Ein besonderes Kapitel sind die Wasserverhältnisse dieser Gegend. Von allen Reizen Chingulungulus hatte Knudsen gerade sie am höchsten gepriesen; wenn man auch noch so krank und elend sei, von diesem herrlichen Labetrunk werde auch der siechste Körper gesund. Einer unserer ersten Gänge nach der Absolvierung unseres gemeinsamen Einzugsfiebers hat dem Besuche der Hauptquellen des Ortes gegolten. Sie liegen unmittelbar an der Barrabarra nach Susas Residenz zu und hätten von mir schon beim Einzuge gesichtet werden müssen, wäre ich an jenem Tage nicht mehr tot als lebendig gewesen. Erwartungsvoll wandle ich den sonnenheitern, nur ein paar hundert Meter langen Weg auf jene Stelle zu; ein großer Troß von Knaben und halbwüchsigen Burschen hinter uns drein. „So, hier sind wir“, heißt es plötzlich, als wir in drei mannstiefen, geräumigen Gruben eine Anzahl mit dem Pelele behafteter Weiber und mehrere jugendliche Töchter des Landes kauern sehen.

An den Wasserlöchern von Chingulungulu.

„Na, und der Brunnen?“ frage ich, mir vor meinem geistigen Auge immer noch die glühenden Schilderungen des Norwegers ausmalend.

„Nun, da unten, dort die Löcher, das sind die Quellen; sehen Sie doch, wie die Weiber schöpfen.“ Das sah ich nun allerdings, und im Nu waren alle meine Illusionen verflogen. Doch ebenso rasch war auch schon das wissenschaftliche Interesse erwacht, und nach einem Rundgang um diese Löcher und einem Abstieg in jedes von ihnen war ich sehr bald über die Hydrographie dieses Landes im allgemeinen und Chingulungulus im besondern im Bilde.

Die Flüsse und Bäche hier im Regenschatten des Makondeplateaus sind Wadi, wie man sie in Nordafrika heißt, oder Omuramben, wie man es im fernen Deutsch-Südwestafrika nennt; sie sind zwar das ganze Jahr wasserführend, doch nur im Grundwasserspiegel; oberflächlich fließt ihr Wasser nur in und unmittelbar nach der niederschlagsreichen Jahreszeit. Diese ist schon seit Monaten zu Ende, und darum ist es kein Wunder, wenn die Leute gegenwärtig immer tiefer in die Bachbetten hineingraben müssen, um zum lebenspendenden Naß zu gelangen. Hier sind sie stellenweise schon durch die gesamte Auflagerungsschicht hindurchgedrungen, und Moritz weiß nicht genug dieses Wasser zu rühmen, das aus reinem Fels entspringe. Es mag in der Tat bakterienarm und auch für Europäer unschädlich sein, aber mich haben die nähern Umstände seiner Gewinnung doch vom ersten Moment meiner hiesigen Anwesenheit veranlaßt, mein seit Lindi geübtes Verfahren des Alaunisierens, Filtrierens und Kochens alles meines Trinkwassers beizubehalten und streng durchzuführen.

Das ist ein Fest, diese ständige Sorge um sein bißchen Flüssigkeitszufuhr. Auf keinem Gebiete des täglichen Lebens kommt dem Kulturmenschen und besonders dem verwöhnten Großstädter der Unterschied zwischen dem alten Kulturlande Europa und dem jungfräulichen Afrika so schneidend zum Bewußtsein wie gerade in der Sorge um den gewohnten Trunk. Im vornehmen Uleia ein leichter Griff an den Wasserhahn, und kristallklares, kühles, wohlschmeckendes und gesundes Wasser rinnt ins peinlich saubere Glas; im plebejischen Afrika brütet am schlammigen Erdloch ein nicht viel weniger schlamm- und schmutzüberzogenes Weib. Hinter ihr auf hohem Grubenrande thront das rundbauchige Tongefäß. Stumpf stiert sie in die schmale Vertiefung hinein; in der Rechten das gewohnte Schöpfgefäß, die quer halbierte Hohlfrucht mit durchgestecktem Holzstiel. Endlich lohnt es, das Schöpfgefäß in die trübe Flut zu versenken; nicht ohne Grazie, mit jenem unnachahmlichen Wiegen der Beckenpartie, wie es nur der Negerin eigen ist, steigt sie nach oben, und in milchweißem Strahl ergießt sich die Ausbeute in das Sammelgefäß. Dies wiederholt sich, bis der große, schwere Krug gefüllt ist. Ein kurzer Gang zum nächsten Busch; mit einer Handvoll frischgrüner Zweige kehrt sie zurück und versenkt den Strauß mit liebevoller Sorgfalt in den weiten Hals des großen Wassertopfes. „Also ein Bukett à l’Afrique,“ denke ich, „etwas barbarisch zwar, aber doch wohl der Beweis eines beginnenden Gefühls für die Schönheiten der Natur.“ Weit gefehlt, so weit ist der Neger und auch die Negerin noch lange nicht; wir eingebildeten Europäer haben es zu diesem heute so viel gerühmten Naturgefühl ja auch erst vor noch nicht zu langer Zeit gebracht; der Neger ist vor allen Dingen praktisch, ja er ist überhaupt nichts als praktisch. Würden die bis fast an den Rand gefüllten Gefäße dieses Straußes ermangeln, ein Meer von Wasser würde sich bei jedem Schritt über Kopf und Körper des Trägers oder der Trägerin ergießen. So wird kein Tropfen verschüttet; die Zweige und Blätter verhindern jede Wellenbewegung in dem engen Becken. Probatum est.

Auch eine Kaffeemaschine ist zu recht vielen Dingen nützlich. Mein Koch Omari hat auf die Benutzung eines solchen Instruments von vornherein verzichtet; daher kam mir der Blechtrichter mit den beiden feinen Sieben ausgezeichnet zur Konstruktion eines Wasserfilters zustatten. Holzkohle gibt es überall; sie ist bald zu feinen Stücken zerschlagen und in starker Schicht in den Trichter gebettet. Dieser ist damit zu einem feinen Filter geworden, der Einfachheit mit leichter Beweglichkeit verbindet und stets reparierbar ist. Mit ihm müssen sich Moritz und Kibwana weit mehr beschäftigen, als diesen faulen Schlingeln lieb ist. Aus meiner frühern Zeit als Ozeanograph, wo ich mich lange mit dem Problem des Sedimentabsatzes in den verschiedenen Wasserarten befaßt habe, weiß ich noch, daß Salze den Niederschlag alles Festen sehr stark beschleunigen. Für die Expedition ist Alaun das gegebene Klärungsmittel. Eine mäßig große Blechbüchse voll ist beim Inder bald erstanden; in langer Reihe haben die Träger die von den Eingeborenen rasch hergeliehenen Tontöpfe und Kalabassen in den Schatten der Barasa gesetzt. „Daua ya uleia“, rufe ich Kibwana zu. Daua ist das Wort für alles, was in den Augen des Negers irgendeine unerklärliche Wirkung hervorbringt; uleia ist ihm gleicherweise alles, was nicht zu seinem geliebten heimischen Erdteil gehört: Europa, auch Deutschland im besondern; selbst das amerikanische Petroleum kommt ihm aus uleia. Hier ist damit die Alaunbüchse gemeint. Eine Prise von dem Salz fliegt in jedes der Gefäße; das gleichzeitige Umrühren ihres Inhalts zeigt dessen erschreckliches Ausmaß von Trübung und Unreinheit. Für Moritz ist diese Brühe gleichwohl ein maji msuri, ein köstliches Wasser. In meinen Augen ist es das erst nach Verlauf mehrerer Stunden. Dann ist die Flüssigkeit in der Tat kristallklar; man gießt sie vorsichtig ab; die Boys jagen sie zwei-, drei-, auch viermal durch den Kohlenfilter. Omari kocht unter Androhung der schwersten Strafen das Wasser 10 Minuten lang; die Nacht über kühlt es ab; morgens ist es dann ein Göttertrank; freilich auch nur erst durch meine Reiseflasche, sodann durch die Fruchtkonserven der guten, alten Hansestadt Lübeck. Selbstverständlich hat man mich in Berlin auch mit der üblichen, großen Aluminiumflasche für Expeditionen ausgerüstet; ich denke gar nicht daran, sie zum Gebrauch heranzuziehen. Wie anders ist da der Hauptmann Seyfried zu preisen! Der hat mich nolens volens in Lindi zum Inder geschleppt. „So, da sehen Sie die große Pulle; die erstehen Sie sich mal für 1 Rupie.“ Gesagt, getan. „Und nun nehmen Sie Ihren schlauesten Träger her, der mag sie Ihnen mit Kokosstricken so umgürten, daß ihr nichts passieren kann. Und jetzt ziehen Sie los in Gottes Namen.“ Die Flasche hat griechische Form, aber indischen Ursprung; sie ist unglasiert, sehr porös und transpiriert ausgiebiger als selbst der schwerstbelastete meiner Träger. Das ist aber auch gerade bei beiden beabsichtigt, beide sollen sich durch diese Transpiration abkühlen. Bei meinen Trägern interessiert mich der Prozeß nicht weiter, um so erquicklicher ist dafür die auch im tollsten Sonnenbrand stets gleich kühle Temperatur meines Trinkwasservorrats, den der lange Kofia tule mit mehr Würde als Grazie auf seinem wolligen Haupte trägt. Höchst spaßhaft ist es übrigens, daß Knudsen durchaus nichts von einer Alaunbehandlung seines Trinkwassers wissen will; er hält dieses weiße Pulver ganz wie seine schwarzen Freunde für eine „Daua ya uleia“, für etwas Unheimliches, dem man nicht trauen darf, und trinkt lieber die trübe, schmutzige Brühe als mein kristallklares frisches Getränk. Habeat sibi.

Makonde-Frauen von Mahuta.