Daggara im Walde bei Akundonde.
Heute sind die 15 Betten schon arg mitgenommen; ein Teil von ihnen ist vollkommen niedergebrochen, auf anderen finden sich nur noch kümmerliche Reste des alten, sauberen Strohbelags; wir durch die Ordnungsliebe der deutschen Hausfrau verwöhnten Angehörigen einer hohen Kultur sehen mit einem Blick, daß hier das ordnende Walten der weiblichen Hand gänzlich fehlt. Dafür sprechen auch die großen Aschehaufen zwischen je zwei Betten; sie sind der Beweis, daß jeder der kleinen Patienten sich gegen die empfindliche Kühle der Tropennacht durch ein sorgsam unterhaltenes Feuer zu schützen sucht; dafür spricht auch vor allem die unmeßbar dicke Dreck-, Staub- und Aschenschicht, mit denen jeder der kleinen Kerle vom Scheitel bis zur Sohle überzogen ist. Das große gemeinsame Bad, das den Aufenthalt in der Daggara und damit auch die Novizenzeit der angehenden Männer beendigt, ist denn auch ein nicht nur langentbehrter Genuß, sondern direkt eine Notwendigkeit.
Doch was ziert die Mitte des Hauses? Ist es ein ins Afrikanische übersetzter Weihnachtsbaum mit seiner buntgefärbten Epidermis und seinem Behang von Fellstreifen, Tierschwänzen und Vogelbälgen, oder was stellt dieses merkwürdige Phantom sonst dar? Die Lupanda ist es, wie ich vom Meister vernehme, der Baumast, nach dem das ganze Mannbarkeitsfest der Knaben seinen Namen führt; Unyago ist die Bezeichnung für die Pubertätsfeste schlechthin, Lupanda der Name für die Knabenbeschneidung. Näheres kann oder, wohl richtiger, will mir der Alte nicht sagen; ich muß also sehen, einen anderen Gewährsmann für diese und so viele andere Fragen zu bekommen, insbesondere auch für das Mädchen-Unyago, das nach alledem, was ich raunen höre, zum mindesten ebenso interessant sein muß wie die Lupanda.
Der Festhüttenring Lisakassa im Walde bei Akundonde.
So habe ich an jenem Spätnachmittage im Pori westlich von Akundonde gedacht, ohne zu ahnen, daß kaum einen Tag später bereits ein Teil meines letztgeäußerten Wunsches in schönster Weise in Erfüllung gehen sollte. Hastig kommt der durch sein Honorar begeisterte Jumbe kurz nach dem Mittagessen zu Knudsen und mir in unser Lager. Dieses haben wir, mehr idyllisch als vor dem Abendwinde geschützt, auf dem höchsten Punkte des Hügels am Waldesrand aufgeschlagen; Knudsen hat wie immer für das Beziehen der Barasa plädiert, aber unser alter Feind, die Windhose, die uns selbstverständlich auch hier wieder gerade bei der Erbsensuppe überraschte, hat ihn sehr bald eines Besseren belehrt. Jetzt dämmern wir im Halbschlaf unter der Banda, jener Laube aus Zweigen und Gras, die jeder Trägerführer mit seinen Leuten im Nu zu errichten versteht, pressen uns aus Gewohnheit wegen der glühenden Hitze den schmerzenden Kopf und denken an nichts, die unfraglich beste Beschäftigung in diesen Breiten. Da trabt der Jumbe heran; in Akuchikomu sei Echiputu, ruft er schon von ferne, der Bwana kubwa und der Bwana mdogo könnten viel sehen, wenn sie hingingen; aber die Weiber seien scheu und furchtsam, und die Träger und Soldaten dürften deswegen auch jetzt nicht mit. Wenige Minuten später sind wir bereits auf dem Marsch; Moritz und Kibwana haben diesmal arg zu schleppen, denn zur großen Kamera habe ich auch noch den Kinematographen gesellt, der ach so lange schon zur Untätigkeit verdammt gewesen ist und von dem ich mir manches verspreche. Zudem ist der Weg noch länger als gestern; er führt erst nach Nordosten, immer den Hügelkamm entlang, biegt dann nach Westen ab und steigt in das grüne Tal eines munteren Baches nieder. Schon ehe wir dieses erreichen, gibt es Aufenthalt: ein ungeheurer Hüttenring sperrt uns den Pfad; Bauten allerprimitivster Art sind es; ein paar Stangen senkrecht und schräg in die Erde gerammt, darüber eine Querstange, das Ganze bedeckt mit dem 2 bis 3 Meter langen afrikanischen Stroh; das ist alles. Aber Hütte reiht sich an Hütte, in fast mathematisch genauer Kreislinie umzirken sie eine Fläche von wohl über 50 Meter Durchmesser. Dies ist der eigentliche Festplatz, doch nicht für die Mädchen, sondern für das Lupanda; hier beginnt der lange Festturnus der Knabenbeschneidung mit Tanz, Schmaus und Gelage, und hier findet auch, wenn die Knaben nach 3 oder 4 Monaten geheilt und in die Mysterien des Geschlechtslebens und den Sittenkodex des Stammes eingeweiht zurückkehren, das Schlußfest statt. Also schnell heraus mit Stativ, Kamera und Platte; vom Anfänger in der Lichtbildkunst bin ich längst ein Fundi, ein Meister, geworden, der im Handumdrehen seine 20, 30 Aufnahmen bewältigt; ein Blick noch auf die zwei kleinen Aschenhügel an bestimmten Stellen des Platzes, dann geht es auch schon weiter.
Es ist 2 Uhr mittags; die noch immer unangenehm hochstehende Sonne sendet ihre glühendsten Strahlen auf den freien Platz des elenden kleinen Makuadorfes hernieder, in das wir soeben eingetreten sind. Dorf ist schon viel zu viel gesagt, kaum den Namen Weiler verdienen die paar kläglichen Strohhütten, deren wenige Bewohner sich erkühnt haben, die ganze Umgegend zu Gaste zu laden. In der Tat ist viel Volks versammelt, vor allem Frauen und Mädchen; die Männer treten an Zahl sichtlich zurück. Schon daraus würde man entnehmen können, daß es sich um die Feier eines ausgesprochenen Frauenfestes handelt.
Kein Fest ohne den schmückenden Rahmen. Und was für einer ist es, der sich unserem erstaunten Auge darbietet! Ganz afrikanisch, nicht übergroß, aber vollkommen ausreichend ist der Festsaal, den die Gastgeber hier errichtet haben. Die Neger verstehen es meisterhaft, aus den billigsten Materialien, mit den einfachsten Hilfsmitteln in der größten Schnelligkeit zweckentsprechende und auch in Stil und Form ganz ansprechende Bauten herzustellen. Dieser hier ist kreisrund; die peripherische, aus Holzstangen und Hirsestroh gefertigte Wand ist etwa 2 Meter hoch, mit zwei einander gegenüberliegenden Türöffnungen; der Durchmesser beträgt etwa 10 Meter, das Dach wird von einem Mittelpfeiler getragen. Gerade jetzt ziehen die Weiber feierlich in den Festraum ein, aus dem bereits das bekannte Stimmen mehrerer Trommeln dröhnend und polternd ertönt. Der Hinweis des Jumben auf die Scheu der hiesigen Frauen ist sichtlich gerechtfertigt; wer von den Weibern uns sieht, nimmt schnell Reißaus. Erst nachdem es uns Fremden gelungen ist, uns ungesehen an die Außenwand des Festsaals heranzuschlängeln und dort inmitten eines dichten Haufens verständiger Männer einen sehr erwünschten Unterschlupf zu finden, beruhigen sich die Festteilnehmerinnen. Aber zeichnen läßt sich gleichwohl auch jetzt noch keine von ihnen. Ich habe die Gewohnheit, wo immer es geht, mit einigen wenigen raschen Strichen jedes malerische Motiv zu skizzieren; und wie malerisch sind gerade diese Motive! Lippenscheiben, Nasen- und Ohrpflöcke sind mir seit meinem Einmarsch über die Küstenzone hinaus ins Innere etwas Altes und Vertrautes geworden, doch Exemplare von solcher Größe und Rassentypen von so ausgesprochener Wildheit und Unberührtheit zu bewundern, habe ich bislang doch noch keine Gelegenheit gehabt. Und wenn so ein Frauenzimmerchen gar erst lacht! Das ist einfach unbeschreiblich; solange das Gesicht den normalen, ernsten Ausdruck bewahrt, steht die schneeweiß gefärbte Lippenscheibe ebenso ernsthaft horizontal in die Weite, notabene wenn ihre Trägerin noch jung und schön ist; verzieht sich aber dieses selbe Gesicht zu dem kurzen kichernden Auflachen, wie es nur der jungen Negerin eigen ist, wupp! mit einem kurzen, schnellen Ruck fliegt das Pelele nach oben, es richtet sich steil auf über dem elfenbeinweißen, noch völlig intakten Gebiß; strahlend schauen auch die hübschen braunen Augen des jungen Weibes in die Weite; unter dem Gewicht des schweren Holzpflocks gerät die um fast Handbreite vorgezerrte Oberlippe in ein rasches Zittern; das Baby auf dem Rücken des Weibes — sie haben fast alle ein Baby auf dem Rücken — fängt unter dem forschenden Blick des fremden Mannes jämmerlich zu weinen an — kurz, es ist ein Anblick, den man erlebt haben muß; zu schildern vermag ihn keine Feder.
Unser Platz ist gut gewählt, ungehindert können wir das ganze Hütteninnere überschauen. Die menschliche Psyche ähnelt sich überall, ob unter dem 10. oder 11. Grade südlicher Breite, oder aber in den Schneewüsten Sibiriens oder den Bankettsälen europäischer Festhallen: überall huldigt sie dem Grundsatz: Ehre, wem Ehre gebührt.
„Was sind das dort für drei Knirpse?“ frage ich den Jumben, der dienstbeflissen neben mir steht und mit zufriedenem Verständnis den Vorgängen im Innern folgt. Drei angehende Jünglinge sind es, die an einer reservierten Stelle des Saales auf Ehrenschemeln sitzen. Das sind die Ehemänner der Frauen, deren Echiputu heute gefeiert wird.