Der Rest der vielen kleinen Hindernisse, die uns hier das Dasein erschweren, wirkt mehr komisch als ernsthaft. In Ermangelung von etwas anderem Rauchbaren greifen Knudsen und ich jetzt zu dem Inhalt einer vom Inder in Lindi bezogenen Zigarrenkiste. Diese ist sehr schön beklebt und aufgemacht, aber wehe dem Unglücklichen, der sich, wie wir, mit ihrem Inhalt befaßt! Ob diese schwelenden Giftnudeln Opium oder ein anderes Narkotikum enthalten, von uns beiden weiß es niemand zu sagen, denn nach dem zehnten Zuge sind wir beide „matt“; dreiviertel betäubt und hundeelend liegen dann Wiking und Deutscher in sich zusammengesunken da. Langsam erholt man sich — was geschieht? Nach einer halben Stunde greift man doch wieder zu dem scheußlichen Kraut; so unstillbar ist hier in den Tropen der Drang zum Rauchen!
Auch meine jetzigen Fieberanfälle sind kaum geeignet, noch ernst genommen zu werden. Ich habe ihrer hier in Newala nicht weniger als drei gehabt, aber alle mit unglaublich kurzem Verlauf. Emsig fragend, schreibend und notierend quäle ich mich mit meinen „Gelehrten“ herum, der starke Mittagskaffee hat die Lebensgeister mächtig angeregt; das Gehirn arbeitet außerordentlich intensiv, so daß die Arbeit rasch vorwärtsschreitet. Eine wohltuende Wärme durchrieselt den ganzen Körper, macht jedoch mit einem Male einem heftigen Kältegefühl Platz, das mich jetzt, beim wärmsten Sonnenschein, nachmittags 3½ Uhr, bereits zwingt, den Überzieher anzulegen. Jetzt arbeitet auch das Gehirn nicht mehr so scharf und logisch, besonders bei syntaktischen Feststellungen des schwierigen Imakuāni, der Sprache der Makua, an die ich mich zum Überfluß auch noch herangewagt habe. Da halte ich es denn doch allmählich für angezeigt, meine Temperatur zu messen, der Einfachheit halber gleich im Sitzen und ruhig weiterarbeitend; 38,6° ist das Ergebnis! Nun aber hinaus, meine Herren, heißt es im gleichen Augenblick! Wenige Minuten später steht mein Bett in der Barasa; unmittelbar darauf liege ich auch schon darin und beginne mich mit heißem Zitronenwasser innerlich zu behandeln. Drei Stunden später zeigt das Thermometer gegen 40°; ich lasse mich jetzt, beim Einsetzen des Abendwindes, mitsamt meinem Bett ins Zelt zurücktragen — würde ich meinen furchtbar schwitzenden Körper der eisigen Abendtemperatur aussetzen, so könnte das meinen Tod bedeuten —, liege dort noch eine kleine Weile und finde dann zu meiner Beruhigung, daß das Fieber nicht mehr steigt, sondern anfängt zurückzugehen. Das ist ungefähr 7½ Uhr; als ich kurz nach 8 Uhr noch einmal messe, ist die Kurve zu meinem maßlosen Erstaunen auf unter 37° heruntergegangen; mir ist absolut wohl; ich lese noch ein paar Stunden und könnte sehr wohl rauchen, wenn ich etwas Ordentliches hätte. Aber Inderzigarren? Pfui Teufel!
Wie ist so etwas denkbar? muß ich mich selbst als Laie fragen. Das kann doch unmöglich Malaria sein; näher liegt die Vermutung, daß diese rasch verlaufenden, hohen Fieberanfälle die Folge einer zu intensiven Sonnenbestrahlung sind, eine Art Insolationsfieber oder Sonnenstich. Wenn ich mein Fiebernotizbuch nachsehe, wird mir dies immer wahrscheinlicher, denn regelmäßig treten diese Anfälle im Anschluß an größere Strapazen und langen Aufenthalt in praller Sonne ein. Für mich haben diese kurzen Unpäßlichkeiten wenigstens das Gute, daß sie mich nur stundenweise von der Arbeit abhalten, denn am nächsten Morgen bin ich regelmäßig wieder vollkommen frisch und gesund.
Nicht so gut geht es leider meiner Perle von Koch und dem Knaben Moritz; jener leidet an einer ungeheuren Hydrozele, die ihm kaum erlaubt aufzustehen, Moritz aber hat Dunkelarrest wegen seiner entzündeten Augen. Leider versteht Knudsens Koch, ein bis vor wenig Wochen gänzlich unbeleckter Wilder von irgendwo aus dem Busch, noch weniger als mein Omari. Folge: Nils Knudsen ist selbst zum Koch avanciert. Er hat diese seine neue Tätigkeit sogleich mit einer großen Tat begonnen; da wir nichts Ordentliches mehr zu essen haben, hat er die vier von Matola erstandenen Ferkel, hübsch säuberlich in einen großen Tragkorb gepackt, von Chingulungulu heraufholen lassen und kaltblütig das größte von ihnen gemordet. Den ersten Schweinebraten haben wir leichtsinnigerweise doch Knudsens wildem Koch anvertraut; er war infolgedessen ungenießbar; den Rest des Tieres haben dann wir zu einem Gelee verarbeitet, das uns nach den langen Wochen der Unterernährung herrlich mundet und von dem wir mittags und abends geradezu fabelhafte Portionen vertilgen. Wenn nur nicht die ewigen Teltower Rübchen dabei wären! O du gesegnete Stadt auf märkischem Sande, wer hätte je geahnt, daß du so nachhaltig in die Ernährung eines stillen, deutschen Gelehrten eingreifen würdest! Dieser boshafte Dr. Jaeger! Er war ein Mann von Zeit und Muße; ihm halste daher die Landeskundliche Kommission die Besorgung aller Nahrungsmittel für seine und meine Expedition auf. Feierlich überweist mir eines schönen Tages in Daressalam der mit der Verpackung dieser Sachen betraute Handlungsbeflissene meinen Anteil. Seitdem leide ich unter einer ständigen Rübenfurcht; ich habe das Gericht an sich ganz gern, aber nur einmal im Jahre, ungern häufiger. Doch wie ergeht es mir hier? Ich trete an die Kiste heran, die gerade leergegessen werden muß; der Deckel fliegt hoch; ein Griff hinein, eine Konservenbüchse kommt zum Vorschein; ein Blick auf die Etikette: Teltower Rübchen. Puh! Die Dose verschwindet; ein zweiter Griff; dasselbe Ergebnis; ein dritter, nichts anderes. Nach langem Suchen erst kommt dann ein anderes Gemüse zutage; oder auch nicht, denn diese anderen sind allmählich zu Ende gegangen, nur die Teltower sind geblieben! „Denn helpt dat nich“, sage ich mit Fritz Reuter; aber zehn Jahre lang esse ich zu Hause keine Teltower mehr!
Bei all diesem kleinen Leid, das aber nun einmal dazu gehört, um Afrika schmackhaft zu machen, gibt es wenigstens ein erfreuliches Moment: Nils Knudsen hat mit der Geschicklichkeit eines Feinmechanikers meinen 9 × 12-Apparat wieder in Ordnung gebracht oder ihn doch wenigstens so weit wieder hergestellt, daß ich ihn mit einiger List gebrauchen kann. Wie der Mann ohne Fingernägel mit dieser kniffligen Arbeit hat fertig werden können, bei der er den ungemein komplizierten Momentverschluß nur mit Hilfe eines plumpen Schraubenziehers auseinandernehmen und wieder zusammensetzen mußte, ist mir noch heute schleierhaft, aber er hat es geschafft. Der Mangel an Fingernägeln hingegen zeigt den guten Nils von einer Seite, die mit seiner bei der Apparatreparatur bewiesenen Intelligenz merkwürdig kontrastiert, die andererseits allerdings auch aufs innigste mit seinem zehnjährigen Hinterwäldlertum zusammenhängt. Wäscht er da eines Tages in Lindi irgendeinen Köter. Dieser muß wohl eines schärferen Reinigungsmittels bedürftig gewesen sein, denn Nils hat ein Gefäß mitbekommen, dessen Inhalt stark und kräftig riecht. Gewissenhaft nimmt unser Freund die Reinigung vor, wundert sich ein wenig, daß sie dem Hunde sehr schlecht bekommt, ist dann aber sehr erstaunt darüber, daß ihm seine eigenen zehn Fingernägel im Laufe weniger Tage wegeitern. „Wie kann ich aber auch wissen, daß man Karbolineum verdünnen muß“, knurrt er oftmals noch jetzt entrüstet, wenn er seine schrecklich zugerichteten Fingerenden sorgenvoll mustert!
Weit und breit haben wir die Umgegend durchschweift, seitdem wir in Newala hausen; zunächst alter Gewohnheit gemäß, sodann aber, weil der Akide Sefu mit der Zusammenstellung seines Gelehrtenkollegiums durchaus nicht so rasch fertig geworden ist, wie er sich zuerst anheischig gemacht hatte. Aber das schadet weiter nicht, denn auch bloß von außen gesehen, sind Land und Leute interessant genug.
Das Makondeplateau gleicht einer großen, rechtwinkligen, an den Ecken abgerundeten Tafel; es ist, vom Indischen Ozean bis Newala gemessen, etwa 120 Kilometer lang und im Mittel zwischen dem Lukuledi und dem Rovuma gegen 80 Kilometer breit; es umfaßt also gegen zwei Drittel der Fläche des Königreichs Sachsen. Nun ist diese Fläche nicht horizontal, sondern von ihrem Südwestrande flach, aber ganz gleichmäßig gegen den Ozean hin geneigt. Von der Schwelle, auf der Newala liegt, kann man viele Meilen über den Makondebusch nach Osten und Nordosten schauen, ohne einem Hindernis zu begegnen; es ist ein grünes Meer, aus dem nur hie und da dichte Rauchwolken in langer Erstreckung emporwirbeln und -wallen, zum Zeichen dafür, daß auch hier Menschen wohnen und daß sie ihre Feldkultur ganz nach der Weise so vieler anderer Naturvölker vorwaltend auf die Verbrennung des niedergeschlagenen Holzbestandes gründen. Dessen Asche ist zugleich die einzige Düngung. Selbst am strahlend hellen Tropentag ist so ein Brand ein großartiges Schauspiel.
Ungleich weniger wirkungsvoll ist der Eindruck, den gegenwärtig die große Ebene vom Plateaurand aus erweckt. Sooft es mir meine Zeit gestattet, unternehme ich den kleinen Ausflug an diesen Rand, bald hierhin, bald dahin, stets in der stillen Hoffnung, endlich einmal eine klare Luft mit weiter Aussicht vorzufinden; immer aber vergebens: wohin man dort unten schaut, allerorten steigen Rauchwolken hoch, der lebhafteste Beweis für die unausgesetzte Tätigkeit des Waldbrennens; rauchig und dunstig ist auch die ganze Luft. Schade drum, das Panorama von hier bis weit hinten an die Madjedjeberge muß unter günstigeren Umständen wirklich großartig sein. Jetzt haben photographische Aufnahmen eigentlich kaum einen Zweck, die Profilzeichnung aber gibt nur einen sehr schwachen Begriff der ganzen Szenerie.
Bei einem dieser Ausflüge habe ich mich absichtlich selbst einmal am Makondebusch versucht. Der Plateaurand von heute ist das Ergebnis einer ungeheuer tiefgreifenden Zerstörung durch Erosion und Abrutschung; überall greifen kurze, aber Hunderte von Metern tiefe Täler in die Makondeschichten ein. Eine Folge des lockeren Gefüges dieser Formation ist es, daß nicht nur die Seitenwände dieser Täler fast senkrecht abstürzen, sondern daß die Täler auch mit einer ebenso steilen Rückwand enden; dergestalt ist der Westrand des Makondeplateaus von lauter Talkesseln umsäumt. Um von einer Seite eines solchen Kessels auf die andere zu gelangen, habe ich mich eines Tages mit einem Dutzend meiner Leute durch den Busch geschlagen. Es war eine sehr lichte Stelle, mit mehr Gras als Buschwuchs; aber welche Mühe hat dieser Weg von ein paar hundert Metern gekostet, und wie sahen wir alle nachher aus! Die dünnen Kattunstoffe meiner Leute in Fetzen, sie selbst aus hundert kleinen Wunden blutend; sogar unsere derben Khakistoffe hatten den Dornen dieser Vegetationsformation nicht standgehalten.