Der Unglücksvogel Liquiqui. Nach der Zeichnung eines Makuamannes (s. [S. 452]).

Wir haben Luisenfelde nur zum Teil aus Pietät berührt: hauptsächlich ist der Umstand, daß der Weg von der Bangalamündung nach Akundonde gerade hier vorbeiführt, die Ursache unseres Besuchs gewesen. Akundonde ist dann nicht mehr weit; ein anderthalb- bis zweistündiger Marsch im tiefeingeschnittenen Bett des Namaputa aufwärts, ein kurzer, steiler Aufstieg auf die Höhe der nächsten Hügelwelle, und wir stehen vor der typischen Negeransiedelung dieser Länder: einem mäßig großen, sorgfältig gesäuberten Platz mit dem Pfeilerbau der Barasa in der Mitte; um ihn herum ein halbes Dutzend Hütten im Rund- oder Viereckstil, alle mit schwerem, weitausladendem und bis fast zur Erde reichendem Strohdach; auf dem Kamm des Hügels entlang in weiten Abständen eine Reihe anderer Gehöfte. Akundonde behauptet, unseren Besuch erwartet zu haben; trotzdem ist er nur wenig entgegenkommend und zugänglich; ein Kater nach der Libation von neulich wird kaum die Ursache sein, denn dazu ist die Kehle des alten Sünders zu ausgepicht; näher liegt es schon, an sein wehes Bein zu denken. Ich habe gerade eine Flasche echten „alten“ Jumbenkognaks zur Verfügung, jenes berühmten Getränks, das wie Rosenöl duftet, dessen Geschmack ich aber nicht zu schildern vermag; ich spendiere sie dem alten Häuptling, lasse ihn aber sonst links liegen. Dies kann ich ohne Gefahr für das Gelingen meiner Expedition wagen, denn der junge Jumbe des Dorfes, ein fixer, nach landläufigen Begriffen stutzerhaft gekleideter Yao, an dessen Weste sogar eine dicke Uhrkette baumelt und der den dazugehörigen Zeitmesser alle zwei Minuten demonstrativ zückt, ist ein viel brauchbarerer Führer durch das Volkstum dieses entlegenen Bezirks als der griesgrämige alte Akundonde. Was hat uns der junge Mensch allein an autochthonen Kunstwerken vorgeführt! Wir brauchten bloß von Haus zu Haus zu wandern, um unter den verschwiegenen Dachtraufen alle Wände mit den schönsten Fresken bedeckt zu finden. Auch einen kleinen Friedhof konnte der Führer uns zeigen; ein paar Yaogräber, über denen ich nun zum ersten Male das niedrige Hüttendach mit den darauf befestigten Stoffen erschauen konnte. Fast stimmungsvoll nahmen sich in der kurzen Abenddämmerung diese schon halb verfallenen Zeichen der Pietät auch im barbarischen Afrika aus.

Bei Akundonde findet dieses Jahr Unyago statt. Dies wußten wir, und daher setzten wir alles daran, möglichst alles zu erfahren und alles zu sehen. Das Versprechen eines fürstlichen Honorars hat denn auch alsbald seine Schuldigkeit getan; nur meine Träger und Soldaten dürften nicht mit, meint der Jumbe, Moritz und Kibwana sei aber der Zutritt gestattet. Meine beiden Mohrenknaben haben das Feldleben schon herzlich satt, deswegen bedarf es erst einer kleinen Auffrischung ihres Diensteifers; dann aber trotten sie, wenn auch widerwillig, mit der Kamera hinter uns her.

Mit merkbarer Heimlichkeit hat der Jumbe uns zwei Weiße und die beiden Diener aus dem Bereich des Dorfes hinausgeführt; immer tiefer geht es in das schweigende Pori hinein, das hier mit seinen stattlichen Bäumen fast an einen deutschen Hochwald gemahnt; selbst das Grün ist hier frischer und allgemeiner, als es jenseits Chingulungulu zu finden gewesen war. In der erklärlichen Spannung des Forschers, der vor etwas Neuem, Ungeahntem steht, achte ich weder auf Ort noch Zeit; wir mögen eine halbe, aber auch eine ganze Stunde fürbaß geschritten sein; endlich brechen wir durch ein Gebüsch; wir stehen vor einer kleinen Hütte; wir sind am Ziel.

Yaogräber in Akundonde.

Das Ziel ist des Erstrebens wohl wert gewesen. Bevor ich noch Größe, Bauart und Stil des länglichen Gebäudes habe mustern können, sind wir bereits von einer Schar halbwüchsiger Knaben umringt. Mit lautem Zuruf und energischer Handbewegung treibt der Jumbe sie zurück; ein älterer Mann tritt jetzt heran; er muß aus der Hütte selbst gekommen sein, denn er steht wie aus dem Boden gewachsen plötzlich da. Feierliche Begrüßung seitens des Wamidjira, denn diesen Oberleiter des ganzen Knaben-Unyago haben wir in der Person dieses würdigen Mannes vor uns: sodann ein leiser Wink mit seinen Augen zu den Knaben hin. Die stehen bereits in einer langen Reihe ausgerichtet, wundersam anzuschauen mit ihren großen Grasschürzen, die die schmächtigen Körper gleichsam wie die von Überballetteusen erscheinen lassen; am Munde jeder ein röhrenförmiges Instrument, dem sie nunmehr ihre Begrüßungsmusik entlocken. Auch jetzt wieder muß ich tief bedauern, so wenig musikalisch zu sein, denn das Spiel ist etwas Einzigartiges. Ich lasse die nicht unschöne Melodie zu Ende gehen; dann trete ich näher heran, um die Kapelle genauer zu besichtigen. Jedes der Instrumente ist lediglich ein Stück Bambusrohr, alle an Länge und Weite verschieden, alle aber unten mit dem natürlichen Internodium verschlossen und oben glatt abgeschnitten. Dergestalt verfügt jeder der kleinen Musikanten nur über einen Ton, doch das ist sein Ton, und den weiß ein jeder von ihnen so präzis und fehlerlos in das „Lied ohne Worte“ einzufügen, daß ein vollkommen harmonisches Ganzes entsteht. Moritz hat inzwischen seines Amtes als Finanzminister gewaltet; einzelne der Knaben haben es sogar über sich vermocht, mir hinter der Hütte die Wirkungen des chirurgischen Eingriffs, der bereits um einen Monat zurückliegt, bei dem einen oder anderen aber noch immer Eiterungen verursacht, zu zeigen. Doch jetzt treibt es mich in die Hütte selbst.

Luxus ist ein Begriff, dessen sich der Europäer in Afrika sehr bald auch für seine Person entwöhnt, den er bei den Eingeborenen aber gar nicht erst suchen darf; wie primitiv und anspruchslos jedoch diese für Monate berechnete Behausung der 15 Knaben ist, spottet jeder Beschreibung. Die Daggara, wie die Beschneidungshütte offiziell genannt wird, ist ein Bau von zirka 10 Meter Länge bei 4 Meter Breite, also ein an sich ganz stattliches Bauwerk; doch Schutz gegen die Unbilden der Nacht vermögen weder die aus krummen, ästigen Baumstämmen gebildeten Seitenwände, durch deren Lücken der Wind ungehindert hindurchpfeift, noch auch das ebenso luftige, schlecht gehaltene Strohdach zu gewähren. Türöffnungen sind zwar da, in der Mitte jeder Längswand eine, doch fehlt ihnen der Verschluß. Tritt man ins Innere selbst, so blickt das Auge zunächst nur auf ein Meer von Hirsestroh; es liegt auf dem Boden, mit Aschebergen durchmischt; es ragt an den Wänden empor; es breitet sich schließlich in unordentlicher Lagerung über 16 ursprünglich vielleicht ganz saubere Betten und Bettchen. Eins von diesen ist das Ruhelager des Meisters, die 15 anderen sind die Schmerzenslager seiner Jünger; auf ihnen haben die Ärmsten die schmerzhafte Operation ohne Narkose, ohne lokale Anästhesie, ohne Antisepsis und ohne Asepsis über sich ergehen lassen müssen, mit zusammengebissenen Zähnen und ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Dieser ist bei den tapferen Yao, diesen Spartanern des Ostens, verpönt. Übermannt den immer noch kindlich empfindenden, kleinen Mann trotz allen Heldenmuts der Schmerz, was ist die Folge? Er wird überbrüllt vom homerischen Gelächter der Anamungwi, seines Mentors, und seiner Gefährten.