Luisenfelde — ich weiß nicht, nach welcher Luise du genannt worden bist, aber ich werde deiner lange gedenken als eines Kulturgrußes inmitten des echtesten afrikanischen Pori. Schon der Name Bergbaufeld klingt so unternehmend und dabei doch anheimelnd. Zwar warst du mit deinen Granaten zu einem nur kurzen Dasein verurteilt, trotzdem der glückhafte Herr Vohsen, dein vormaliger Besitzer, den leuchtend roten Stein stolz Kaprubin benannte. Granaten sind zu billig, sie wachsen auch zu vielerorts. So ist nach kurzer Frist der Bedarf gedeckt gewesen, wie es der technische Ausdruck so schön besagt; Herr Marquardt, der konquistadorenhafte Leiter des Bergbaufeldes, zog heim, und Nils Knudsen, der Mann für alles, saß vergessen im Busch. Tatsächlich im Busch, denn das stolze Haus mit seinem Doppeldach — unter dem äußeren, schweren Strohdach liegt noch ein anderes aus Wellblech — blieb dem Norweger fortan verschlossen; er mochte in einem der beiden Wirtschaftsgebäude sein Unterkommen finden. Jetzt haben wir in Erinnerung geschwelgt; wir haben auf unserm Marsch vom Rovuma nordwärts eigens einen viertel Tag haltgemacht, um unser sonntägiges Mittagessen unter der Veranda des Herrenhauses einzunehmen. Ein doppeltes Memento liegt dort vor uns: mitten in dem langen, weiten Hofraum ein großer Haufen jener Kaprubine, für die der Markt nicht mehr aufnahmefähig war, und mit denen jetzt die Hand des jungen Negerkindes wie mit gewöhnlichen Murmeln spielt; im Vordergrunde aber das Grab von Marquardts einzigem Töchterlein. Dreijährig, zu den besten Hoffnungen berechtigend, ist es mit Vater und Mutter hier in die Einöde gekommen; nach nur stundenlanger Krankheit hat es im Sande der Rovuma-Ebene sein frühes Grab gefunden. Wir Europäer sind nüchtern und hart und glauben nicht an Vorbedeutungen, dem Neger war der jähe Tod der Kleinen schon längst vor seinem Eintritt kein Geheimnis mehr.

Bergbaufeld Luisenfelde.

„‚Herr, hier wird einer sterben.‘ Mit diesen Worten,“ so erzählt Knudsen, „tritt eines Tages einer der schwarzen Arbeiter aus den Granatgruben an mich heran. ‚Dummes Zeug‘, sage ich und jage den Burschen weg. Am nächsten Tage kommt er wieder: ‚Herr, hier wird einer sterben.‘ Wieder jage ich den Mann weg, aber trotzdem kommt er wieder. Nacht für Nacht sitzt eine Eule auf Marquardts Haus und schreit. Das geht eine Woche so fort und auch noch eine zweite; dann erkrankt plötzlich Marquardts Töchterchen, und wenige Stunden darauf ist es tot. Da ist der Vogel nicht wiedergekommen; sein Name aber ist Liquiqui.“

Die eine Geschichte löst andere aus; Matola hat uns beim trauten Schein der Abendlampe so manche erzählt. Hier ein paar von ihnen.

„Zwischen hier,“ so berichtete Matola in Chingulungulu, „und dem Nyassa liegt ein hoher Berg, Mlila mit Namen; an dem führt der Weg vorbei. Und am Wege stehen zwei Beile und eine Schaufel; und wer es versucht, sie wegzutragen, der bringt es nicht fertig. Lädt er sie auf seine Schulter, so erfaßt ihn alsbald das Gefühl, sie nicht mehr zu haben; er dreht sich um und sieht, wie Beile und Schaufel wieder auf ihren Platz gehen. Eigentümer der Beile und der Schaufel aber ist Nakale.“

Die andere Geschichte lautet folgendermaßen: „Beim alten Wayaohäuptling Mtarika hat man ein großes Wunder gesehen: Usanyekörner, die roten Früchte dieser Hirseart, weinten in dem Korbe, in dem sie standen. Und das kam so. Sie (die Leute) hatten die Usanye in der Schambe abgehackt und in den Korb gelegt. Und beim Zusammenpressen fingen die Körner an zu schreien und zu weinen, und sie jammerten im Korbe. Aber die Leute wußten nicht, woher das Geschrei kam, und warfen die Usanyekörner aus dem Korbe heraus, um in und unter dem Korbe nachzusehen. Aber sie fanden nichts; auch hörten sie jetzt nichts. Darauf taten sie die Körner wieder in den Korb; da ertönte das Geschrei von neuem. Und alles Volk lief erschreckt weg und holte Leute. Auch diese sahen nach, fanden aber auch nichts. Und alle gingen höchst erstaunt von dannen. Als sie aber heimkamen, siehe, da tanzte der Mörser; auch die großen Mbale, die großen Tonschalen, tanzten; und Yongōlo, der Tausendfuß, baute sich Häuser. Am nächsten Morgen liefen sie alle zusammen, um sich zu befragen, was das alles bedeuten solle. Und drei Tage danach starb Mtarika. Das war die Bedeutung.“

Flötenkonzert der Unyago-Knaben bei der Daggara von Akundonde.


GRÖSSERES BILD