Endlich wechselt der Jäger die Taktik. Der Tänzer ist nämlich wirklich ein Jäger, und ein sehr erfolgreicher Elefantenjäger noch dazu; er hat soeben, in effigie natürlich, einen starken Elefanten erlegt und muß diese Ruhmestat feiern. Das tut er in der hier geschilderten Weise nach seiner Rückkehr ins Heimatdorf vor dessen gesamter Bevölkerung. Auch hier in Chingulungulu ist alles herbeigeströmt, um den berühmten Mann zu sehen und auch, um seine Tanzkunst zu bewundern. Diese wird jetzt immer lebhafter; der Mann beharrt nicht mehr auf einem Fleck; er trippelt weiter, bald geradeaus, bald im Zickzack; endlich wird aus der Linie ein Kreis, in dem er immer rascher in kurzen, vorsichtigen Sprüngen einherrast. Dabei werden Arm- und Beckenbewegungen in der alten Weise, ohne eine Sekunde auszusetzen, fortgeführt. Noch ein unsinnig schnelles Trippeln im Kreise, ein geradezu wahnsinnig rasches Erzittern des ganzen Körpers; dann steht der Tänzer hochaufatmend still.

Uns Europäern will eine solche Art der Tanzbewegung zu absonderlich und fernliegend erscheinen, als daß wir sie kritisch zu beurteilen vermöchten. Ich hatte von Haus aus eine mimische Wiedergabe der Elefantenjagd selbst erwartet, oder doch wenigstens die mimische Darstellung des Anschleichens und Erlegens jenes Wildes; ich muß gestehen, ich habe in dieser Tanzleistung nichts darauf Hinzielendes finden können. Lediglich die fabelhafte körperliche Gewandtheit dieses Zitterakrobaten habe ich bewundern müssen.

Kaum bin ich mit einem neuen Film wieder aufnahmebereit, da ist auch schon ein neuer Jäger auf der Bildfläche erschienen. Dieser benimmt sich noch kurioser und befremdlicher. Zunächst sieht man weiter nichts als eine wirre, grüne Blättermasse, die sich in konvulsivischen Zuckungen auf der Erde wälzt und krümmt. Nach einiger Zeit entpuppt sich die Masse als ein Mann von der Art des vorigen, nur daß sein Tanzkostüm den Mittelkörper viel ausgiebiger umhüllt als bei jenem. Er versteht zwar auch meisterhaft zu zittern und besorgt es mit derselben Ausdauer wie sein Vorgänger, aber seine Hauptstärke liegt doch in seinen Beinen. O, wie schön kann er die setzen! Wie wandelt er jetzt so stakig dahin; wie schlängelt er jetzt das eine um das andere! Schließlich aber ist doch auch sein Spielplan erschöpft, und er macht einem Dritten Platz.

Mit diesem kommt endlich die erwartete Pantomime. Wie zum Sprunge geduckt, schleicht der Jäger herbei, unhörbar, jedes Geräusch vermeidend. Geschickt benutzt er jede Deckung, um an den Elefanten, dessen Witterungsvermögen unendlich fein ist, immer näher heranzukommen. Schließlich ist das Ziel erreicht; rasch, aber ebenso unhörbar, ist das Jagdobjekt in Gestalt eines zweiten Mannes auf den Tanzplatz geschlüpft und hat sich dort lautlos niedergekauert. Ihn umkreist jetzt der Jäger in immer enger werdenden Spiralen. Man erwartet den tödlichen Schuß; doch der erfolgt nicht, sondern ganz unbekümmert um den „Elefanten“ fängt nun auch der dritte Tänzer an, genau in derselben Weise zu triumphieren wie die beiden anderen: er übt sich in kunstvollen kurzen Schritten, wackelt mit dem Becken und schlägt mit den Armen. „Bassi, Schluß“, sage ich, da schnurrt auch gerade das letzte Ende meines dritten Films ab.

Ganz entgegengesetzt ist das Auftreten der Wayao in ihren typischen Unyagotänzen. Sie müssen von diesen Tänzen eine ganze Auswahl besitzen; mir haben sie hier in Chingulungulu deren einstweilen nur zwei vorgeführt, eine Masewe, so benannt nach dem früher bereits geschilderten Rasselsystem an den unteren Extremitäten, und eine Luwanja. Beide Tänze sind sich im Charakter übrigens ganz gleich; bei ihnen reicht das Urxylophon der einfachen Holzstangen nicht mehr aus, hier tritt vielmehr eine ganze Kapelle mit Trommeln der verschiedensten Gestalt und Größe in Tätigkeit. Es spricht immerhin für eine gewisse musikalische Rassenbegabung des Negers, daß die Musikanten ihre Instrumente vor dem Beginn der Ngoma erst zueinander abstimmen. Jeder klopft horchend auf das Schlagfell seiner Trommel; hört er, daß sie mit den anderen nicht harmoniert, so geschieht für den Neuling etwas recht Merkwürdiges: mit langen Sätzen ist der Musiker davongeeilt; schon im nächsten Augenblick springt er mit noch längeren Sätzen wieder heran, in der Linken jetzt ein derbes Bündel trocknen Strohes, in der Rechten einen Feuerbrand aus der nächsten Hütte schwingend. Schon liegt das Stroh zu einem Haufen getürmt auf dem Boden, flammt lichterloh auf, und schon haben auch alle Kapellenmitglieder ihre Instrumente mit dem unteren, offenen Ende in den Bannkreis der hoch auflodernden Flamme gebracht. Dort verbleiben die Trommeln verschieden lang, die eine nur Sekunden, die andere große Bruchteile von Minuten. Hin und wieder wird mittels Anschlagens geprüft, ob durch das Austrocknen des Trommelfelles die richtige Tonhöhe erreicht worden ist. Endlich ist die richtige Stimmung da, das Trommeln beginnt.

Yao im Masewekostüm.

Im selben Augenblick rast es auch schon heran; in eine dichte Staubwolke gehüllt, nahen sie, Männer, Jünglinge, Knaben in nicht endenwollender Schar. Sie sind alle in derselben Weise aufgeputzt: an Fußknöcheln und Unterschenkeln dichte Bündel von Masewerasseln, um die Hüfte einen dichten Schurz von Fellstreifen und Baumblättern. Vor der Musikkapelle auf dem Festplatz angelangt, ordnet sich der Haufen ganz von selbst; im Gänsemarsch trotten sie einher, einer hinter dem andern; die Reihe schließt sich zum Kreis. Dieser wogt hin und her, links herum, rechts herum; es ist erstaunlich, wie gleichmäßig und exakt die Bewegungen von jedem einzelnen, selbst von dem jüngsten Knaben ausgeführt werden.

Negertänze scheinen nirgends am Überfluß großer Überraschungen zu leiden; dies muß am Erdteil liegen. Dieser ist, wenige begnadete Stellen ausgenommen, langweilig, und auch die Tänze seiner Bewohner sind monoton. „Ganz recht,“ könnte einer dieser Neger einwenden, „aber ist denn euere Polka und euer Walzer, ihr Weißen, vielleicht abwechselungsreicher als unsere Ngoma? Drehen sich eure Paare nicht etwa auch ganz gleichmäßig dahin?“ So ganz unrecht dürfte unser schwarzer Kritiker wohl nicht haben. Während mir derartige ketzerhafte Gedanken durch den Sinn fahren, hat sich das Bild wenigstens etwas zu seinem Vorteil verändert: der Kreis hat sich in Gruppen aufgelöst, die sich durch die merkwürdigsten Beinbewegungen zu übertreffen suchen; hier sind ja alle Tänzer überhaupt Beinvirtuosen. Die eine Gruppe schwebt auf den Zehen dahin, die andere ahmt den würdevollen Gang irgendeines Watvogels nach; wieder eine andere wippt fröhlich zwischen den übrigen Gruppen hindurch; eine vierte marschiert mit vollkommen steifen Beinen dahin. Längst ist mein letzter Film zu Ende gegangen, aber noch immer tummelt sich der Haufen in der einmal angebrochenen Lust weiter. Schließlich geht auch diese „Nummer“ zu Ende; die Kapelle liefert nur noch scheußliche Mißtöne; ich selbst bin vom langen Stehen ermüdet, Knudsen klagt über die ersten Fiebersymptome; das Fest ist zu Ende.

Die Vorführung solcher Beschneidungstänze bringt es naturgemäß mit sich, daß mein Interesse für diese Stammesfeste immer größer und meine Sehnsucht, sie möglichst genau sehen und studieren zu können, immer stärker wird. Wie sollte es auch anders sein, wenn zu allen diesen fremdartigen Vorführungen der Männer und Knaben selbst noch Faktoren hinzutreten wie die beiden folgenden.