Der dritte Teil folgt. Ebenso neugierig und erwartungsvoll wie ich selbst, blicken jetzt auch die fünf jungen, nunmehr mannbar gewordenen Mädchen auf den Festplatz; sie haben sich von ihrer Umhüllung befreit und fühlen sich inmitten der rechts und links von ihnen aufgestellten Mütter und Tanten anscheinend recht wohl. Da huscht in schnellem Trippelschritt ein neues Kleiderbündel aus dem Busch heraus; ihm folgt alsbald ein zweites, nach wenigen Augenblicken ein drittes und ein viertes. Aha, eine Quadrille, denke ich, aber diesmal habe ich mich getäuscht; richtiger wäre es schon zu sagen ein Pas de deux, denn die vier Masken — als solche stellen sich die Figuren bei einer Wendung heraus — haben sich sofort paarweise gegeneinander geordnet, um sich nunmehr in ganz ähnlicher Weise, wie ich es früher schon in Chingulungulu gesehen habe, zu bewegen; die mannigfaltigsten Evolutionen mit Armen und Beinen, Verdrehungen und Verbeugungen des Oberkörpers, Zitterbewegungen der Mittelpartie, kurz alles afrikanisch, ganz echt und ursprünglich. Insoweit bringen die Masken also nichts Neues; doch um so überraschender ist der An- und Aufzug selbst. Makondemasken sind heute in den größten ethnographischen Museen bekannt, in Gebrauch gesehen hat sie indes, wie es scheint, noch niemand, wenigstens ist das nirgends geschildert worden. Also mir Verwöhntem blüht nun auch dieses Glück. Die Masken sind aus Holz, zwei von ihnen stellen Männer dar, die anderen Frauen. Dies sieht man auf hundert Schritt an den prachtvoll herausgearbeiteten Pelele, deren Weiß sich aus der schwarzen, starren Fläche effektvoll heraushebt. Im übrigen ist der Anzug bei Männlein und Fräulein gleichartig; er verfolgt den Grundsatz, nichts Menschliches sehen zu lassen: Kattun überall, vom engumhüllten Nacken bis über die Finger und die Zehenspitzen hinunter.

Dieses Übermaß der Umhüllung gibt auch den Schlüssel zum beabsichtigten Zweck des Ganzen: die Masken sollen schrecken. Junge Männer sind es, die sich solchermaßen verkleidet haben; sie wollen unerkannt sein und bleiben; sie sollen die Mädchen vor dem endgültigen Eintritt ins mannbare Alter noch einmal tüchtig ängstigen und einschüchtern. Dazu wählen sie ganz allgemein zunächst die Maske, im besonderen aber mit Vorliebe bekannte schreckhafte Gestalten: Porträts gefürchteter Männer, berühmter Krieger und Räuber, Darstellungen großer Tiere; zuletzt aber den Scheitani, den Satanas. Dieser tritt mit langen Hörnern auf und großem Barte und ist wirklich erschrecklich anzusehen.

Noch schwingen die vier Masken ihre Gliedmaßen und Körper auf dem Festplatz herum, bald vereint gegeneinander, bald sich trennend und mit allerhand Kapriolen den Kreis umtanzend, da gibt es schon wieder etwas Neues. Tap — tap — tap — tap steigt es heran, unheimlich, riesengroß; wild flattert ein ungeheurer Stoff im wehenden Morgenwind; gespenstisch lange Arme, ebenfalls flügelgleich mit Stoff besetzt, schlagen wie Windmühlenflügel in die Luft; ein totenstarres Antlitz grinst uns entgegen; fleischlos wachsen stangengleiche Beine meterlang nach unten. Den kleinen Mädchen wird jetzt wirklich angst, auch meiner Leibgarde scheint etwas „schwummrig“ zumute zu sein; den weißen Forscher aber darf so etwas nicht anfechten, er hat zu schauen, zu beobachten und zu knipsen.

Der Gebrauch von Stelzen ist innerhalb der gesamten Menschheit nicht übermäßig häufig; außer bei uns sind sie meines Wissens nur noch gebräuchlich im ostasiatischen Kulturkreis, dann merkwürdigerweise auf den Markesasinseln im östlichen Stillen Ozean und an einzelnen Teilen der westafrikanischen Küste. Wie unter diesen Umständen diese Schreitgeräte gerade hier auf die Berginsel des Makondeplateaus geraten, ist mir vorläufig ganz unerklärlich. Sind sie eingeführt? Und woher? Oder sind sie der Rest einer uralten Sitte, die einstmals vom Kap Lopez bis zu dieser gerade entgegengesetzten Stelle des dunkeln Erdteils gereicht hat, bei der aber die ganzen Zwischenglieder über das alte Tanzgerät hinaus fortgeschritten sind, während es sich im äußersten Westen und im äußersten Osten erhalten hat? Unwillkürlich bewegen mich solche Fragen, trotzdem es dazu eigentlich nicht Zeit ist, denn es gibt allerlei zu sehen.

Die Idee des Schreckenwollens tritt auch bei dem Stelzentänzer ganz offenkundig zutage; schon in der Art seiner Bewegung; mit wenigen Riesenschritten rast er über den ziemlich geräumigen Platz, entsetzt weichen die dort kauernden Schwarzen zurück, denn es sieht aus, als wolle das Ungetüm sie haschen oder zertreten. Doch schon hat es sich abgewandt und storcht weit am anderen Ende auf die fünf Festjungfrauen zu; kreischend sind diese und manches andere Wesen zurückgetaumelt. Und schon steht der Gewaltige vor meiner Kamera; „knips“, ich habe ihn. Fast möchte man das verblüffte Gesicht des Trägers durch die Maske zu sehen vermeinen, so überrascht zaudert sie einen Augenblick, um dann mit schnellen Schritten davonzueilen.

Ein Vergnügen kann dies Stelzenlaufen im übrigen nicht sein; ermüdet hat sich der Mann an das Dach eines der Häuser gelehnt; er schaut nunmehr zu, wie wiederum die vier Parterremasken ihre Zeit für gekommen erachten und von neuem zum Tanz antreten. Doch auch das will nicht mehr so recht; eine bleierne Hitze lagert über uns allen, die Sonne ist inzwischen bis zum Zenit emporgestiegen; ein großer Teil der Festteilnehmer hat sich bereits verlaufen, auch die anderen sehnen sich sichtlich nach ihrem Ugaliberge. Rasch baue ich ab; ein kurzes „los“; von neuem zwängen wir uns durch Dickicht und Dorn des Makondebusches Newala zu.

Nur einen einzigen Tag hat mir der nimmer rastende Akide Zeit gelassen, die Eindrücke von Niuchi einigermaßen zu verarbeiten, da hatte er auch schon wieder ein großes Unternehmen in Aussicht. Sefu wohnt nur 30 bis 40 Meter von uns entfernt in einem Gebäude im Küstenstil. Er ist nicht wie Nakaam und Matola landeseingesessen, sondern ein, sagen wir, hierher versetzter Beamter der deutschen Kolonialregierung, oder, um einen Vergleich zu wählen, ein zünftiger studierter Landrat, während die anderen beiden Großgrundbesitzern gleichen, die man wegen ihres festen Fußens in Land und Volk mit diesem Amte betraut hat. Er hat etwas mehr Sinn für Wohnlichkeit als sonst seinen Rassengenossen eigen ist, denn er hat vor seiner Barasa, jenem in Ostafrika stets vorhandenen offenen Raum vor dem Hause, wo er seine Schauri abhält und wo er auch die Führer der durchziehenden Handelskarawanen mit großer Würde zu empfangen pflegt, ganz hübsche Sitzbänke aus Bambus herrichten lassen, sogar solche mit Rückenlehnen, beides hierzulande ein unerhörter Luxus. Sefu ist in allen seinen freien Minuten bei uns; schon am frühen Morgen tritt er an, und auch abends friert er mit uns um die Wette in unserem Windfang von Rasthaus, das wir wohl oder übel werden zubauen müssen, um den abendlichen Stürmen den Eingang etwas zu erschweren.

Stelzentänzer bei den Makonde. Nach der Zeichnung des Bondeimannes Omari (s. [S. 451]).

Also Sefu hat etwas Großes vor. Diesmal könne er mir ein Fest der Matambwe im Dorfe Mangupa zeigen; es sei zwar auch wieder ein Chiputu der Mädchen, also das Schlußfest des ersten Unterrichts, den diese 8- bis 11jährigen Kinder vorher mehrere Monate hindurch in einer besonderen Hütte genossen hätten; aber bei den Matambwe sei manches anders als bei den Yao und Makua; auch sei der Weg nicht weit; wenn wir 7½ Uhr am nächsten Morgen ausrückten, würden wir bei anderthalbstündigem Marsche gerade recht zum Beginn kommen.