Die hiesigen Jäger, unter denen in allererster Reihe Nils Knudsen zu nennen ist, haben mir im Lauf meines einmonatigen Aufenthaltes in Chingulungulu die längsten Geschichten über die einheimischen Jagdmethoden mit all ihrem Drum und Dran erzählt. Wenn gar nichts anderes mehr zog, wenn ich von der unausgesetzten Arbeit des Photographierens, Phono- und Kinematographierens, des Zeichnens, Ausfragens und Niederschreibens müde war, und wenn meine unglücklichen Gewährsleute sich mit ihrem natürlichen Takt nur noch aus Rücksicht auf ihren vornehmen weißen Gast aufrecht erhielten, dann brauchte ich nur das Thema Jagd anzuschneiden, und sofort war alles wieder frisch; auch ich, denn tatsächlich kann man sich kein interessanteres Bild aus der Völkerkunde denken als gerade diese Verhältnisse.

In einer der täglichen Dauersitzungen, zu denen die Männer des Dorfes während eines großen Teiles des Jahres eigentlich immer versammelt sind, hat das „Plenum“ für die nächste Zeit einen großen Jagdzug beschlossen; mit einem Eifer, der den sehnigen, aber sonst doch ganz behäbigen Männern im allgemeinen fremd ist, eilt heute jeder seiner Hütte zu. Aufmerksam prüft jeder Hausherr sein Gewaffen. Es ist eine altbekannte Tatsache, daß der Neger sein Gewehr stets in tadellosem Zustande erhält; darauf kommt es aber heute nicht an, heute gilt es, die Beute selbst zu bannen und den Beistand der höheren Mächte für das Unternehmen zu sichern. Dazu ist Medizin nötig, viele und starke Medizin. Von allen irdischen Dingen die stärksten sind Körperteile von totgeborenen Kindern: diese haben auf dieser Erde nichts Übles tun können, ihr Schuldkonto ist demgemäß ganz unbelastet, und jeder Teil von ihnen ist daher, nach der Denkweise des Negers, mehr als alles andere geeignet, auf andere Geschöpfe einzuwirken. Ähnliche Gedanken scheinen auch bei der um jeden Preis erstrebten Benutzung des menschlichen Mutterkuchens vorzuwalten; Skeletteile von längstgestorbenen Menschen, besonders von berühmten Jägern, hat unser Weidmann hingegen deshalb zu erlangen versucht, weil diese Teile nach seinem Glauben die Fähigkeiten des Verstorbenen ohne weiteres auf ihn übertragen. Alle diese Dinge, außerdem auch Stücke von den Wurzeln ganz bestimmter Pflanzen, werden zu Amuletten verarbeitet, mit denen der Jäger teils sich selbst, teils sein Gewehr ziert. Erst wenn er sich für alle Fährlichkeiten gewappnet erachtet, ist er beruhigt und kann nun des Aufbruchs zur Jagd selbst harren.

Bei den zahlreichen Antilopenarten des Landes verläuft diese Jagd natürlich stets harmlos und ungefährlich. Die Jagdteilnehmer haben sich zur festgesetzten Frühstunde am bestimmten Ort versammelt; doch brechen sie noch nicht auf, sondern zunächst erfolgt ein allgemeines Abreiben mit Abkochungen gewisser Wurzeln. Das ist nötig, um die geschilderte, fabelhaft starke Ausdünstung dieser Leute samt ihrem Hausgeruch durch einen dem Wilde weniger auffälligen anderen Geruch zu übertäuben. Schon die gewöhnlichen Antilopen wollen in dieser Hinsicht sehr vorsichtig behandelt sein; ungleich mehr Vorsicht beansprucht die Elandantilope, und am meisten selbstverständlich der Elefant. Erst dann beginnt die Jagd.

Unermüdlich, ohne Rast und Ruh folgen die Männer der einmal gefundenen Spur; sie erklettern die Termitenhaufen, steigen auf die Bäume und halten von Hügeln Ausschau; schließlich haben sie sich auf 40 bis 30 Meter oder noch weniger an die Herde oder den Einzelgänger herangepirscht, eine Salve von Schüssen schleudert ganze Eisenmengen auf das Ziel zu, das entweder im Feuer stürzt oder aber erst nach langwieriger Verfolgung der Schweißspur im Pori verendet gefunden wird. Einhellig drängen sich jetzt alle Jäger heran; es gilt, die Amulette mit dem Blute des erlegten Tieres zu tränken, um sie auch für späterhin wirksam zu machen; der glückliche Schütze aber eignet sich das abgeschnittene Schwanzende des Tieres als heißersehnten Schmuck an. Er wie seine Gefährten nehmen sodann je ein Stückchen von der Nase des Tieres als Medizin, um ihren Spürsinn zu stärken und zu verfeinern; von der Herzspitze, um sich selbst Ausdauer in der Verfolgung zu sichern; von den Augen, um ihr Gesicht zu schärfen, und vom Gehirn, um ihre Intelligenz zu vergrößern. Die Teile von Herz, Augen und Gehirn werden gegessen, desgleichen ein Stückchen Fleisch vom Kugeleinschlag, dieses, um den gleichen Erfolg für später zu verbürgen; auch von der Leber wird etwas genossen. Ich habe nicht erfahren können, aus welchen Beweggründen gerade dies geschieht, doch gilt dieses Organ vielerorts als Sitz des Lebens; vielleicht liegt diese Ideenassoziation auch hier zugrunde. Alles aber, was nach diesem merkwürdigen Jagdfrühstück von Fleisch und Hautteilen des Tieres an den Händen der Jäger kleben geblieben ist, muß unweigerlich an das Gewehr geschmiert werden; so will es die Regel. Dann eilt alles davon; das Tier ist zwar erlegt, doch ist seine Seele nicht getötet worden; es wird sich rächen wollen, und dem muß begegnet werden. Mit vielerlei Wurzelzeug kehren die Mannen zurück; ohne viel Zeit zu verlieren, haben sie sich mit dem Saft jener Kräuter und Wurzeln eingerieben, und damit sind sie gegen die Rache des besiegten Gegners gefeit.

Doch was ist eine einfache Antilopenjagd gegen den Wust von Aberglauben und Geisterfurcht, wie er vor, während und nach einer Elefantenjagd zutage tritt! Ich muß es meiner Feder hier versagen, die Einzelheiten der Bereitung dieser Medizinen und Amulette zu schildern und ihre mehr als abenteuerlichen Bestandteile aufzuzählen. Eine Elefantenjagd zwingt nicht nur den Herrn des Hauses selbst zu einer ganz bestimmten Lebensweise bei Tag und bei Nacht, sondern zieht auch die der Frau schon mindestens eine Woche vorher in ihren Bann. Für gewöhnlich haßt der Neger nichts mehr als eine Unterbrechung seiner Nachtruhe; jetzt stehen Mann und Frau halbe Nächte lang, um den Weidmann durch richtig wirkende Amulette für seine schwere Aufgabe würdig vorzubereiten. Teile der menschlichen Nachgeburt, von menschlichen Gehirnen und dergleichen spielen auch jetzt wieder eine große Rolle, aber auch menschliches Sperma tritt nunmehr hinzu, und vor allen Dingen Rindenstücke von den verschiedensten Bäumen, mit deren Abkochung der Jäger sich und sein Gewehr einreibt. Ich muß darüber auf die offizielle Bearbeitung meiner Ergebnisse verweisen, wo der Leser diese und so manche andere der tausend Einzelheiten meiner Forschungsergebnisse nachlesen mag.

Wir können und wollen die kühnen Jäger auch nicht auf ihrem Zuge begleiten; uns mag es genügen, zu betonen, daß, wenn alle anderen Maßnahmen, den Elefanten zum Stehen zu bringen, versagen, ihnen ein unfehlbares Mittel unter allen Umständen bleibt. Dieses ist zudem sehr einfach: man nimmt Erde aus den vier Fußtapfen des verfolgten Tieres, mischt sie mit einer bestimmten Wurzelmedizin und bindet diese Mischung irgendwo fest, dann muß der Elefant dort stehenbleiben, mag er wollen oder nicht.

Sie haben ihn denn auch glücklich zur Strecke gebracht, den edlen, unter der Aasjägerei schwarzer und weißer Nimrode heute leider so unglücklichen Dickhäuter. Wie eine Anklage gegen den gefühllosen, profitgierigen Europäer, der es sich nicht hat versagen können, dem ersten besten hergelaufenen schwarzen Halunken die totbringende Erfindung des Freiburger Mönches zugängig zu machen, liegt der gefällte Koloß da. Feig und vorsichtig, mit gezücktem Messer schleicht jetzt der beherzteste der schwarzen Jäger heran; ein rascher, kräftiger Schnitt: die Rüsselspitze liegt abgetrennt in den Händen des Negers; ebenso rasch ist sie auch schon vergraben. Sie lebe noch lange, heißt es; sie sei auch das Gefährlichste am Elefanten, und sie dürfe nicht länger sehen, was nun geschehen wird. Was nun geschehen wird? Überflüssige Frage. Der Neger ist ein Naturkind und ein Kind überhaupt, er springt und tanzt also um den gefällten Riesen und verknallt unsinnige Mengen seines teuren Pulvers in die Luft. Aber dann tritt doch gleich wieder das ewige Furchtgefühl vor der allbelebten Natur ein, der Reigen löst sich, die Jäger verschwinden; mit Wurzeln kehren sie aus dem Pori zurück und reiben ihre schweißtriefenden Leiber ein. Jetzt erst sind sie gefeit gegen die rachebrütende Seele des Elefanten, der ja in Wirklichkeit ein mächtiger Häuptling ist, und können mit Muße an das Herauslösen der Zähne, das Zerlegen des Tieres selbst, das Vertilgen ungeheurer Massen frischen Fleisches und das Konservieren der überflüssigen Fleischvorräte gehen. Das geschieht in derselben Weise, wie man am Rovuma Fische trocknet, nämlich auf etwa einen halben Meter hohen Rosten über dem Feuer; andere ziehen es vor, das in Streifen geschnittene Fleisch an der Luft zu trocknen. Viel soll es nicht sein, was in dieser Weise der Behandlung bedarf; der Neger gleicht dem Aasgeier, er wittert sozusagen auf Meilen, wo ein Stück Fleisch die Eintönigkeit seiner Ugalidiät einmal zu unterbrechen berufen ist, und so sorgen schon nach unglaublich kurzer Zeit Hunderte von Kostgängern für den raschen Abgang des schönen Bratens.

Fischtrocknen am Rovuma.