Das zweite Hauptgeschehnis ist ein gräßliches Fieber gewesen, an dem ich gerade in den letzten Tagen schwer darniedergelegen habe. Auch dieser Anfall hat seine kleine Vorgeschichte. Ewerbeck reist nie ohne einen alten Sudanesentschausch, einen Unteroffizier von sehr schwindsüchtigem Äußern, der seine Begleitmannschaft von Polizeisoldaten kommandiert. Dieser Tschausch figuriert in meiner Nomenklatur der Eingeborenen längst als der „Oberhuster“. Der Name ist, was nicht schwer zu erraten, der wundervollen Pfahldorfgeschichte in Friedrich Theodor Vischers köstlichem Roman „Auch Einer“ entnommen, den ich als eine Art Brevier aller Lebensweisheit verehre. Schon in allen Lagern auf unserem gemeinsamen Marsch von Lindi bis Massassi hatte von allen den zahlreichen Expeditionsaskari keiner so virtuos gehustet wie dieser alte Tschausch: ganze Melodien, aber keine ansprechenden, hatte er in seine furchtbaren Anfälle gelegt. Dieser Oberhuster erscheint selbstverständlich auch diesmal mit seinem hohen Chef wieder auf der Bildfläche; eine ganze Nacht lang hat er mir durch seine Künste wieder den Schlaf geraubt; denn wenngleich er und seine Garde diesmal weiter von unseren Zelten abliegen als sonst in der Wildnis, so überwinden diese schrecklichen Töne doch jede Entfernung. Ich bin demgemäß denn auch ganz Rachegefühl. Am halben Nachmittag sehe ich, wie der alte Herr seine Leute zum Appell antreten läßt. Die Pose von ihm kenne ich; bei Tage hustet er nicht, dafür aber kratzt er sich unausgesetzt und beharrlich an der untersten Partie seiner Rückseite. Mit einem Satz bin ich an meinem 9 × 12-Apparat, der beschaulich an seinem Nagel an einem der Barasapfeiler hängt. Ein Griff an den Riemen, „krach“ geht es; ein rascher Blick nach unten, die Tasche ist leer, die Kamera liegt im Staube. Macht nichts, denke ich, und will den Apparat montieren. Es geht nicht; der Schlitten ist verbogen. Dem Schaden ist durch einen energischen Druck abgeholfen. Doch nun der Momentverschluß, dieses Schmerzenskind jedes Tropenapparates! Richtig hat auch er einen Knacks; er schließt nicht.
Dorf des Wangoni-Häuptlings Makachu.
⇒
GRÖSSERES BILD
Es gibt im Menschenleben Augenblicke, über deren Tun und Lassen man sich später vergebens Rechenschaft abzulegen versucht. So begreife ich auch heute noch nicht, wie mich der Verlust dieses Apparates so fürchterlich hat aufregen können, wie es tatsächlich der Fall gewesen ist; an den Besitz meines geradezu ideal guten 13 × 18-Apparates muß ich in jenen Stunden gar nicht gedacht haben. Daß dies später nicht mehr geschehen ist, kann man eher verstehen, denn noch ehe die Sonne versank, erfreute ich mich schon einer schnell steigenden Fieberkurve. Nach meinem bereits früher bewährten Verfahren habe ich das Fieber durch gewaltige Mengen mit Zitronensäure versetzten Tees zu bändigen versucht, aber vergebens. Nach einer schrecklichen Nacht mit durchschnittlich mehr als 40° Temperatur war das Fieber am nächsten Morgen zwar so weit herunter, daß ich mich ermannen konnte, für den indischen Fundi in Lindi die Zeichnungen zu Einsatzrahmen in meinen 13 × 18-Apparat anzufertigen. Bis zu diesem Augenblick hatte ich meine photographische Ausrüstung für mustergültig gehalten, doch an die Möglichkeit eines solchen Unglücks, wie er meinem kleinen Apparat zugestoßen ist, und an seinen Ersatz durch einfache Holzrahmen haben weder ich noch meine Lieferanten gedacht. Mit eiserner Energie habe ich noch gerade jene Zeichnungen fertigstellen und durch einen Eilboten nach Lindi absenden können, da war mein Fieber schon wieder auf weit über 38°, und ich mußte wohl oder übel von neuem ins Bett. Dort ist der Anfall schließlich zu Ende gegangen, wie jedes Fieber zu Ende geht; fast möchte ich heute schon wieder rauchen, wenn wir beiden Europäer auch nur noch das Geringste zu rauchen hätten. Doch die Lust am Aufenthalt in Chingulungulu ist mir seitdem gründlich vergangen; nur eine Tagereise weit von uns winkt der Rovuma mit seinen grünen Ufern, seinem klaren, kühlen Wasser, seinen Sandbänken und Inseln. Dorthin wollen wir in den nächsten Tagen, um für kurze Zeit Erholung zu suchen von all dem kleinen und großen Ungemach, das uns hier in Chingulungulu betroffen hat.
Vorher halte ich es noch für meine Pflicht, wenigstens einiges aus meinen Forschungen und Ergebnissen hier niederzulegen.
Außer den vielen anderen Krankheiten, wie Malaria, Schwarzwasserfieber, Schlaf- und Wurmkrankheit, Rückfallfieber, Beriberi, und wie sie alle heißen mögen, die kleinen und großen Leiden der Menschheit in diesen klimatisch sonst außerordentlich begünstigten Gebieten, ist in unserer Kolonie am Indischen Ozean leider auch der Aussatz endemisch. An der Küste des Südbezirks sucht die Kolonialregierung der weiteren Ausdehnung des schrecklichen Leidens dadurch Herr zu werden, daß sie die Unglücklichen, zurzeit gegen 40 an der Zahl, auf einer Insel im Ästuar des Lukuledi unterbringt, verpflegt und durch das medizinische Personal von Lindi behandeln läßt. Hier im Innern müssen sich die Leprakranken einstweilen noch auf die Fürsorge ihrer Stammesgenossen verlassen. Bei den Yao ist diese Fürsorge ein Gemisch echt menschlichen Mitgefühls und roher Barbarei; der Kranke wird im tiefen Pori in einer eigens für ihn erbauten Hütte untergebracht. Dorthin oder in deren Nähe bringen ihm dann die Verwandten, Freunde und Stammesgenossen die Nahrung, bis es zu Ende zu gehen scheint. Haben die Stammesweisen diese Prognose gestellt, dann bringt man dem Todeskandidaten die letzte Mahlzeit; sie ist reichlich, überreichlich, aber ihre Darreichung geht Hand in Hand mit einer festen Verbarrikadierung der Hütte von außen; selbst wenn der Kranke noch die Kräfte und den Willen hätte, sich befreien zu wollen, es würde nicht gehen; rettungslos ist er nach dem letzten Bissen und nach dem letzten Trunk dem Verhungern preisgegeben.
Grab des Yaohäuptlings Maluchiro in Mwiti.
Ein ander Bild; auch das handelt von Tod und Scheiden. Wie ein Wahrzeichen alter Negerherrlichkeit ragt der Hungurueberg mit Hatias baum- und sagenumrauschtem Grab in die weite Ebene hinaus. Bei anderen Sterblichen ist die Sprache ihrer Gräber nüchtern, sie selbst sind anspruchslos. Hier im weitgedehnten Chingulungulu habe ich Gräber an den verschiedensten Stellen des Pori gefunden, frische und alte; keines von ihnen unterscheidet sich äußerlich von den unseren; ein runder oder ovaler Hügel über dem Leichnam des Kindes, ein länglicher über dem des Erwachsenen, das ist alles; von der mir mehrfach berichteten Sitte, daß über dem Hügel eine leichte Hütte gebaut und diese mit Stoffen verziert werde, habe ich bis jetzt nichts gesehen. Nur ein Grab in Massassi zeigte eine solche Hütte, doch es hieß, es sei ein Arabergrab, und die Stoffe fehlten. In Mwiti aber, wo Nakaams Vorgänger Maluchiro begraben liegt, hat dieses Fürstengrab leider ganz den Charakter des Altüberkommenen verloren; dort stößt der Reisende auf eine gewaltige Hütte von ovalem Grundriß und wuchtigem, weit herniederhängendem Dach; tritt er aber näher, neigt Haupt und Körper und betritt den in seinem Halbdunkel unleugbar stimmungsvollen Raum unter diesem Dach, dann steht ein barbarisch prunkvoller Kunstbau vor ihm: starke, massive, aus Lehm gebaute Pfeiler zu Häupten und zu Füßen des Verstorbenen, etwas niedrigere Mauern zu beiden Seiten. Solche Monumente sind der Stolz des Eingeborenen dem durchreisenden Weißen gegenüber, doch sind sie leider auch der Beweis, wie weit schon islamisches Wesen in die alte Negerkultur eingedrungen ist.