So sehr mich diese Sachen interessieren und so gern ich noch mehr von ihnen gerade aus dem Munde des Dreigestirns: Knudsen, Akundonde und Akumapanje gehört hätte, so sehr drängt es mich doch, einstweilen mehr von dem vielbesprochenen Unyago zu vernehmen. Ich bringe die Rede darauf, aber die beiden Neger weichen geschickt aus. Da fange ich einen Blick des alten, kranken Häuptlings auf, wie er suchend unseren Arbeitsraum durchmustert. Der Mann hat Durst, denke ich halblaut, und schon fährt mir die Erinnerung an die letzte Dedikation des schwarzen Pastors Daudi durch den Sinn. Dieser hat uns vor einigen Tagen einen der üblichen riesigen Töpfe mit Pombe geschickt, aber diese Pombe ist nichts für unsere verwöhnten Zungen; sie schmeckt gar zu muffig. „Für die beiden alten Sünder wird sie wohl noch gut genug sein“, sage ich zu Knudsen. Den Norweger müssen wohl ähnliche Gedanken bewegt haben, denn er faßt meine Idee sofort auf, holt aus seinem Zelt ein gewaltiges Blechgefäß, taucht es tief in die gelbe, gärende Flüssigkeit und kredenzt es Akundonde. Dieser nimmt den Becher, trinkt aber nicht, sondern reicht ihn seinem Begleiter. „Ist das ein höflicher König!“ denke ich bei diesem Anblick; als ich aber im gleichen Augenblick sehen muß, wie vorsichtig Akumapanje seine Lippen in die Pombe taucht, da wird mir’s klar: es ist eine altüberkommene Sitte, hervorgegangen aus dem angeborenen Mißtrauen des Negers, der zwar nicht überall Gift, wohl aber überall Zauberei wittert und fürchtet. Jetzt soll sich der mögliche Zauber auf das Haupt des Dieners entladen.

Akumapanje hat, nachdem er ein weniges gekostet, den Becher an Akundonde zurückgereicht; mit einem Zuge hat dieser das umfangreiche Gefäß geleert. Wenige Sekunden später befindet es sich bereits wieder am Munde des „Ministers“. Ein riesenlanger Zug; auch er hat es seinem Meister nachgetan; das Gefäß ist leer. In diesem Tempo gehen Trunk und Gegentrunk eine Weile weiter; mit einem aus Neid und Bewunderung gemischten Gefühl verfolgen wir beiden Europäer diese Leistungsfähigkeit. Doch mir fällt wieder unser ethnologisches Endziel ein; und siehe da, was vorher unmöglich schien, jetzt geht es spielend. Mit geläufiger Zunge berichten die beiden, einander gegenseitig ergänzend, über die allgemeinen Züge des Knaben-Unyago, über die Einrichtung, daß das Fest wechsele, was mir durchaus nichts Neues mehr ist; sodann über das Einleitungsfest, bei dem für die zu beschneidenden Knaben eigens Hütten um den Festplatz herum errichtet werden, und wie die Knaben nach diesen Vorbereitungen schließlich in eine im tiefen Walde gelegene besondere Hütte geführt werden, um dort der Operation unterzogen zu werden. Über dies alles bin ich schon durch Knudsen einigermaßen unterrichtet, der sich im Laufe seines vieljährigen Aufenthaltes unter den Wayao eine bewunderungswerte Kenntnis ihres Volkstums angeeignet hat und den ich in jeder freien Minute mit einer Beharrlichkeit auspresse, daß der gute Nils schon oftmals mich oder sich ganz wo anders hingewünscht hat, als wo wir beide uns augenblicklich befinden.

Jetzt endlich kommen die beiden immer redseliger gewordenen Männer, die bei ihrem Eilzugtempo des Ganzentrinkens schon tief in das Pombefaß hinuntertauchen müssen, auf ein Gebiet, über das Knudsen sehr wenig unterrichtet ist, das aber mich am allermeisten fesselt. Es ist der mehrmonatige Unterricht der Knaben in jener Waldhütte durch ihre Anamungwi, die Mentoren, von denen jeder Knabe des Landes von seiner Mannbarkeitsperiode an einen besitzt. Diese Mentoren sind unstreitig eine der sympathischsten Einrichtungen des ganzen hiesigen Volkstums; sie halten ihre Hand über ihren Schützling in jeder Lebenslage, geleiten ihn durch die Schmerzenswochen des Unyago hindurch, unterrichten ihn dort über Schickliches und Unschickliches, und sie bleiben für das Wohlverhalten ihres jungen Freundes auch weit über dessen Jugendstadium hinaus verantwortlich. Mir kam es an jenem denkwürdigen Nachmittage vor allem darauf an, den wesentlichen Inhalt des Moralunterrichts in jenem Waldhause zu erfahren. Ganz ist das große Werk nicht gelungen; doch daß ich wenigstens das Fragment aus der Rede eines solchen Mentors wortgetreu habe niederlegen können, erfüllt mich schon mit großer Freude und Genugtuung.

Einige besonders wohlgefüllte Becher haben die letzten Bedenken der beiden trinkfreudigen Gewährsmänner behoben; ein letztes Anspornen durch Nils Knudsen, dann hebt Akundonde mit lehrhaftem Tone an:

„Mwe mari, sambano mumbēle. Atati na achikuluwēno mnyōgopĕ. Nyumba kasamyinyira tinyisimana chimtumbánăgá. Wakoongwe mkasa yogopa; mkagononau, mesi akayasináu. Imālagắ akamtī́kĭté; imālagắ akamila muchisiĕ́: masakam. Munyitikisie: marhaba. Mkuona mwesi sumyṓgopé, ngakawa kuulala. Kusimana timchiŭá. Miasi jere kogoya. Jerueli winyi.“

In deutscher Übersetzung:

„Du, mein Lehrling (Schüler), jetzt bist du beschnitten. Deinen Vater und deine Mutter, ehre sie. Ins Haus gehe nicht unangemeldet; du möchtest sie sonst treffen in zärtlicher Umarmung. Vor Mädchen mußt du keine Angst haben; schlaft zusammen; badet zusammen. Wenn du fertig bist, soll sie dich kneten; wenn du fertig bist, soll sie dich grüßen: masakam. Dann antwortest du: marhaba. Bei Neumond nimm dich in acht; dann würdest du leicht krank werden. Vor Kohabitation während der Regel hüte dich (du würdest sonst sterben); die Regel ist gefährlich; (sie bringt) Krankheiten viele.“

So schön und vollständig wie hier auf dem Papier sah nun meine Niederschrift im ersten Augenblick keineswegs aus; dem Neger ist es schon in nüchternem Zustande nicht gegeben, seine Sätze sozusagen auseinander zu pflücken und stückweise zu diktieren, hier bei den fidelen beiden alten Sündern aber war es ein Problem. Dennoch haben wir es gelöst bis zur unabwendbaren Katastrophe.

Zwischen je zwei Sätzen haben die beiden sich unentwegt gestärkt; sie sind dabei gerade bis zu den Wirkungen der weiblichen Menses auf das andere Geschlecht gekommen. Etwas unsicher taucht Akumapanje den Becher der Lust wieder tief in den Bauch des Riesentopfes hinunter. Was muß er hören? Ein kratzendes Geräusch. Seine Hand fährt in anderer Richtung durch den Raum des Fasses dahin; dieselbe Wirkung. Mit unsäglich dummem Gesicht hebt Seine Exzellenz den Becher zum Licht; er ist fast leer; er kann auch nicht mehr gefüllt sein, denn die beiden Jubelgreise haben in ihrer Begeisterung das ganze riesige Quantum von wohl über 20 Liter auf einen Sitz ausgetrunken. Mit der wunderbaren Logik des Bezechten halten sie sich aber zu weiteren Ansprüchen berechtigt; sie sind daher über den Mangel weiteren Stoffes sehr entrüstet. Unter keinen Umständen sind sie zur Fortsetzung ihres Unyagokollegs zu bewegen, sondern ziehen beleidigt ab. Das hat man also von seiner übergroßen Gastfreundschaft.

Die hier wiedergegebene Ansprache, die ich unter Mithilfe von Knudsen, Daudi, Matola und einigen anderen Intelligenzen ins Deutsche übertragen habe, soll für alle Unyagofeierlichkeiten nach Inhalt und Form feststehen. Dies wird schon richtig sein, denn ich wüßte nicht, was mehr aus dem Herzen des Negers herausgesprochen sein könnte als gerade diese Vorschriften. Sie sind eine seltsame Mischung von hygienischen Regeln und moralischen Unterweisungen; zugleich steckt in ihnen ein gut Stück uralten, aber noch immer geübten Volkstums. Damit meine ich das Verbot für den Jüngling, nach der Aufnahme in die Schar der Erwachsenen noch das mütterliche Haus unangemeldet zu betreten. Wir leben hier in Ostafrika ganz im Gebiet des Mutterrechts; da gilt der Vater nichts; er ist sozusagen nur angeheiratet. Er ist zwar der Vater seiner Kinder, doch kaum ihr Verwandter; er gehört eben einer anderen Sippe an. Diese Sippe ist, wie dies innerhalb der Welt der Naturvölker so außerordentlich oft wiederkehrt, exogamisch, d. h. ein Jüngling kann ohne weitere Schwierigkeiten ein Mädchen aus jeder andern Sippe seines Stammes heiraten, nur nicht aus seiner eigenen. Dieses Eheverbot geht sogar so weit, daß der junge Yao die Nähe seiner nächsten Sippengenossinnen möglichst zu meiden hat; es sind dies eben seine nächsten Verwandten in Gestalt seiner Mutter und seiner Schwestern. Daher die Vorschrift, sich bei der Annäherung an das mütterliche Haus zum mindesten erst zu melden.