Unser Lager in Newala.

Vierzehntes Kapitel.
In voller Ernte.

Newala, gegen Ende September 1906.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum. Dank dem braven Sefu, oder richtiger wohl, weil es die Zeitumstände so mit sich gebracht, habe ich zunächst den goldenen Baum der frohen Feste genossen und gerate seitdem immer rettungsloser in den Bann der grauen Theorie hinein, das Studium des Unyagoverlaufs für beide Geschlechter in seinem ganzen Umfange. Wie schwer wird mir gerade diese Arbeit gemacht! Mit dem Knaben-Unyago bin ich allmählich ins reine gekommen, wenngleich auch die Festlegung seiner Regeln unendliche Mühe verursacht hat; aber die andere Seite des Problems erscheint mir geradezu als verhext, so viel Schwierigkeiten und Widerstände türmen sich seiner Lösung entgegen. So etwas könnte unter andern Umständen schließlich auch den geduldigsten Forscher zur Verzweiflung bringen, doch dazu ist hier auf dem Makondeplateau erfreulicherweise gar keine Zeit, denn zu jener Frage gesellen sich hundert andere, die nicht minder interessant und wichtig sind und demgemäß mit ebenderselben Dringlichkeit der Beantwortung harren.

Der Verfasser im newalenier Winterkostüm.

Doch ich sehe ein, ich muß die Darstellung meiner Forschungsarbeit und ihrer hauptsächlichsten Ergebnisse höflicherweise hübsch systematisch aufbauen, damit sie genießbar werde.

Im Grunde genommen stellt schon das ganze Milieu von Newala eine Art Widerstand gegen jede intensive Forschungsarbeit dar. Nicht daß wir hier oben, zirka 750 Meter über dem Meer, so von der Hitze litten wie in dem allmählich zu einem Backofen gewordenen Tieflande; die 26½ bis 27 Grad C, die das Schleuderthermometer in den ersten Nachmittagsstunden in unserer Barasa zeigt, verursachen uns zwar genau dieselben schrecklichen Kopfschmerzen wie die 30 und mehr Grad in der Ebene, aber einmal gewöhnt man sich doch auch an diese Hitzeserien-Temperatur, andererseits werden die heißen Stunden des Tages von den Negern ganz allgemein verschlafen und sind also auch für mich nicht übermäßig kostbar. Viel schmerzlicher dagegen ist der Zeitverlust, den ich durch die Häufung einer ganzen langen Reihe von anderen Umständen erleide; dem Fernstehenden mögen sie zum Teil fast drollig erscheinen; auch uns beiden Europäern geben sie hin und wieder Anlaß zur Fröhlichkeit, doch ein Hindernis bilden sie gleichwohl.

Da ist zunächst der tägliche Temperaturgang; in rascher Folge tropft es schwer auf das Zeltdach hernieder, unter dem der Weiße, warm und mollig in zwei vortreffliche Kamelhaardecken gehüllt, in den grauenden Morgen hineinschlummert. Es regnet, denkt er im Halbschlaf und dämmert weiter. Doch das Schicksal ist wider ihn: ein Ächzen und Stöhnen erhebt sich, daß er alsbald verstört auffährt. Schon hat er die Ursache erkannt: die Zeltstricke sind so straff angespannt, daß die eschenen Tragstangen sich fast halbkreisförmig biegen. „O, der verflixte Posten!“ Mit beiden Beinen fahre ich unter dem Moskitonetz hindurch und rufe den pflichtvergessenen Krieger herbei, zur Strafe auch die beiden andern Nummern. Nicht ohne Anstrengung gelingt das Werk des Strickeverlängerns. Dabei ist es auch schon hell geworden, so daß ein Weiterschlafen nicht mehr lohnt. Nun kommt der schönste Augenblick des Tages: die Morgenwäsche; jetzt, 6 Uhr, sind es eben 14 bis 14½°; das ist für Afrika eine arktische Temperatur; die lange Reihe der alaunisierten Kalebassen enthält denn auch ein Wasser, das mir eiskalt vorkommt. Wahrhaft köstlich ist in ihm das Bad oder die Abreibung, zu der ich jetzt schreite. Kibwana ist Kammerdiener; er hat sich an die weiße Farbe längst gewöhnt, aber die Glotzaugen der schwarzen Männlein und Fräulein, die durch den Zaun des Akidengehöfts oder durch die Lücken in der Palisadenwand der Boma auf dieses Morgenschauspiel gucken, sind verwundert genug. Von Regen übrigens keine Spur; es ist der Morgentau, der von den dichtbelaubten Mangobäumen, unter denen wir unsere Zelte aufgebaut haben, überreichlich herabtropft. Auch von der Sonne ist nichts zu sehen; ein schwerer Nebel wallt über Newala hin; nicht einmal die hohen Grabbäume draußen am Tor sind in diesem weißen, wogenden Meere zu erkennen. Instinktiv legen Knudsen und ich die schon früher geschilderte Winterkleidung an; ich füge sogar noch ein Halstuch in Gestalt eines zusammengefalteten Taschentuchs hinzu. Nils Knudsen aber schließt seinen Wikingerrock sorgsam bis an das blonde Kinn.

Dabei ist es gegen 6½ Uhr geworden; arbeitsfreudig verlasse ich das Zelt genau in dem Augenblick, als meine Krieger zum täglichen Dienst antreten. Diesen habe ich schon in Massassi eingeführt; um nicht ganz zu verbummeln, müssen die Soldaten täglich zwei Stunden stramm exerzieren. „Antreten! Stillgestanden, richt euch! Augen geradeaus!“ Meldend tritt Hemedi Maranga an mich heran. Der stramme Bursche hat der Gesellschaft in kurzer Zeit einen ganz andern Zug beigebracht; er ist ein geborener Krieger, während sein Vorgänger Saleh wohl mehr für die Jagd geeignet erscheint. Ihn hat das Bezirksamt in das mittlere Lukuledital beordert, damit er dessen unglückliche Bewohner endlich von jener Löwenplage befreie, die nach unserm Durchmarsch im Juli schon wieder zahlreiche Menschenleben gefordert hat. Möge ihm sein gefährliches Werk vollauf gelingen!