Freske an einer Hauswand in Akundonde, zwei Europäer mit ihrer Begleitung darstellend. Autor: ein Yaoknabe.
Zwölftes Kapitel.
Rovuma-Idyll und Zug ins Pori.
Newala, Anfang September 1906.
Ich lebe seit ein paar Tagen in einer andern Welt; ich bin dem Himmel nahe, denn ich sitze hier in einer Höhe von mehr als 700 Meter über dem Spiegel des Indischen Ozeans und schaue aus mehr als 500 Meter Höhe stolz auf das Graugrün der unendlichen Ebene im Westen hinab. Das heißt, dieser wundersame Anblick über jene Ebene zu meinen Füßen, über den Rovuma mit seinem breiten, gegenwärtig vom Wasser allerdings nur spärlich gefüllten Bett im Südwesten, auf die Bergkette von Massassi weit im Nordwesten, auf die zahllosen Inselberge in jeder Entfernung im Süden, Westen und Nordwesten, dieser Blick wird mir erst, wenn ich reuig wieder einen Kilometer westwärts von meinem jetzigen Ruhesitz schreite, da Newala nicht am jähen Steilrande des Plateaus liegt, sondern tausend Meter landeinwärts.
Und nun erst der klimatische Gegensatz, wenigstens gegen die Hölle Chingulungulu und das Fegefeuer Akundonde! Frisch ist’s hier wie auf dem Kamm des Thüringer Waldes, und eiligst haben wir Europäer nach unseren „Wintersachen“ gegriffen. Doppelte Decken des Nachts und eine warme Weste am Morgen und Abend genügen allein nicht; ich habe außerdem einen würdigen Überzieher aus vergangenen Semestern aus der Lade genommen, Nils, der Wikinger, aber wandelt in einem Überrock einher, von dem er behauptet, er sei erst vor reichlich einem Jahrzehnt von seinem Leibschneider in Treungen im fernen Nordland gefertigt worden; ich hingegen lebe der Überzeugung, daß diesmal zwar der edle Vasco da Gama unschuldig ist, daß aber einer von Nils’ wikingischen Ahnen vor tausend Jahren schon in diesem Gewande die nordischen Meere durchfurcht haben muß.
Mein Begleiter Nils Knudsen.
Doch bitte Schritt für Schritt! Zwischen unserem Abschied von Chingulungulu und unserem Einzug in die Boma von Newala liegen nur elf Tage, aber wieviel, oder richtiger wievielerlei haben mir diese anderthalb Wochen gebracht! Nie haben meine Träger vor lauter Lust und Ausgelassenheit so getobt und gelärmt, als zu jener Frühmorgenstunde, in der sie von der Untätigkeit bei Matola entbunden wurden. Stillsitzen ist nichts für Wanyamwesiträger; sie wollen laufen, wollen etwas Neues sehen; zu guter Letzt huldigen auch sie dem Grundsatz: „Andere Städtchen andere Mädchen“. Ich habe schließlich schwere Mühe gehabt, meine 24 rüstigen Kerle — die Rugaruga von Lindi habe ich schon in Massassi leichten Herzens entlassen — über die Gefahren dieses Kapua hinwegzubringen; sie wurden gewalttätig, vergriffen sich an Frauen und Mädchen und gaben auch zu sonstigen Klagen Veranlassung. Zur Ablenkung haben sie unsere Barasa mit den schönsten und längsten Tischen aus halbierten Bambusknüppeln ausstaffieren müssen; sie haben alle paar Tage uns beiden Weißen einen neuen Choo zu bauen gehabt, einen immer schöner und luxuriöser als den andern — nichts hat gefruchtet. Trotz ihrer Last von 60, 70 Pfund sind sie wie die jungen Kälber an jenem Morgen einhergesprungen, als wir dem Rovuma zuschritten.
Und wie freudig sind wir alle ausgeschritten! Im Handumdrehen liegt das schattenlose Pori von Chingulungulu hinter uns; eine scharfe Wendung des Weges aus seiner Westrichtung nach Süden, ein kurzer steiler Abstieg; wir stehen an den Fluten des Nasomba. Fluten ist etwas euphemistisch ausgedrückt, doch nach der wasserlosen, der schrecklichen Zeit kommt uns auch der dünne Wasserfaden, der dieses tiefe Tal durchzieht, wie ein schiffbarer Strom vor. Über abgeerntete, ausgedehnte Mais- und Hirsefelder, zwischen grünenden Bohnenbeeten und prachtvollen Tabakpflanzungen geht es vorwärts; hohe Termitenhügel künden alle Augenblicke, wie fruchtbar hier die Erde ist; auf hohen Pfählen angebrachte Wachthäuschen zeigen andererseits, daß Wildschwein und Affe, von hundert anderen Schädlingen zu schweigen, auch hier lüstern sind, der Segnungen menschlichen Fleißes teilhaftig zu werden. Längst ist Knudsen seiner Jagdleidenschaft gefolgt; von Zeit zu Zeit donnert eins seiner mehr oder minder ehrwürdigen Schießeisen über Hügel und Tal dahin. Ich habe inzwischen den fast gänzlich schilfverwachsenen Lichehesee passiert; nach der Karte muß ich demnach dicht am Rovuma sein. Auch die Vegetation kündet größeren Wasserreichtum an; wir kommen an Baobabs von gewaltigen Abmessungen vorüber; wir zwängen uns durch niedere Palmendickichte, und die Kronen stolzer Fächerpalmen rauschen zu unseren Häupten. Ich will gerade in ein neues Gebüsch eindringen, da reißt mich die nervige Faust Hemedi Marangas, meines neuen Gefreiten, zurück. „Mto hapa, Bwana,“ sagt er dabei, „hier ist der Fluß, Herr.“ Ein Schritt noch, und ich wäre die wohl 5 bis 6 Meter hohe, steile Uferwand hinuntergestürzt, an deren Fuß ich erst jetzt jene breite Wasserfläche erglänzen sehe, von deren Reizen mir Nils Knudsen hundertmal erzählt hat, ja, die selbst auf nüchternere Gemüter, wie das Ewerbecks, ihren Eindruck nicht verfehlt haben. „Hapana“ ist in meinen Ohren das schrecklichste Wort, ein Ausdruck, der mich allmählich nervös macht; das sonore „Hapa“ des Gefreiten habe ich damals gesegnet.