Auch wir Europäer mit unserem übermächtigen Einfluß sind nicht weniger schuld an dem Verwischen des alten Kulturbildes. Zwar so schlimm, wie ich es bisher immer geglaubt hatte, ist es z. B. auf dem Gebiet der Technik des Feuermachens noch nicht; ich hatte mir daheim eingebildet, jeder schwarze Hausvater trüge seine Schachtel „Schweden“ ständig mit sich herum, und bei jeder Hausfrau lägen die Jönköpings wie bei uns an einer bestimmten Stelle des Herdes. Weit gefehlt, nichts davon ist zu finden. Aber auch kein anderes Feuerzeug ist zu sehen. Also sind die Leute feuerlos? Auch nicht; im Gegenteil, sie haben ewiges Feuer. Das ist in der Tat die verblüffende Lösung einer Frage, die in der Völkerkunde schon so viele Geister seit langer Zeit beschäftigt hat. Noch vor wenigen Jahrzehnten glaubten so ernsthafte Forscher wie die Engländer Tylor und Lubbock allen Ernstes an feuerlose Völker; selbst unsere braunen Brüder auf den Marianen sollten zu diesen Ärmsten gehören. Heute ist das Gegenteil einwandfrei nachgewiesen worden; man weiß, daß alle Teile der Menschheit nicht nur Feuer zu ihrem Nutzen zu verwerten, sondern auch auf künstlichem Wege hervorzubringen verstehen. Das Problem hat sich daraufhin zu der anderen Fragestellung zugespitzt: hat die Menschheit das Feuer erst benutzt und dann erst hervorzubringen gelernt, d. h. hat sie die natürlichen Feuerquellen der Vulkane und Laven, brennender Naphthalager, vom Blitz getroffener, trockner Bäume, durch Eigenwärme in Brand geratener, dicht aufgeschütteter Pflanzenmassen zum Ausgangspunkt ihrer Feuerbenutzung genommen und ist später erst zu dessen künstlicher Herstellung fortgeschritten, oder hat sie zuerst den göttlichen Funken durch Bohren, Reiben und Schlagen hervorzubringen gelernt und ist sie erst daraufhin dazu übergegangen, das freundliche Element in seinen Haushalt einzuspannen? Möglich wäre a priori beides, wenngleich natürlich der erste Entwicklungsweg viel wahrscheinlicher ist als der andere. Heute muß man sagen, daß er allein in Frage kommt. Diese Erkenntnis haben wir lediglich der Völkerkunde zu verdanken.
In einer Zeit, wo jahrein jahraus Hunderte und Aberhunderte von Forschern sich abmühen, die letzten und verlorensten der Naturvölker der Gegenwart systematisch zu beobachten und zu studieren, wo die bestehenden ethnographischen Museen sich unter dem Andrang neuer Sammlungen bis zum Übermaß füllen, und wo fast alljährlich neue derartige Museen entstehen, will es uns seltsam anmuten, zu sehen, wie die ältere, weniger glücklich gestellte Zeit sich mit bloßen Schreibtischtheorien begnügen mußte. Im Sturm reiben sich zwei Äste eines Baumes aneinander; immer heftiger und immer stärker wird der Wind, immer rascher die Gleitbewegungen beider Astflächen. Da, ein leises Glühen; ein Fünkchen zeigt sich; rasch wird es zum Funken und zur lodernden Flamme, die mit verzehrender Glut den ganzen Baum ergreift. Unten am Baum hat das primitive Menschenkind gestanden und mit erstaunter Verwunderung dem seltsamen Vorgang zugeschaut. „Ei,“ denkt es, „so also wird das gemacht!“ Und schon nimmt es ein paar Holzscheite und macht es ebenso.
Feuererzeugung.
In dieser Schilderung haben wir das Prototyp dieser alten, grauen Theorien ohne konkrete Unterlage; es ist die des alten Sprachforschers Kuhn, den vor einem halben Jahrhundert seine „Herabkunft des Feuers“ zum mindesten ebenso berühmt gemacht hat wie seine sprachvergleichenden Schriften. Uns schlechten Kerlen einer pietätlosen Gegenwart dient der alte Herr jetzt zum Gespött; aber das ist so der Welten Lauf.
Es ist immer gut, einer weitverbreiteten Kulturerrungenschaft gegenüber, wie es die künstliche Hervorbringung des Feuers ist, an einen mehrfachen Entwicklungsweg zu denken. Wenn wir heute sehen, wie ein großer, ja der bei weitem größte Teil der Urmenschheit sich des Bohrprinzips, ein kleinerer des Prinzips des Reibens, ein dritter dessen der Säge bedient, während der Rest bereits zum Schlagfeuerzeug, zum Hohlspiegel und zum Prinzip des pneumatischen Feuerzeugs übergegangen ist, so ergibt sich jene Notwendigkeit von selbst. Gleichzeitig zeigt uns diese Mannigfaltigkeit der Methoden, daß die Feuererzeugung durchweg erst etwas Sekundäres ist, auf das die Menschheit zufällig und bei Verfolgung ganz anderer Ziele gestoßen ist. Dies trifft sogar für die Feuerpumpe von Südostasien zu. Diese Feuerpumpe ist eine unten geschlossene Röhre, in die der Malaie mit Wucht einen gut schließenden Stöpsel treibt, der in seinem unteren, hohlen Ende eine feine Zundermasse beherbergt. Die zusammengepreßte Luft erhitzt sich und entzündet diesen Zunder. In dem Blasrohr, das etwa in den gleichen Gegenden verbreitet ist, haben wir den zwanglosen Hinweis auf die Erfindung dieses Feuerzeugs; bei der Herstellung jener Schießwaffe, dem Treiben des Loches, liegt die Beobachtung der Lufterhitzung ganz nahe; sie absichtlich zu wiederholen, ist dann nicht mehr schwer. Für die sämtlichen übrigen Formen des Feuerzeugs gibt schon der Kulturbesitz der allerältesten Menschheit Hinweise; bereits der Ururmensch hat schaben, bohren, reiben, sägen müssen, um seine primitiven Werkzeuge, Waffen und Geräte zweckentsprechend zu gestalten. Dabei entstand Schab-, Bohr- und Reibpulver, es entstand zugleich bei kräftiger Betätigung eine mehr oder minder große Hitze, die unter besonders günstigen Umständen jenes Pulver zum Glimmen bringen konnte oder mußte.
So und nicht anders sieht die heutige Völkerkunde die Erfindung der Feuererzeugung an. Diese Erfindung ist sicherlich vielerorts und zu den verschiedensten Zeiten gemacht worden, stets aber doch wohl erst, nachdem das Feuer als Naturerscheinung schon etwas Vertrautes war. Zu dieser Forderung zwingt uns die Beobachtung, die aufmerksame Reisende bei allen Naturvölkern gemacht haben; das Feuer ist ein Haustier, das man hegt und pflegt, das aller Wahrscheinlichkeit nach in seiner Empfindlichkeit gegen jeden Niederschlag sogar eine Veranlassung zur Erfindung des Hauses gewesen ist und das man vor dem Verlöschen zu bewahren sucht, soweit es irgend möglich ist. Auch hier in meinem Forschungsgebiet ist nichts so rührend wie gerade diese große Fürsorge um das „ewige“ Feuer. Hätte ich nicht die Gewohnheit, überall, wohin ich komme, mir von Jung und Alt die Technik des Feuerbohrens vorführen zu lassen, ich glaube, ich könnte zehn Jahre im Lande sitzen, ohne eine Ahnung von dem Vorgang selbst zu bekommen. Selbst über weite Entfernungen hin schleppt man das glimmende Scheit, und erst wenn alle Stricke gerissen sind, wie wir zu sagen pflegen, d. h. wenn auch dieses Scheit erloschen und kein anderes Feuer zu entleihen ist, dann greift der Mann zu ein paar Stäben, um durch eine kurze, aber intensive Bohrarbeit ein neues Feuer erstehen zu lassen.
An den krampfhaften, instinktiven Versuch, durch feines Bohrmehl das im feuchten Urwald verlöschende Scheit zu neuem Glühen zu erwecken, knüpft übrigens die hübsche Theorie Karl von den Steinens an. Zwei Indianer ziehen durch den Wald; sie tragen das glimmende Scheit unter großer Sorge mit sich, denn ein feiner Regen rieselt herab. Der Regen wird stärker; „das Feuer geht aus!“ ruft der eine. Seines Tuns selbst kaum bewußt, bricht der andere einen trocknen Holzstab entzwei, setzt das Ende des einen Teils auf die Peripherie des anderen und quirlt wie toll drauf los. Was er will, ist lediglich Pulver, feines trocknes Pulver, von dem er weiß, wie gut es zum Wiederbeleben erlöschender Flammen ist. Er bohrt und bohrt, immer wilder, immer schneller: schon liegt ein ganzes Häufchen des gewünschten Materials neben der Unterlage. Doch siehe da, ein feiner Rauchfaden steigt aus dem kleinen Kegel empor; er wird stärker und stärker; ein helles Fünkchen blinkt aus der gelben Masse heraus; instinktiv fängt der Wilde an, sanft zu blasen — die Feuererzeugung ist erfunden.
So kann und wird es wahrscheinlich im fernen Südamerika gewesen sein, so könnte es auch alltäglich hier in Afrika vor meinen Augen geschehen, wenn der Neger die gleiche Beobachtung nicht schon vor Jahrzehntausenden gemacht hätte. Nicht jeder kann es; ich habe Virtuosen vor mir gehabt, die vom Beginn des Quirlens bis zum Emporzüngeln der hellen Flamme noch nicht einer halben Minute benötigten; andere haben sich lange gequält und schafften es doch nicht. Wesentlich für das Gelingen ist die Kerbe zur Seite des Bohrloches, damit das allererste Fünkchen auf dem kürzesten Wege zum herabrieselnden Pulverkegel gelangen kann; wesentlich ist ferner auch ein ruhiges, gleichmäßiges Quirlen ohne Überhastung, und ein sanftes, stetiges Blasen wie am Lötrohr. Wie oft habe ich mich in Leipzig mit dem Feuermachen nach allen möglichen Bohrmethoden versucht, und wie haben meine Studenten und ich uns gequält und abgerackert! Auf die drei Punkte haben wir nicht achtgehabt, aus dem einfachen Grunde, weil wir sie nicht kannten. Daher unsere bisherigen Mißerfolge. Aber von nun an soll es anders werden!
Der Gegensatz zwischen Virtuosen- und Stümpertum waltet zu meinem Erstaunen hier auch im Waffenhandwerk vor. Wie die Leute mit ihren Vorderladern umzugehen verstehen, kann ich nicht beurteilen, da diese Waffe jetzt brachliegt; aus Anlaß des Aufstandes ist die Pulvereinfuhr gesperrt, der Einfachheit halber sogar auch für unsere Bundesgenossen in jenem Kriege. Schon dieser Umstand bringt es mit sich, daß die alten Waffen gegenwärtig mehr zum Vorschein kommen, als dies sonst wohl der Fall sein mag; außerdem weiß alle Welt, daß der fremde Mann aus Uleia sich für solche Dinge interessiert, was selbstverständlich ebenfalls nicht wenig dazu beiträgt, meine nähere und weitere Umgebung zeitweise etwas zu enteuropäisieren. Für den Hauptgebrauch aller Waffen, für die Jagd auf Groß- und Kleinwild, hat übrigens der Vorderlader nur geringe oder gar keine taktischen Änderungen mit sich gebracht. Die Schwierigkeit bei der afrikanischen Jagd, an das Wild in wirksame Schußnähe heranzukommen, besteht bei diesen vorsintflutlichen Donnerbüchsen nach wie vor, und ihrer Überwindung gilt denn auch die Unsumme von Vorbeugungsmaßregeln, deren sich die Jäger vor und während der Jagd befleißigen.