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GRÖSSERES BILD
Nur in unserer Begeisterung für selbstfabriziertes Selterwasser mit Konserven stimmen wir beide vollkommen überein. Jenes stellt sich der Reisende mittels des Sodorapparats her, einer starken Flasche, die oben einen besondern Verschluß trägt. Dieser ist eingerichtet zur Aufnahme einer kleinen Kohlensäurepatrone, die man an jedem Küstenplatze das Hundert zu etwa 10 Mark kauft. Man füllt die Flasche zu fünf Sechstel mit Wasser, legt die Patrone ein und dreht an einer Schraube. Mit lautem Gezisch fährt das Gas in die Flüssigkeit; man schüttelt die Flasche eine Minute, dann ist der „Sauerbrunnen“ fertig. Für sich allein und ohne Zusatz getrunken, schmeckt er nicht gerade berühmt, doch immer noch besser als gemeines Wasser schlechthin; opfern wir aber eine meiner vielen Lübecker Blechdosen mit ihrem verlockenden Inhalt an Kronsbeeren, Birnen, sauren Pflaumen u. dgl. und nehmen deren Saft als „Schuß“, so ist das Ergebnis ein wirklich hervorragendes Getränk. Es schmeckt selbst besser als die schönste Pombe von Chingulungulu, dem bierberühmten.
Pombegelage.
Zehntes Kapitel.
Mit und unter den Yao.
Chingulungulu, 20. August 1906.
Matolas größtes Verdienst ist bisher die Veranstaltung von ein paar Soireen mit den Frauen des Ortes, die er schließlich doch so weit gezähmt hat, daß sie sich in die Höhle des Löwen wagten. Es ist Abend. Knudsen und ich haben unser nicht gerade üppiges Mahl soeben hinter uns; Knudsen unterhält sich wie gewöhnlich mit seinem Freunde, dem schwarzen Prediger Daudi (David); ich sitze an meinem Arbeitstisch und verarbeite in meinen Notiz- und Tagebüchern die wissenschaftliche Ausbeute des wie immer höchst arbeitsreichen Tages. Daudi gehört der englischen Universities Mission an; er hat seine Ausbildung zum großen Teil in Sansibar erhalten und spricht mit mir mit Vorliebe englisch. Für volkskundliche Aufnahmen ist er leider nicht sehr geeignet, da seine Anschauungen viel zu sehr christianisiert worden sind. Der Ostwind, jener Gruß vom Indischen Ozean, der uns sonst allabendlich trotz aller Schutzmaßregeln die Lampe auszublasen droht, ist heute seltsamerweise ausgeblieben; ruhig brennt der „Tippelskirch“ inmitten unserer fremdartigen Umgebung; die Zigarre schmeckt heute ebenfalls ganz ausgezeichnet, alles atmet Behagen und Befriedigung mit dieser Art des Daseins. Da nahen Schritte, leise und fast unhörbar. Das ist hier immer so; der lockere Sandboden dämpft selbst den Schall unserer derben Europäerstiefel bis fast zur Lautlosigkeit. In seiner raschen Weise ist Matola unter uns und unsere hundert Kisten und Kasten getreten. Schon sitzt er auf seiner gewohnten Kiste. Doch nun quillt es herein, braun, schwarz und weiß; braun und schwarz die Leiber mit den glänzenden Gesichtern, hier und da auch Lippenscheibe, Nasenpflock und Ohrschmuck, weiß bei ganz Vereinzelten das Pelele, das in dieser Variation seinen ersten Gruß vom Makondeplateau herunterschickt. Wohl an 30 Frauen und Mädchen sind es, die Mehrzahl von ihnen mit einem Baby behaftet, das ruhig und friedlich, oder auch schnaufend und ächzend im Tragtuch auf dem Rücken der Mutter der Zukunft entgegenschlummert. Stumm hat sich die ganze Gesellschaft, dicht aneinandergedrängt, zwischen uns niedergekauert. Ich lasse ihnen durch Knudsen, der das Kiyao zwar ungrammatisch, aber sonst fließend spricht, auseinandersetzen, was ich von ihnen will: Erzählungen und Lieder, und harre der Dinge, die da kommen sollen. Lange Zeit kommt aber nichts; nur ein halbwüchsiger Junge, der sich mit eingeschlichen hat, fängt an, eine lange Tierfabel zu erzählen; doch spricht er so rasch, daß ich unmöglich folgen kann. Seine Geschichte mir langsam in die Feder zu diktieren, ist er natürlich nicht fähig. Das ist eine Erfahrung, die ich bereits häufig gemacht habe; die Leute singen und sprechen mit beneidenswerter Virtuosität in den Phonographentrichter hinein; sollen sie dann ihren Text langsam zum Niederschreiben wiederholen, so stehen sie rat- und hilflos da. So etwas ist auch eine zu ungewohnte Arbeit.
Lager in Chingulungulu.
Wir haben uns den Jungen für eine spätere Gelegenheit aufgespart; alles schweigt. Da erhebt sich, schüchtern zuerst, aber bald stärker und kühner, eine helle weibliche Stimme. Schon fällt auch der Chor ein; Solo und Vorgesang wechseln nun in regelmäßigem Turnus für längere Zeit: