dieser Plage, anscheinend auch weniger unter der des Geruches, denn während mir nach mehrstündigem Schauri stets mehr oder minder übel wird, sitzt der blonde Norweger ungerührt ganze Tage zwischen den Leuten.
Wenig ist hier von den Frauen des Landes zu sehen; Matola hat immer und immer wieder den strengen Befehl ausgegeben, daß sie alle zum Photographieren kommen sollen; vier oder fünf sind erschienen, das ist alles. Mich sehen und so schnell ausreißen, wie es die angeborene Würde und die Eigenart der weiblichen Fortbewegungsmethode gestattet, ist eins. Um so ausdauernder werde ich von der männlichen Jugend des Ortes belagert; wie eine Mauer hocken Dutzende von kleinen Kerlen an der Peripherie unseres Wohnraums; alle Mann hoch die Mäuler weit offen, blöd und regungslos den fremden weißen Mann anstarrend. Dieser offene Mund ist bei der Jugend hier ganz allgemein, desgleichen auch der bekannte Hängebauch, über dessen Entstehung man sich nicht wundern kann, wenn man sieht, was so ein Negerbub an schwer verdaulichen Vegetabilien tagsüber in sich hineinstopft. Wodurch diese unbeabsichtigte Verunstaltung des Leibes später verloren geht, entzieht sich meiner Beurteilung; aber sie muß entschieden verschwinden, denn die Erwachsenen sind ausnahmslos sehr wohlgestaltete Erscheinungen.
Der schwarze Erdteil liebt mich nicht; schon auf dem Marsch hat er mich täglich mit seinen Wirbelwinden belästigt; hier in Chingulungulu sucht er mich ganz systematisch aus seinem Innern hinauszutreiben. Knudsen und ich nehmen unser Mittagessen zwischen 12 und 1 Uhr ein. Ursprünglich war es auf präzise 12 Uhr angesetzt. Gemessenen Schrittes nahen Moritz und Knudsens Ali von der Küche am Gefängnis herüber mit dem unvermeidlichen Teller Knorrscher Suppe. Diese Präserven sind etwas ganz Vorzügliches; sie allein wären, glaube ich, imstande, den Körper hier über Wasser zu halten. Mit einem fröhlichen „Gesegnete Mahlzeit“ machen wir uns über das Gericht her, jeder, wie es hier so Sitte ist, an seinem eigenen Expeditionstisch. Horch, was ist das? Ein gewaltiges Brausen. Es kommt näher und näher; Staub, Gras und Laub wirbeln auf; instinktiv hält man Hand oder Mütze über den Teller. Es ist zwecklos; ein wirbelndes Chaos von Asche, Staub, Strohbündeln und allen jenen Schmutzmassen, die man nur hier in Afrika studieren kann, rast von rückwärts heran; die Barasa ächzt in allen Balkenlagern; die Boys fliegen willenlos und widerstandslos auf den freien Platz hinaus; dann ist alles vorüber. Bringt man es fertig, die Augen unter der Schmutzkruste, die jetzt alles überzieht, zu öffnen, so erblickt man eben noch, wie weit vor uns das Dachstroh einer Eingeborenenhütte im fröhlichen Wirbel durch die Lüfte tanzt; dann verschwindet die Erscheinung auch schon im Pori. Den ersten Tag waren wir natürlich gegen das Phänomen wehrlos; den zweiten Tag dachten wir an nichts Böses, da war es auch schon da; den dritten Tag schlug ich vor, das Diner um eine Viertelstunde zu verlegen. Es hat alles nichts geholfen; auch die Windhose kam um diese Viertelstunde später. Wir haben dann im Lauf der Zeit einen förmlichen Krieg mit dieser Mittagshose geführt, aber die Besiegten sind auf der ganzen Linie wir. Stets kommt sie, wenn die Suppe aufgetragen ist; kaum können Moritz und Ali noch schnell den Blechdeckel einer Reisekiste über den Teller stülpen, so ist sie auch schon da. Teils zum Schutz gegen sie, zum andern aber gegen die immerhin lästige Neugier der Landeskinder, der großen und der kleinen, haben wir uns unter Matolas Architekturwunder eingebaut; wir haben eine bis ans Dach reichende Wand aus Hirsehalmen quer durch die Halle selbst gezogen und haben diese Wand rechts und links von uns in zwei konvergierenden Linien weitergeführt, so daß wir jetzt wie in einem Zimmer sitzen. Aber auch in diesen geschlossenen Raum kommt meine intime Feindin, die Mittagshose.