„Und Echiputu, was ist das?“ Das ist das Fest der ersten Menses; doch es ist eine lange Geschichte. Diese lange Geschichte jetzt zu verfolgen ist indessen keine Zeit; in dem bewußten, jedem Besucher Ostafrikas unvergeßlichen Takt, der bei allen Ngomen wiederkehrt, haben die Trommeln eingesetzt; im gleichen Augenblick hat sich der dichtgeballte Knäuel der schwarzen Leiber auch schon zu einem Reigen geordnet. In einer Art Bachstelzenschritt bewegt er sich rhythmisch wiegend und gleitend um den Mittelpfahl. Doch dieser ist nicht frei, sondern lieblich grinsend umstehen ihn drei alte Hexen.

„Wer ist das?“ frage ich.

„Das sind die Anamungwi, die Lehrerinnen der drei Mädchen, die heute den Lohn ihrer Arbeit ernten; sieh Herr, was jetzt passiert.“ Einstweilen passiert noch nichts; der Tanz geht weiter und weiter, zunächst noch in der alten Art, dann in einer neuen. Diese ist weniger afrikanisch als allgemein orientalisch, es ist der gewöhnliche sogenannte Bauchtanz. Endlich geht auch er zu Ende; der Reigen löst sich wieder zu einem wilden Durcheinander auf; die eine greift hierhin, die andere dorthin, dann sammelt sich alles wieder um die Anamungwi. Diese lächeln jetzt nicht mehr, sondern sehen recht hoheitsvoll drein; und sie haben ein Recht dazu. Eine nach der anderen überreichen ihnen die Frauen ihre Gaben: Stücke neuen Zeuges, Perlenschnüre, fertige Hals- und Armbänder aus Perlen und dergleichen. „Das ist alles recht gut und schön,“ scheint der Blick der Beschenkten zu sagen, „doch ist das etwa ein Äquivalent für die unsägliche Mühe, die uns die Heranbildung unserer Amāli, unseres Zöglings, seit Jahren gemacht hat? Da müßtet ihr uns schon ganz anders kommen.“ Doch die Festgesellschaft läßt sich durch diese stumme Kritik nicht im mindesten beirren, ganz wie anderswo in der Welt plappert alles durcheinander, und alles ist eitel Lust und Freude.

Lachende Schönheiten.

Eine neue Phase. „Hawara marre“, knurrt der Jumbe. Dies kann auch Nils Knudsen nicht übersetzen, denn es ist Kimakua, das er nicht versteht; aber der Jumbe ist vielsprachig wie alle Intelligenzen hierzulande; „Kisūwi mkắmŭle“ heiße es im Kiyao, „der Leopard bricht aus“. In diesem Augenblick geschieht auch schon etwas Unerwartetes: die drei jungen Kerle haben sich blitzschnell erhoben; ein lautes Gekrache und Geraschel — durch die leichte Strohwand sind sie nach außen gebrochen und entweichen in der Richtung auf die entfernteren Dorfhütten zu. Ich habe bis jetzt nicht klar ersehen können, ob diese jugendlichen Ehemänner selbst den Leoparden repräsentieren sollen oder ob sie als durch den imaginären Leoparden verfolgte Größen zu betrachten sind; in beiden Fällen jedoch kann unsereinem das behagliche Schlendertempo, in dem sie davonpilgern, wenig einleuchten und noch weniger imponieren, viel weniger jedenfalls als das mit ebensoviel Verve wie Ausdauer gesungene Lied „Hawara marre“ der Frauen, das in das sonnendurchglühte Pori noch hinausschallt, längst nachdem die drei Leoparden verschwunden sind.

Ein anderes Bild. Die Festhalle ist leer; dafür wimmelt es jetzt von buntfarbigen, abenteuerlichen Gestalten auf dem danebenliegenden, sauber gekehrten Platz. Jetzt erst sieht man, wie schön sich alles gemacht hat. Wie gleißend Gold erstrahlen die schweren, massiven Messingringe von mehr als Daumenstärke an Fuß- und Handknöcheln; in den leuchtendsten, reinen Farben erglänzen auch Schurz und Obergewand, beide soeben erst von dem galanten Ehemann auf eigens zu diesem Zweck ausgeführter Expedition vom Inder in Lindi oder Mrweka für teures Geld erstanden; weißer noch womöglich als sonst leuchtet schließlich der Lippenklotz in seinen wuchtigen Abmessungen zu dem staunenden Fremden herüber. Und wie glänzen die wolligen Krausköpfe und die braunen Gesichter unter der dicken Schicht frisch aufgetragenen Rizinusöls, dem Universalkosmetikum des ganzen Ostens! Wieder stehen die Anamungwi in hoheitsvoller Pose da; wieder drängt sich alles um sie. Diesmal kommt der materiellere Teil: Maiskolben sind es, Hirserispen und ähnliche, ebenso nützliche wie angenehme Dinge. Sie regnen in Massen in ihre Hände.

Und wiederum ein neues Bild. Die Kapelle hat noch sorgfältiger als gewöhnlich ihre Instrumente gestimmt; mit einem letzten Aufzucken sinkt das hellodernde Strohfeuer gerade in diesem Augenblick in sich zusammen. Bŭm, bŭm búm, bŭm bŭm búm, bŭm bŭm búm, setzt auch schon die erste von ihnen ein. Hei, wie fliegen dem Manne die Hände! Trommeln und Trommeln ist zweierlei, der Ngomenschlag indes ist eine Kunst, die gewiß nicht jeder lernt; es ist nicht gleichgültig, ob die Hand mit der ganzen Innenfläche oder den Fingerspitzen allein auf das pralle Fell niedersaust, oder ob die untere oder obere Knöchelreihe der geballten Faust den Ton hervorbringt; auch dazu gehört sicherlich eine gewisse Begabung. Wir Europäer sind nach ziemlich allgemeiner Annahme psychisch doch wesentlich anders organisiert und veranlagt als die schwarze Rasse, doch auch unsereinen lassen Takt und Rhythmus gerade dieses Ngomenschlags durchaus nicht kalt. Unwillkürlich fängt auch der Europäer an, mit den Beinen zu wippen und zu knicken, und fast möchte er in die Reihe der schwarzen Gestalten eilen, gälte es nicht das Dekorum der Herrscherrasse zu wahren und Auge und Ohr anzuspannen für alles, was da vorgeht.

Ikoma heißt der Tanz, in dem die Frauen sich jetzt wiegen. Unser Auge ist zu wenig geschult für die feinen Unterschiede zwischen all diesen einzelnen Reigentänzen; deswegen ermüden wir auch schon vom bloßen Zusehen viel früher als der Neger im angestrengtesten Tanze. In diesem Falle tut auch die Sonne ein übriges; dem Knaben Moritz ist bereits schlecht geworden; wie er behauptet, von dem Dunst der Menschenmenge. Als wenn der Bursche nicht selbst mit duftete! Zwar habe ich ihn noch nicht wie seinen Kollegen Kibwana vorzeiten in Lindi unter Androhung von Peitschenhieben und Ohrfeigen in den Indischen Ozean zu jagen brauchen, weil dieser edle Vertreter des Wassegedjustammes so fürchterlich nach faulem Haifischfleisch roch, als wenn er selber schon monatelang im Grabe gelegen hätte; allzuviel Recht, sich über seine Landsleute zu mokieren, hat das Bürschchen Moritz gleichwohl kaum. Ich bin gerade im Begriff, meine Apparate abzubauen, da endlich ändert sich das Bild der im ewigen Gleichmaß durcheinanderwogenden schwarzen Leiber mit einemmal erheblich. Bis dahin ist alles, auch nach unseren Begriffen, höchst dezent vor sich gegangen, jetzt aber, was muß ich sehen! Mit rascher Gebärde fliegen die bunten Kattune hoch, Unter- und Oberschenkel und die ganze Gesäßpartie liegen frei; rascher schreiten die Füße, feuriger und lebhafter tänzeln die einzelnen Partnerinnen im Kreise umeinander. Und mich bannt, wovon ich schon lange gehört, was mein Auge aber vordem nie erschaute. Wuchtige Ziernarben sind es, auf Oberschenkeln, Gesäß und Rücken in den mannigfachsten Mustern eingeritzt und durch vielfaches Nachschneiden im Stadium der Verschorfung zu diesen dicken Wulsten herangebildet. Auch das gehört zum Schönheitsideal hierzulande.

Ich habe das Ende des Ikomatanzes zu meinem Leidwesen nicht abwarten können; einmal fühlten sich die Teilnehmerinnen trotz des kleinen Silberstücks, das ich freigebig an jede von ihnen austeilen ließ, durch die Anwesenheit eines Vertreters der weißen Rasse, die den meisten von ihnen bis dahin nur vom Hörensagen bekannt geworden war, sichtlich bedrückt, so daß die ungezwungene Fröhlichkeit des geschlossenen Festsaals hier draußen durchaus nicht aufkommen wollte, sodann gebot die Rücksicht auf Moritz, der vor Übelkeit schon ganz grau war, schleunigste Heimkehr.