Wie üblich unternehme ich eines Nachmittags meinen Studienbummel durch die nähere und weitere Umgebung von Chingulungulu. Wir haben bereits einige ganz interessante Grabaufnahmen gemacht, das Äußere und Innere einiger entlegener Gehöfte studiert und wollen uns nun damit vergnügen, den Vegetationscharakter des Pori auf die Platte zu bannen. Einer hinter dem andern kämpfen wir uns durch das hohe Gras und das hier ausnahmsweise dichte Unterholz. Da stehe ich plötzlich vor einer kleinen Lichtung; sie mißt vielleicht nur 15 bis 20 Meter im Durchmesser, ist kreisrund und nur von vereinzelten Sträuchern besetzt. Aber was ihr den Stempel des vollkommen Einzigartigen aufdrückt, das sind zwei Kreise von Baumstümpfen, die sich konzentrisch um einen weiteren Baumstumpf als Mittelpunkt gruppieren. Die Dinger sind nur 25 bis 30 Zentimeter hoch, oben ganz glatt horizontal abgeschnitten und laden damit förmlich zum Sitzen ein. Einstweilen habe ich natürlich nichts Eiligeres zu tun, als dieses seltene Objekt auf meine Platte zu bringen, zu Hause aber müssen Matola und die übrigen „Gelehrten“ Auskunft erteilen. Diese ist kurz; die Baumstümpfe seien Stühle für die Wari, die Knaben während der Beschneidungsperiode von einem bestimmten Momente ab; der Mittelschemel aber sei der Sitz für den Lehrer, dem der Unterricht der Knaben während ihres mehrmonatigen Aufenthaltes in einer besonderen Waldhütte nach der Beschneidung übertragen ist. „Also eine Waldschule im besten Sinne des Wortes“, denke ich; die anderen aber setzen hinzu, die Hütte habe dicht dabei gelegen; sie bestehe aber nicht mehr, denn das Unyago, bei dem sie den Knaben als Wohnhaus gedient habe, habe schon vor einiger Zeit stattgefunden.
Es ist ein anderer Frühnachmittag; Knudsen und ich sitzen unter unserer Barasa und pressen uns mit beiden Händen die Schläfen; der Kopf will uns auseinanderplatzen. Das ist jeden Mittag so, so daß wir uns im Grunde genommen weiter gar nichts mehr dabei denken. Es ist aber auch in den letzten Wochen mit jedem Tage heißer geworden; unter 31° C zeigt das Thermometer an keinem Mittag; heute aber sind es schier 34°. Da ist der fürchterliche Kopfschmerz kein Wunder. Fluchend haben wir beide unserem gerechten Zorn auf den schwarzen Erdteil Luft gemacht; gerade bin ich dabei, uns beiden die Beruhigungszigarre in den Mund zu stecken, da nahen zwei schwarze Gestalten. Akundonde ist es, der Weise unter den Yao, und sein Minister Akumapanje. An Akundonde haben wir in unserer Not um Gewährsleute geschickt; jetzt ist er gekommen, trotzdem es ihm schlecht geht; er hat die übliche vernachlässigte Wunde am Bein und kann nur mühselig am Stabe humpeln. Um so anerkennenswerter ist seine Marschleistung von über vier Stunden und sein so opferfreudig betätigter guter Wille.
Akundonde bekommt Knudsens Liegestuhl; der andere setzt sich auf eine Reisekiste. Viel zu lang für mich ungeduldigen Neuling ist das Hin und Her über belanglose Nichtigkeiten; ich bringe denn auch mit einigem Geschick und vielem Glück bald die Unterhaltung auf volkskundliche Fragen. Wie es so geht, sind wir dabei sehr bald bei den allerentlegensten Dingen, bei dem Verhalten der Eingeborenen bei Mondfinsternissen, dem Niederfallen von Meteoren, auch beim Monde. Meteore gelten den Yao als eine böse Vorbedeutung; wenn man sie platzen hört, dann sagen die Leute: „In diesem Jahre wird entweder ein großer Häuptling sterben, oder aber es werden sonst viele Leute zugrunde gehen.“ Verfinstert sich aber der Mond, dann gilt ein solches Phänomen hier, ganz in der Denkweise aller einfachen Völker, als eine persönliche Begegnung zwischen ein paar Feinden. Des Mondes Feind ist natürlich die Sonne; beide fassen einander grimmig an und ringen miteinander. Da beide gleich stark sind, bleibt der Kampf unentschieden. Dies zwingt den Menschen zum Eingreifen; eilends laufen die Yao davon, holen Hacken und Beile herbei und schlagen damit gegeneinander. Dabei rufen sie, zu dem Kampfplatz aufschauend:
„Mlekắngăne, mlekắngăne, mwēsi na lyūwa, mkamulene. Mlekangane, mlekangane sambáno.“
Das heißt zu deutsch:
„Geht auseinander, geht auseinander, Mond und Sonne. Ihr habt einander gefaßt. Geht auseinander, geht auseinander, jetzt gleich.“
Es ist nur logisch gedacht, wenn auch Sonnenfinsternisse als eine derartig persönliche Begegnung zwischen Tages- und Nachtgestirn aufgefaßt werden. Sie werden in derselben Weise behandelt.
Der Vollmond mit seinem bleichen Licht übt auf die Negerseele denselben magischen Einfluß aus wie auf das Gemüt eines jeden andern Sterblichen, nur daß unser schwarzer Bruder nicht nach unserer Weise gefühlvoll schwärmt, sondern ganz im Rahmen seiner sonstigen Denkweise die günstige Gelegenheit benutzt, seinen Medizinen und Zaubermitteln eine erhöhte Wirkungskraft zu verschaffen. Wenn die Scheibe des Mondes ihre vollständige Kreisform erreicht hat, wandelt der Neger, mit einer ausreichenden Menge eines bestimmten Harzes, Ubani genannt, versehen, an den nächsten Kreuzweg oder an eine Weggabelung. Unter vollständigem Schweigen macht er mit Hilfe des Urfeuerzeuges der Menschheit, dem später noch zu schildernden Bohrstab und Bohrbrett, ein frisches Feuer an. Erst glimmt das Bohrpulver nur schwach, selbst dem scharfen Auge des Wilden kaum bemerkbar. Vorsichtig bläst er das feine Fünkchen weiter und weiter an. Es wird zum Funken, greift auf das Strohbündel über und ergreift auch die Handvoll trocknen Holzes; hellauf schlägt die Flamme. Auf sie streut er jetzt sein Pulver; die reine Flamme des Feuers trübt sich; dichter, schwelender Rauch steigt auf. Da greift der Mann nach seinen Zaubermitteln, den Amuletten, die er an Hals, Armen und Leib zu tragen pflegt; er hält sie in den dichten Rauch und spricht: „Du Mond, vor kurzem warst du noch nicht da, da war der Himmel dunkel; jetzt aber bist du da und scheinst voll hernieder. Alle Tiere und Pflanzen freuen sich und haben durch dich neue Kraft; so möge auch meine Daua neue Kraft bekommen.“ Und dann betet er: „Möge die Medizin meinen Körper schützen vor Löwen und vor Schlangen, vor Zaubermitteln und vor allem, was mir schaden könnte. Auch neue Kraft möge ich in meinen Leib bekommen.“ Noch einmal schwingt der Mann seine Talismane durch den Rauch; dieser wird jetzt dünner und durchsichtiger, auch das Feuer sinkt in sich zusammen. Unhörbar wie er gekommen, schleicht der Mann seiner Hütte zu.
Da wir einmal bei der Zauberei angelangt sind, bleiben die drei Volkskundigen, Knudsen und die beiden Neger, auch gleich bei diesem Kapitel; sie sprechen vom Knotenknüpfen, und Akundonde erzählt, wie ein Mann hierzulande, wenn er Absichten auf ein bestimmtes Mädchen hat, einen Rindenstreifen hernimmt, ihn zu einer Knotenschleife schürzt und zu ihr folgendermaßen spricht: „Du Baum, du heißt Sangalasi (Freude), du sollst mir jenes Mädchen holen; zum Zeichen aber, daß dem so sein soll, schließe ich meine Worte in dich hinein.“ Damit nimmt er die Öffnung der Knotenschleife vor den Mund, steckt die Zunge durch sie hindurch und zieht die Schleife zu. Die Rinde mit dem Knoten trägt er dann als Unterarmband.
Der von Akundonde geschilderte Vorgang ist an sich einfach und harmlos, aber er eröffnet den Ausblick auf ein ganzes, großes Kapitel der Völkerpsychologie. Die Knüpfung eines Knotens bedeutet in der Tat in vielen Schichten der Menschheit etwas Magisches; die bindende Kraft des Knotens wird leicht auf bestimmte Personen übertragen, und wie der Knoten in sich unauflöslich ist, so ist auch jene andere Person, sofern ich den Knoten nach bestimmten Regeln und unter Befolgung bestimmter Zeremonien geknüpft habe, unauflöslich an mich gefesselt.