Außerordentlich sympathisch muß uns wohlerzogene Europäer die auch hier wiederkehrende Betonung des Respekts vor Vater und Mutter berühren. Diese Achtung vor den Eltern und vor allen Erwachsenen überhaupt ist, wie man mir immer wieder erzählt hat, der Haupt- und eigentliche Grundzug der hiesigen Volkspädagogik; ihre allgemeine Durchführung seitens der Jugend soll nach Knudsen auch der hervorstechendste Zug im Verkehr der Jungen mit den Alten sein. Wir Europäer könnten in dieser Beziehung sehr wohl von den Negern lernen, meint Nils, der zu einem Urteil zweifellos berechtigt ist.

Aber um meine Unyagorede bin ich trotz aller guten Eindrücke von den Erziehungsmaximen der Neger nun doch gekommen, und daran ist der allzu große Pombetopf des guten Daudi schuld. Es wird schon nicht anders gehen: wenn der Berg nicht zu Mohammed kommt, muß Mohammed zum Berge gehen. Akundonde hat erklärt, er müsse heim, um neue Daua auf seinen Fuß zu legen, er könne unmöglich wiederkommen; so werden wir wohl oder übel den alten Herrn in seiner eigenen Residenz aufsuchen müssen.

Yao-Masewe in Mtua.

Elefantenherde nach Zeichnung von Barnabas, einem gebildeten Muera in Lindi (s. [S. 448]).

Elftes Kapitel.
Weitere Ergebnisse.

Chingulungulu, Ende August 1906.

Noch immer sitze ich in Chingulungulu; ich fluche mehr denn je auf diesen Sammelpunkt infernalischer Hitze, gräßlichen Staubes und schmutziger Eingeborener, aber ich komme nicht weg! Ursache: die anfängliche Unfruchtbarkeit meines Aufenthalts in wissenschaftlicher Beziehung ist allmählich in das gerade Gegenteil umgeschlagen, so daß ich Mühe habe, unter der Wucht der vielen neuen Eindrücke den Kopf oben zu behalten. Ich kann unmöglich alle diese Beobachtungen und Studien mit dem persönlichen Einschlag wiedergeben, den sie im Interesse der Sache verdienten, d. h. ich kann nicht breit und ausführlich erzählen, wie und in welcher Weise ich meine Einblicke in die Kultur und die Denkweise der hiesigen Eingeborenen gewonnen habe; es würde dies ganze Bände füllen, und zu solchen habe ich jetzt keine Zeit. Daher nur einiges wenige Persönliche und eine kleine Blütenlese aus den verschiedensten Gebieten der materiellen und der geistigen Kultur der Völker dieser weiten Ebene.

Das wichtigste Ereignis im Leben meiner Expedition ist die endgültige Angliederung der Persönlichkeit Nils Knudsens an mein Unternehmen; unter Vorbehalt der Zustimmung der Landeskundlichen Kommission habe ich ihn am 25. August mit einem ziemlich hohen Gehalt als Reisebegleiter in meine Dienste genommen. Ich habe dabei das Gefühl, daß damit beide Parteien gut gefahren sind. Der Anlaß zu diesem Schritt ist einfach genug. Wie ich bereits früher bemerkt habe, stand Knudsen als Leiter der Handwerkerschule im Dienst der Kommune Lindi; diese hatte ihn auf Ersuchen des kaiserlichen Bezirksamtes bis auf weiteres beurlaubt, damit er in der Ebene westlich vom Makondeplateau eine Art Kontrolle über die Akiden ausüben solle. Aus Gründen, die zu beurteilen ich keine Veranlassung habe, ist der Plan, derartige weiße Kontrollbeamte einzustellen, wieder aufgegeben worden; damit lag für die Kommune Lindi natürlich auch keine Veranlassung mehr vor, ihren Handwerkslehrer zu seinem Vergnügen im Lande spazieren gehen zu sehen; sie heischte ihn also zurück. Ich muß ehrlich gestehen, daß Knudsen mir längst unentbehrlich geworden war. Als daher vor einigen Tagen der kaiserliche Bezirksamtmann uns auf einer seiner Rundreisen vorübergehend besuchte, habe ich den oben vermeldeten Schritt getan und Knudsen bei mir angestellt. Seitdem fühlt er sich anscheinend wichtiger als vorher; es ist aber auch ein ganz ander Ding, einen deutschen Gelehrten in die tiefsten Geheimnisse eines fremden Volkstums einzuweihen, als faule Negerknaben in die Künste des Hobelns, Sägens, Schmiedens und Nietens.