Von dem berühmten Makondebusch hatte ich schon bei der Expedition nach Niuchi einen kleinen Begriff bekommen, aber doch noch nicht den ganz richtigen. Über diese Vegetationsform ist schon viel geschrieben worden, aber ich glaube, das Thema ist unerschöpflich. Nicht, daß dieser Busch außergewöhnliche ästhetische Reize aufwiese durch berückende Szenerien oder den lieblichen Wechsel zahlreicher Pflanzenarten; nichts von alledem, er ist vielmehr eine ganz gleichartige, kompakte Masse von dünnen Stämmen, Ranken, Zweigen und Blättern. Aber gerade das ist das Unangenehme; dieses unbeschreiblich dichte Gewirr läßt niemand hindurch, es sei denn, daß er sich erst mit Axt und Beil in mühseliger, blutiger Arbeit einen Weg geschlagen habe. Ach, wie oft haben unsere schwarzen Krieger dies allein im Laufe des letzten Jahrzehntes, insbesondere dem bösen Machemba gegenüber, durchzukosten Gelegenheit gehabt. Uns Epigonen ist es bequemer gemacht; unsere siegreichen Kämpfe gegen die vordem so unzuverlässigen und so oft unbotmäßigen Elemente des Südens haben zu der weisen Maßnahme geführt, daß jeder einigermaßen wichtige Ort mit allen anderen durch Wege verbunden ist, die ihren Namen Barrabarra, d. h. geschlagener Weg, in des Wortes eigentlichstem Sinn verdienen; zur Not könnte eine Sektion von vier Gliedern auf ihr marschieren, so breit ist diese allerdings auch hier stellenweise stark verwachsene Straße.
Wir sind von der nach Ostsüdost auf Nkunya zu führenden Barrabarra sehr bald nach rechts abgeschwenkt und geraten immer tiefer in den Busch hinein. Reiten ist längst nicht mehr möglich, jeder einzelne kämpft vielmehr einen sehr vorsichtigen Kampf gegen die Upupu. Mir hat Nils Knudsen schon gleich nach unserer Ankunft in Newala ein sehr eindringliches Kolleg über dieses nette Pflänzlein gehalten, deshalb bin ich gewarnt; wehe aber dem Unglücklichen, der sich eines solch fürsorglichen Mentors nicht erfreut. Arg- und harmlos schreitet der Pionier europäischer Kultur durch den grünen Busch dahin; „eine neue Art von Bohnen“, denkt er und greift in hehrem Wissensdrang nach einer Handvoll dunkelgrüner Schoten, die von schlanker Ranke freundlich zu ihm herunternicken. Doch sein Wissensdrang wird dem Unglücklichen für lange Zeit vergällt sein, denn die Folgen dieses Griffs sind furchtbar; Knudsen behauptet, daß Juckpulver eine Annehmlichkeit dem Upupu gegenüber bedeute; daß der von ihm Betroffene fähig sei, für den guten Rat, wie er sich von dieser Höllenpein befreien könne, selbst einen Mord zu begehen; jedes Reiben, jedes Kratzen bringe ihn dem Wahnsinn näher, auch Baden und Waschen sei ganz zwecklos; lediglich Asche, feuchte Asche als Brei aufgetragen, nehme die feinen Giftkristalle nach kurzer Zeit hinweg. Wie sooft, liegt also auch hier das Gute so nah, nur muß man das Rezept kennen.
Punkt 9 Uhr stehen wir einer ähnlichen Festhütte gegenüber, wie wir sie seinerzeit in Akuchikomu gesehen haben, nur daß die hiesige Likuku, wie sie heißt, ein Zwilling ist; die Baumeister haben gleich zwei dieser runden, niedrigen Salons aneinandergebaut. Das Fest soll gerade beginnen, wie mir Sefu sagt. Ich bin hart und barbarisch genug, den Jumben dieses weltverlorenen Örtchens, dessen einer Fuß schon gänzlich in Fäulnis übergegangen ist, der infolgedessen die Gegend im weitesten Umkreis in entsetzlichster Weise verpestet, aber trotzdem das Gefühl hat, die Honneurs machen zu müssen, einen Kilometer weit unter den Wind transportieren zu lassen; dann baue ich mich mit meiner Kamera zur Seite eines Busches auf und harre der Dinge, die nun kommen sollen.
Eine Zeitlang hören wir nichts als den berühmten Frauentriller in vielfacher Variante, in Sopran und Alt, piano und fortissimo, gleichsam als ob die Weibergesellschaft, die in dichtem Klumpen hinter dem Doppelhaus steht, sich erst ein bißchen üben wolle. Inzwischen erglänzen die Weiber immer mehr; sie salben sich mit Rizinusöl ein, daß sie triefen. Und dabei haben sie Lippenscheiben von einem Ausmaß, wie ich es noch nimmer geschaut. Mit einem Male ändert sich das Bild: „die sieben Schwaben“, bemerke ich halblaut zu Nils Knudsen hinüber, ohne zu bedenken, daß dieser brave Norweger unmöglich mit unserem Märchenschatz vertraut sein kann. Doch das Bild stimmt: sieben Weiber an einer Stange von bedeutenden Abmessungen sind es, die sich aus dem Knäuel loslösen, um mit raschem Schritt den links von der Likuku liegenden Festplatz zu erreichen. Jetzt erst sehe ich, daß die Stange eigentlich eine Fahne ist, und zwar eine riesige: eine ganze Zeugbahn funkelnagelneuen, buntfarbigen Kattuns hängt von ihr in ihrer ganzen Länge herab. „Nini hii, was ist das?“ frage ich Sefu. Es sei das Unterrichtshonorar für die Lehrerinnen, an die es sehr bald verteilt werde, aber vorher wolle man das große Stück dem Volk erst in seiner ganzen Schönheit zeigen. Dies geschieht denn auch, immer unter dem Fortsingen jenes Liedes, das die sieben Schwäbinnen schon seit ihrem Hervorkommen aus dem Hintergrund gesungen haben:
„Watata wadihauye kuninga akalumbane kundeka unguwánguwe.“
Nach Sefu soll das heißen:
„Mein Vater hat mich schlecht behandelt, er hat mir einen schlechten Mann gegeben; der ist von mir gegangen, und ich sitze nun da.“ „Verlassen, verlassen, verlassen bin i“, singe ich in meiner übermütigen Laune mitten in den schon recht heißen afrikanischen Morgen hinein; doch wie sich Lied und Chiputu zusammenreimen, das bringe ich selbst mit Hilfe von Freund Koschat nicht heraus. Ich habe auch gar keine Zeit dazu, denn schon führt die ganze Gesellschaft eine Art Walpurgisnacht auf; so ähnlich würde wenigstens ein afrikanischer Goethe eine der Faustszene analoge Festlichkeit auf den Höhen des Kilimandscharo vermutlich darstellen! Besen, Mutterschweine und andere nette Attribute der ehrsamen Zunft fehlen zwar hier gänzlich, aber die schlohweiße Holzscheibe in der Oberlippe, die Riesenpflöcke in den Ohren, die Kämme im Kraushaar, die schweren Ringe an Arm und Fuß, schließlich das unglückliche Baby bei jeder jungen Hexe und merkwürdigerweise auch bei so mancher älteren, dies unterstützt die Illusion mehr als genug; trillernd und händeklatschend läuft, springt und tanzt der wüste Haufen wild durcheinander, daß mir Hören und Sehen vergeht.
Plötzlich tiefe Stille. Eng hintereinander geschmiegt, tief gebückt, den ganzen Körper in grellbunte, neue Tücher gehüllt, kommen aus derselben „Kulisse“ die Gestalten der fünf Novizen hervor. Man läßt sie bis an den Festplatz herantrippeln, dann aber bricht ein Lärm los, gegen den die Walpurgisnacht noch ein lindes Gesäusel war; jetzt wirbelt und donnert zu allem nämlich auch noch das halbe Dutzend Trommeln der unvermeidlichen Kapelle. Rasch hat sich das Chaos indessen zu einem großen Kreise geordnet; in der Mitte stehen die fünf mir nunmehr schon vertrauten Kleiderbündel wie in Niuchi so auch hier in tiefgebeugter Haltung da. Die Trommeln haben Ton und Tempo gemäßigt; im sattsam bekannten Takt gleiten und schieben die Frauen sich im Kreise herum. Schließlich wechseln die Rollen; auch hier tritt die Meisterin vor die Front, alles andere bildet Staffage, die Novizen aber zeigen auch hier jetzt ihre Kunst im Zittern der Gesäßpartie. Nun ist auch diese Prüfung beendet; fast scheint es, als gratuliere man ihnen, dann wälzt sich die ganze Masse der Zwillingshütte zu. Seltsamerweise schreiten dabei die fünf Novizen rückwärts; in dieser Richtung verschwinden sie mit den anderen im Dunkel jenes Doppelbaues. Doch während die erwachsenen Frauen in dessen Innern bleiben, erscheinen die fünf Mädchen schon nach wenigen Minuten wieder; eine im mäßigen Abstand hinter der andern, überschreiten sie den Festplatz, diesmal in normaler Gehweise. Husch, husch, sind sie auch schon im dichten Busch verschwunden.
Das Abtreten der fünf Mädchen muß wohl das offizielle Ende des Festes bedeuten, denn seitens der Frauen erfolgt nichts mehr; dafür treten jetzt die Herren der Schöpfung in Aktion. Für sie scheint nunmehr die Fidelitas zu beginnen; wie von einem Magnet angezogen, haben sie sich Mann für Mann auf die beiden Hütteneingänge zu bewegt, Mann für Mann verschwindet in ihnen, doch niemand kehrt wieder. Das interessiert mich sehr, und neugierig trete auch ich an den einen Hütteneingang heran. Ei, was muß ich sehen! Es fehlt nur noch, daß einer mit des Basses Grundgewalt das hehre Lied anstimme: „Im tiefen Keller sitz’ ich hier“; in langen Reihen steht Topf an Topf! Gewaltige Gefäße würziger Pombe sind es in erklecklicher Anzahl, die hier ihres Endzwecks harren. Man hat uns leider nicht eingeladen, sicherlich nicht aus Mangel an Gastfreundlichkeit, sondern wohl mehr aus Scheu; daher sind wir rasch von dannen gezogen. Aber neidisch waren wir doch.