Während ich mich mit meinem Frühstück vergnüge — dick eingekochtem Kakao, dazu den obligaten dicken Eierkuchen mit eingebackenen Bananen —, ist der Gefreite mit seiner Truppe ins Gelände gezogen, um den Buschkrieg zu üben oder die Kompagnieschule zu exerzieren. „Legt an! Feuer! Geladen!“ Klar und schneidig wie die Kehle des besten deutschen Unteroffiziers tönt das aus Negermund immerhin befremdliche Kommando von weither zu mir herüber. Doch ich habe nicht Muße, auf diesen Heimatgruß zu achten, denn schon sind meine Gelehrten langsam und mit der Würde des alten Negers herangetreten. Wir haben gestern verabredet, daß sie um 7 Uhr hier sein sollen.

„Ja, aber haben denn die alten Herren eine richtig gehende Uhr, Herr Professor, oder wie bringen Sie ihnen den Termin sonst bei?“

Freilich haben die Männer eine Uhr, eine für afrikanische Verhältnisse sehr genaue sogar; nach ihr richten wir uns hier alle. Bis zum Umfallen ermüdet, haben Weiße und Schwarze gestern gegen Sonnenuntergang ihre Arbeiten unterbrochen.

Zwei Gelehrte von Newala.

„Ihr kommt morgen früh wieder“, lasse ich durch Sefu den fünfzehn Greisen in Kimakua und Kimakonde verdolmetschen, „saa“, und dabei strecke ich meinen Arm nach Osten und im Winkel von 15 Grad über den Horizont. Aufmerksam schauen die Männer her. „Habt ihr es verstanden?“ lasse ich zur Vorsicht fragen; einheitlich heben sie alle den Arm und halten ihn ebenfalls einen Augenblick in jenem Winkel über die Horizontale erhoben. 15 Grad, das ist eine Stunde nach Sonnenaufgang, also 7 Uhr; will ich die Männer später haben, so vergrößere ich den Winkel entsprechend. Das ist Landesbrauch hier, keine Erfindung von mir; die Leute verstehen es, den Sonnenort bis auf minimale Zeitdifferenzen genau anzugeben.

Ein paar Stunden sind bei Frage- und Antwortspiel über dies oder jenes Gebiet der heimischen Volkskunde rasch dahingeflogen; noch immer kauern die alten Herren im Halbkreis um mich herum auf einer riesenhaften Matte. Am ersten Tage unserer gemeinsamen Arbeit hat einer von ihnen seinen natürlichen Gefühlen freien Lauf gelassen und mit großer Virtuosität einen langen Strahl braunen Tabaksaftes nach Seemannsart durch die Zähne gerade vor meine Füße lanciert. „Schensi, du Bauer!“ habe ich daraufhin halb unwillkürlich den Unbeleckten angeknurrt. Seitdem habe ich keine Veranlassung wieder gehabt, auch nur den geringsten Verstoß gegen die guten Sitten rügen zu müssen. Zwar die Leute riechen; sie duften nach Schweiß, ranzigem Öl und wer weiß wonach sonst noch, so daß mir im Laufe der Stunden immer übler wird; sie haben immer eine ganze Wolke von Fliegen mitgebracht, die sich aufs eifrigste bemühen, die Augenleiden ihrer schwarzen Herren auf den weißen Fremdling zu übertragen; aber sonst: alle Achtung! Die Beobachtung, die ich bisher überall gemacht habe, daß diesen Wilden ein starkes natürliches Taktgefühl eigen ist, bestätigt sich auch hier wieder. Damit vergleiche man einmal das Benehmen gewisser Volkskreise und Volksschichten bei uns daheim, die wir doch alle Kultur, alle Zivilisation und allen Takt gepachtet haben wollen. Nein, wir Weißen sind doch keine besseren Menschen!

Aber heiß ist der Schuppen allmählich geworden; das nordische Gewand ist nicht mehr am Platze. Also Metamorphose: die schweren Tippelskirchstiefel herunter und auch die dicken, wollenen Strümpfe; desgleichen das derbe Wollhemd, Weste und Halstuch; an ihre Stelle treten jetzt durchweg durchlässige, dünne Tropensachen. Um Mittag fliegt auch der Khakirock in die Ecke; ihn vertritt jetzt ein dünnes Lüsterjäckchen. Damit ist der Negativprozeß vollendet; gegen Abend fängt der andere wieder an. Mit einer scharfen, eisigen Bö hat der gefürchtete Abendwind Newalas eingesetzt — mit einem kräftigen gleichzeitigen Nieser haben Knudsen und ich die fröhliche Fortdauer unseres chronischen Katarrhs, der nur bei Tage latent ist, festgestellt. Jetzt hilft es nichts, stückweise müssen wir wieder den ganzen Winterkram an unsere jetzt ach so mageren Leiber schmiegen. Instinktiv tun wir gleich noch ein übriges und legen auch noch die berühmten Überzieher an, wenn der nunmehr mit voller Wucht einsetzende Sturm wahre Wolken von Schmutz und Staub durch unseren Wohnraum wirbelt. Diesen haben wir im Laufe der Wochen immer mehr zubauen müssen; die ursprünglich an der offenen Seite aufgespannten Matten sind längst durch eine solide Strohwand ersetzt worden; sie hat ein Fach nach dem andern ergriffen, so daß jetzt, am Ende des Monats, tatsächlich nur noch ein einziges großes „Fenster“ dem Licht Eingang gewährt. Abends binden dann meine Träger mein großes Segeltuch vor diese Öffnung, doch auch selbst die damit vollständig gewordene Abdeckung der Windseite macht den Raum nicht wohnlich; wenn ich um 10 oder 10½ Uhr abends vom Entwickeln und Umlegen meiner photographischen Platten schweißgebadet aus dem als Dunkelkammer dienenden Zelt in die Barasa komme, finde ich meinen nordischen Freund als ein dickes, unförmiges Bündel vor; er hat sich in alle verfügbaren Decken gewickelt, klappert aber trotzdem vor Frost. Schnell kriecht dann jeder in sein warmes Zelt. Warm sind diese übrigens auch erst, nachdem wir vor ihnen, quer gegen den Wind, eine mit dicken Balken abgesteifte Hirsestrohwand aufgebaut haben; vorher drohte der Wind die Zelte allnächtlich einfach niederzudrücken. Dies sind die täglichen Sorgen um Kleidung und Unterkunft; sie sind nicht groß, nehmen aber immerhin einen gewissen Bruchteil meiner kostbaren Zeit vorweg. Durch die Sorge um unseres Leibes Nahrung und Notdurft wird dieser Bruchteil leider noch wesentlich vergrößert.

Es ist nächst dem Busch die größte Eigentümlichkeit des Makondeplateaus, daß es auf seiner Oberfläche quellen- und wasserlos ist; sein Boden besteht bis tief hinein in den Schoß der Erde aus lockerem Gefüge: sandigen Lehmen und lehmigen Sanden. Im Westen gehören diese Schichten der oberen Kreide an; man nennt sie Makondeschichten; im Osten sind sie tertiär, man nennt sie Mikindanischichten; beiden gemeinsam aber ist die hervorragende Wasserdurchlässigkeit. Diese bringt es mit sich, daß alle Niederschläge, sofern sie nicht von dem reichlichen Pflanzenwuchs festgehalten werden oder verdunsten, schnell in die Tiefe sinken, bis dahin, wo undurchlässige Schichten, flachgeneigte Newalasandsteine oder uralte Granitkerne ganz von der Art der Inselberge draußen in der Ebene, die wir auch im Schoß des Makondeplateaus vermuten müssen, ihnen ein Halt gebieten. Auf diesen Schichten sickern dann die Wässer abwärts, sie treten naturgemäß erst am Rande des Plateaus zutage und machen diesen Rand im Gegensatz zu dem quellenlosen Plateau selbst zu einem an Quellen und Bächen überreichen Gelände.