Zwei Matambwemütter vom Rovuma.
Was soll ich singen und sagen von jenen fünf oder sechs glücklichen Tagen an den Ufern und auf den Inseln dieses durch Livingstone geheiligten Stromes. Für den Ethnographen ist dort zurzeit wenig zu holen. Vor 40 Jahren noch, als Livingstone stromaufwärts zog, war es anders, da waren die Ufer des Rovuma dicht besetzt mit Ansiedelungen der Wamatambwe; die Fluten des Stromes trugen tausend Einbäume jenes rührigen Fischervolkes, und ein reges, fröhliches Leben herrschte überall. Doch wie ein Reif in der Frühlingsnacht sind auch hierher die Wangoni gekommen; von dem einst so stolzen, zahlreichen Stamm der Wamatambwe sind heute nur noch ganz spärliche Reste übrig geblieben, die sich regellos über die ungeheure Länge des Rovuma verteilen oder aber in den anderen Völkerschaften der Makua, Yao und Makonde aufgegangen sind. Der Reisende muß schon, wie ich das so gewohnt bin, Glück haben, um ein paar Angehörige dieses verlorenen Volkes zu Gesicht zu bekommen.
Wir haben unser erstes Lager hart am Strombett aufgeschlagen, ich, wie immer, am weitesten gegen den Wind unmittelbar am Wasser, daneben Knudsens Zelt; die Träger müssen weiter leewärts im Schutz einer überhängenden Uferwand unterkriechen. Derartige Wände sind hier allgemein; während und nach der Regenzeit schüttet der Strom, der dann in majestätischer Breite ungeheure Wassermassen dem Ozean zuwälzt, seine Alluvialebene immer höher auf; in der späteren Trockenzeit, wie gerade jetzt, liegt dagegen das 1 bis 1½ Kilometer breite Bett fast ganz trocken; wo sonst die gelben Fluten rauschen, dehnen sich jetzt unabsehbare Sand- und Kiesbänke. Zwischen ihnen irrt der Rovuma in der Trockenzeit unsicher hin und her, hier und da in einem geschlossenen Bett, das etwa so breit ist wie das der Elbe bei Dresden, meist aber in zwei, drei Arme aufgeteilt, die man bequem durchwaten kann. Doch trotz seiner Ohnmacht hegt der Fluß Angriffsgelüste; in starker Kurve schießt er auf die nächste Uferstelle zu; unheimlich brodeln und quirlen seine sonst so klaren Gewässer; stolze Bäume spiegeln ihre Wipfel am stillen Uferrand in diesem Wasser; doch wie lange noch? Dann kommt ein Tag, wo das Fleckchen Erde, das sie so lange verziert und verschönt haben, einem Bild der Verwüstung Platz gemacht hat: die stolzen Bäume sind gestürzt; die Wurzelenden hoch in der Luft, tauchen sie mit ihren Kronen tief in den Strom hinein. Der aber, ein gefräßiger Nimmersatt, gräbt weiter und weiter.
Es ist am späten Nachmittag; in einem ziemlich großen, enggeschlossenen Kreise stehen ein Dutzend Neger an einer flachen Stelle mitten im Bett des Rovuma; aufmerksam, fast ängstlich spähen sie umher, den Blick starr aufs Wasser gerichtet, als wollten sie es bis zum Boden des Stromes durchdringen. Was ist der Männer Beginnen? Hat etwa der weiße Herr kostbare Schätze verloren, die er durch seine Mannen suchen läßt? Des Rätsels Lösung ist weit einfacher. Schaut in den Kreis hinein: zwei Tropenhüte schwimmen auf dem Wasser; wenn sie sich über dessen glänzende Fläche einmal emporheben, seht ihr zwei Blaßgesichter, den beiden Wasungu Knudsen und Weule zugehörig, die voll Entzücken, dem ewigen Bad in der engen Gummiwanne mit ihrem halben Eimer Wasser enthoben zu sein, ihre schlanken Glieder in den belebenden Fluten des Stromes kühlen. Und die schwarzen Männer? Der Rovuma steht nicht umsonst in dem Rufe, einer der krokodilreichsten Ströme Ostafrikas zu sein; da ist es immer gut, eine kleine Postenkette aufzustellen; zudem ist es recht drollig, die ängstlichen Gesichter der schwarzen Helden zu bewundern, trotzdem das Wasser auf weite Entfernung hin kaum knietief ist.
Und es will Abend werden; ein steifer Westwind hat eingesetzt, der das breite Bett des Stromes mit ungehinderter Heftigkeit hinauffegt; selbst die magere Wasserader des Rovuma versucht einige kümmerliche Wellen zu werfen. Froh des ungewohnten Anblicks schweift das Auge flußabwärts; Totenstille ringsum, nichts von dem alten, frohen Wamatambwe-Leben der 1860er Jahre. Doch, was ist das? Fern in der letzten Strombiegung ein schwarzer Punkt, der rasch größer wird; unsere Schwarzen mit ihren Luchsaugen haben das Phänomen längst erspäht und starren wie wir beiden Europäer in gleicher Richtung. „Mtumbwi, ein Einbaum“, ertönt es wie aus einem Munde, als der Punkt sich bei einer Biegung des Fahrwassers zu einer schwarzen Linie entwickelt. Nach einer Viertelstunde ist das Boot heran, ein Einbaum einfachster Form, mit traurigem Inhalt: mehr tot schon als lebendig kauert in seinem Hintergrunde ein altes Weib. Mich dauert die Ärmste; ein Wink; ein älterer und ein jüngerer Mann springen gewandt ans Ufer. Ein paar Fragen. „Die ist sehr krank, die Bibi,“ heißt es, „sie wird wohl noch heute sterben.“ Ich sehe selbst, hier ist menschliche Hilfe zwecklos. Schon stehen die beiden Männer wieder an ihrem Paddelruder; nach zehn Minuten sieht man sie schräg oben am anderen Ufer anlegen; sie tragen ein unförmiges Bündel über die Sandbank weg in den Busch — ein Menschenschicksal hat sich erfüllt.
Nils Knudsen hatte mir in seiner gewohnten Weise wieder wahre Wunderdinge von dem Lagerplatz Naunge weiter oberhalb am Rovuma erzählt; „da müssen wir unbedingt hin, Herr Professor,“ hatte er wieder und wieder gesagt; „dort ist es zu schön“. So ganz unrecht hatte Nils diesmal nicht; der Platz mit seinem wilden Felsengewirr am und im Strom, die kleinen Katarakte zwischen den moosbewachsenen Steinen, das dunkle Grün der dichten Ufervegetation, alles das war in der Tat verlockend genug. Doch wie sah es dafür am Boden selbst aus! Zertreten die Grasnarbe, die Büsche zerzaust, dazu der unverkennbare Duft negroider Fäkalien überall. Danke, sagte ich, als ich hier, genau auf den Spuren des schottischen Missionars, stromaufwärts zog; Safari, vorwärts! Schon hundert oder ein paar hundert Meter vom Stromufer ab beginnt das lichte Pori. So bin ich mit einem viertel Dutzend meiner Askari gleichsam als linke Seitendeckung durch die Ufervegetation selbst stromaufwärts marschiert, unter unsäglichen Anstrengungen, aber doch froh des frischen Naturbildes, des Stromes mit seiner ewig wechselnden Szenerie. Endlich habe ich, was ich suche: mitten im Strombett, wohl 600 bis 700 Meter von uns ab, erhebt sich, steil und scharf wie der Bug eines Kriegsschiffes, eine Strominsel; mit den roten Wänden leuchtet sie weit über das Silbergrau der Sandbänke hinweg, oben aber ist sie von einer kompakten Masse saftigen Grüns überwuchert. Ein gellender Pfiff durch das Pori zu meiner Karawane hinüber, ein kecker Sprung in die Tiefe, und schon wate ich im tiefen Sande direkt auf jenes Eiland zu.
Das Idyll, das ich für einige Tage als Einsiedler auf dieser wohl 8 Meter hoch senkrecht aufsteigenden Rovuma-Insel genossen habe, wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben. Nils Knudsen ewig auf der Jagd, von der er stets mit saftigem Braten heimkehrt; unsere Leute infolgedessen in bester Stimmung, dabei weitab unter dem Winde; unsere Zelte tief unten in einer schmalen Sandschlucht am Fuß der Insel: ich selbst schließlich wie in einer grünen Laube einsam oben, erreichbar nur nach dem streng vorgeschriebenen Anruf „Hodi Bwana“. Nur meine Leibdienerschaft darf mir unangemeldet bringen, was Omari, der jetzt einige Gerichte passabel zu kochen weiß, Schönes und Gutes für seinen der Pflege bedürftigen Herrn hergerichtet hat. Es war herrlich!
Herrlich war auch unsere letzte Station am Rovuma. Es war die Einmündungsstelle des Bangala, jenes größten linken Nebenflusses unseres Grenzstromes, der sich auf der Karte so stattlich ausnimmt, der aber jetzt zur Trockenzeit gleichwohl nur ein Wadi war; man hätte mehrere Meter tief graben müssen, um zu seinem unterirdisch fließenden Wasser zu gelangen. Wir haben es gar nicht nötig gehabt, wir lebten und webten dort im klaren Wasser des Rovuma selbst, vor allem meine Leute, die ein geradezu amphibisches Leben führten. Wie rein und sauber schritten sie einher, seitdem sie wieder die tägliche Möglichkeit des Waschens und Badens vor sich sahen. „Msuri we! bist du schön!“ sage ich im Vorbeigehen anerkennend zu Chafu koga, dem Dreckschwein; so etwa nämlich läßt sich sein Name übersetzen. Das selbstgefällige Schmunzeln auf dem Bronzegesicht des Edlen war allein eine Reise nach Afrika wert!
Nur eins kann den Aufenthalt am Rovuma etwas verleiden; es ist der furchtbare Nachtwind, der gegen Sonnenuntergang anhebt, sich dann von Stunde zu Stunde bis fast zur Stärke eines Orkans steigert, um gegen Mitternacht abzuflauen. Gegen ihn hilft keine Schutzwand und kein Verkriechen hinterm Zelt; kein Windschützer rettet die Lampe vor dem Verlöschen; unweigerlich müssen Herr und Diener um acht Uhr ins Bett.
Und dann die kitzligen Nachtbesuche. Zwar die der Elefanten mögen noch hingehen; die Tiere sind hier sehr zahlreich, aber doch auch sehr scheu, sie umgehen das Lager in weitem Bogen. Nicht so der Löwe; er scheint es zu lieben, beim bleichen Mondeslicht zwischen meinen Leuten spazieren zu gehen. Am Bangala war er die Reihe meiner schnarchenden Leute entlang gewandelt und war schließlich, wie der Posten, der mit fertig gemachtem Gewehr in einiger Entfernung davon gestanden hatte, mit boshaftem Grinsen erzählte, zu Häupten meines Kochs Omari stehengeblieben. „Soll ich ihn fressen oder nicht?“ schien der König der Tiere bei sich zu überlegen. Lange stand er so; dann ein tiefes, verdrießliches Knurren, als wenn er sagen wollte: „Nee, du Kerl, du bist zu unappetitlich“, und langsam war er in den Wald getrottet.