Stelzentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi.


GRÖSSERES BILD

Demnach wird also das Plateau selbst unbewohnt sein, alles Volk aber wird sich an seinem Rand angesiedelt haben? Das ist der Gedankengang, den wir siedelungstechnisch rationell denkenden Europäer entwickeln werden. Tatsächlich wohnt nicht ein Mensch unten, oben aber wohnen mehr als 80000 Makonde, fast 5000 Wangoni, Tausende von Wayao und Makua, und eine mir nicht bekannte Anzahl von Matambwe. Neuerdings besteht allerdings die Tendenz, mehr und mehr in die wasserreichere Niederung hinunterzusteigen; das ist die Folge des Aufhörens der Mafiti-Einfälle und der Ausfluß unserer deutschen Kolonialpolitik, deren feste Hand auch die Neger längst fühlen. Diese Tendenz erstreckt sich indessen nur auf die fortschrittlicheren Elemente, die Yao und Makua; die Makonde bleiben davon unberührt; bei ihnen ist es noch heute wie seit unvordenklicher Zeit: kaum ist in Haus und Feld die unumgänglich notwendige Arbeit getan, dann nimmt auch schon Vater und Sohn, oder auch Mutter und Tochter die 1½ bis 2 Meter lange Stange auf die Schulter, an der vorn und hinten je ein oder wohl auch je zwei große Flaschenkürbisse befestigt sind. Mit merkbarer Eile schreiten sie dahin, dem Plateaurand zu, von dem ihr Weiler unangenehm weit abliegt; ein steiler Abstieg auf schlechtem Pfad, ein kurzes Verweilen in sumpfiger Niederung, ein mühseliger, beschwerlicher Aufstieg Hunderte von Metern steil in die Höhe. Endlich haben sie es geschafft, hoch aufatmend gehen, ja traben sie fast ihrem Dörfchen zu. Die Makonde stehen im Ruf — auch ich habe ihn, trotzdem ich noch nicht einmal im Zentrum ihrer Verbreitung weile, bereits bestätigt gefunden —, daß sie den größten Teil ihres Lebens dem Feldbau widmen; der zweitgrößte Teil entfällt ganz ohne Frage auf die nach unseren Begriffen törichte Zeitverschwendung des weiten Wasserweges. Wenn die Hälfte der Familienmitglieder täglich je zweimal zwei Stunden oder noch mehr vertrödelt, um gerade so viel Wasser herbeizuschleppen, in schwerster Arbeit sogar, nur um sein bißchen Ugali herrichten und einen trüben Trunk tun zu können, so ist das ökonomisch ein Widersinn.

Wasserschöpfende Makondefrauen.
Nach einer Zeichnung des Pesa mbili (s. [S. 453]).

Auch Newala leidet unter dieser Wasserferne, wenigstens das heutige Newala; ein früheres Newala hat unten am Fuße des Plateaus in einem wunderschönen Tale gelegen. Ich habe es besucht; von Häusern kaum noch eine Spur; nur ein christlicher Friedhof mit den Gräbern mehrerer englischer Missionare und im christlichen Glauben gestorbener Neger zeugen noch von der alten Herrlichkeit. Aber in welch wundervoller Umrahmung! Ein dichtgeschlossener Hain prächtigster Mangobäume rings um die verwaschenen Kreuze und Steine; hinter ihnen, das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigend, eine ganze Plantage in voller Reife prangender Zitronenbäume. Es ist nicht die kleine afrikanische Frucht, die dem Durchreisenden heute mühelos in den Schoß fällt, sondern eine viel größere und auch viel saftreichere fremde Varietät. Alt-Newala untersteht heute der Jurisdiktion des schwarzen Pastors Daudi von Chingulungulu; mit ihm bin ich gut Freund, daher ist es selbstverständlich, daß er mir für die Dauer meines Aufenthaltes in Newala den Nießbrauch dieses Zitronenhains überläßt.

Der Wasserweg von Neu-Newala bis in die 500 Meter tiefer gelegene Talsohle hinunter ist nicht nur weit und beschwerlich, sondern das Wasser, welches Knudsen und ich geliefert bekommen, ist auch schlecht, grundschlecht. Dazu kommt, daß Newala zu vornehm und üppig eingerichtet ist; es hat nicht nur ein Klosett ganz im Küstenstil, sondern auch eine besondere Kochhütte. Sie liegt rechtsab von unserer Barasa an der Bomawand; ihr Inneres ist von uns aus nicht zu übersehen. Das haben die Köche natürlich sofort herausgefunden und tun, oder vielmehr lassen, was sie wollen. In jedem Fall scheinen sie es mit dem Abkochen unseres Trinkwassers recht wenig genau zu nehmen; ich wenigstens kann die dysenterieartigen Anfälle, an denen Knudsen und ich schon seit längerer Zeit leiden, lediglich auf die Pflichtvergessenheit unserer beiden Küchenchefs zurückführen. Kann man so einen Menschen nicht dauernd kontrollieren, so ist er zu allem fähig. Zu dieser Darmstörung kommen noch die Unannehmlichkeiten glasharter Nägel an Fingern und Zehen, die bei jeder derben Berührung Sprünge bekommen; bei mir auch noch Pickeln überall.

Sandflohverheerungen am menschlichen Fuß.

Seit einer Woche führen wir obendrein den Kampf gegen den Sandfloh, der in dem warmen Sande des Makondeplateaus sein Dorado gefunden hat. Unsere Leute sieht man den ganzen Tag, soweit ihnen ihre Dauerkatarrhe und die auch bei ihnen stark grassierende Dysenterie dazu Zeit lassen, mit ihren unteren Extremitäten beschäftigt, um diese Geißel Afrikas abzuwehren und ihren verheerenden Wirkungen vorzubeugen. Daß den hiesigen Eingeborenen als Folge dieser Sandflohplage eine oder ein paar Zehen fehlen, ist etwas Häufiges; vielen fehlen alle Zehen, ja selbst der ganze Vorderfuß, so daß das Bein in einen unförmigen Stumpf als den letzten Rest des ehemals so wohlgeformten Beines endigt. Diese Zerstörungen werden bekanntlich durch das Weibchen des Sandflohes hervorgebracht, das sich unter die Haut einbohrt und dort einen bis erbsengroßen Eiersack entwickelt. In allen Büchern steht zu lesen, daß man auf das Vorhandensein eines solchen Schmarotzers durch ein unerträgliches Jucken aufmerksam gemacht werde; nach meinen Erfahrungen stimmt das sehr wohl, soweit die zarteren Teile der Fußsohle, die Partien zwischen und unter den Zehen und die innere Fußseite in Frage kommen; bohrt sich das Tier indessen durch die härteren Teile des Ballens oder der Ferse hindurch, so kann es selbst dem aufmerksamsten Beobachter passieren, daß er das Tier erst im höchsten Reifestadium entdeckt. Dann ist es aber allerhöchste Zeit, es vorsichtig herauszuheben, um ähnlichen Verwüstungen, wie man sie hier täglich zu Dutzenden sieht, vorzubeugen. Beim Europäer mit seiner weißen Haut ist das Auffinden des Sandflohes übrigens weit leichter, als es den Schwarzen gemacht wird, von deren Haut sich der dunkle Punkt kaum abhebt. Die vier oder fünf Sandflöhe, die mich trotz steten Tragens hoher, geschlossener Schnürschuhe bisher zu ihrem Sitz auserkoren haben, hat mir der vielgewandte Knudsen herausgehoben; ein Auswaschen der Höhlung mit Sublimat erscheint mir dabei immer ganz angebracht. Die Neger haben ein anderes Desinficiens, sie füllen die Öffnungen mit Wurzelgeschabsel; in einem winzigen Makuadorf am Steilabhang des Plateaus südlich von Newala sah ich eine Frau, die den Raum unter den Nägeln prophylaktisch mit Wurzelpulver ausstopfte. Ob es der Alten etwas nützen wird, wer weiß es.