Negerpfad im Makondebusch. Gegend von Mahuta.
Meine seit langem gehegte Ansicht über die Entstehung dieses Makondebusches hat sich immer mehr befestigt: er ist ohne Zweifel kein Naturprodukt, sondern erst die Folge der menschlichen Kultur. Wohin der Mensch hier oben auf dem Hochland noch nicht mit Hacke und Axt gedrungen ist — ein halbwegs geübtes Auge sieht dies ohne weiteres —, da steht auch heute noch ein wirklicher, wunderschöner Hochwald, der den Vergleich mit unserem deutschen Mischwald sehr wohl aufzunehmen vermag. Wo der Mensch aber jemals seine Hütte gebaut und sein Feld beackert hat, da entsteht hinterher dieser gräßliche Busch. Geht man auch nur ein paar Stunden irgendwo auf dem Hochland die Barrabarra entlang, so hat man vollauf Gelegenheit, diese Metamorphose in jeder Phase ihrer Entwicklung zu verfolgen. Seitwärts tönt hallender Axthieb herüber, nicht bloß von einer Stelle, sondern über einen ganzen Komplex verteilt. Wenige Schritte weiter sieht der Wanderer, was vorgeht; wohl meterhoch und höher liegt das niedergeschlagene Unterholz geschichtet; zwischen ihm aber ragen als letzte Säulen alter Pracht die Stämme des Hochwaldes. Doch auch sie gewähren ein Bild des Jammers; der böse Makonde hat sie geringelt, d. h. er hat sie ringsherum in breitem Bande der Rinde beraubt, so daß sie dem Absterben verfallen sind; zudem hat er noch eine Reisigpyramide um sie aufgebaut. Unverdrossen hacken Vater und Sohn, Mutter und Schwiegersohn im Hintergrunde weiter; kaum daß das sonst so neugierige Volk nach dem weißen Fremdling aufschaut. Und kommt dieser Fremdling eine Woche später desselben Weges gezogen, verschwunden ist das Reisig, verschwunden sind die Pyramiden; eine dicke Aschenschicht lagert, wo vor kurzem noch grünender Wald sich breitete. Die starken Bäume aber recken ihre noch immer glimmenden, schwelenden Stämme und Äste in stummer Anklage zum Himmel, oder aber sie sind bereits niedergebrochen, mehr oder minder zu Asche verglüht und zeichnen sich dann als weißer Streifen auf dunklem Grunde ab.
Das ist der Zerstörungsprozeß, den der Makonde in gleicher Weise am jungfräulichen Urwalde wie auch an den Stellen seines Heimatlandes vornimmt, wo er vor Jahren schon einmal geackert hat, nur daß er im letztern Fall des Verbrennens der großen Bäume überhoben ist. Diese gibt es in der sekundären Buschformation nicht mehr.
In das gebrannte und mit der Hacke gelockerte Stück Waldland sät der Eingeborene sein Getreide, pflanzt er sein Gemüse. Im ganzen Lande hat er Beetkultur. Diese erfordert eine sorgsame Pflege, die ihr der Neger auch zuteil werden läßt; Unkraut wird im Süden Deutsch-Ostafrikas nicht geduldet. Mißernten kommen wohl im trockneren Tiefland vor, auf dem niederschlagreicheren, allmorgendlich taufeuchten Hochland sind sie ganz unbekannt. Dessen glückliche Bewohner sind sogar in der angenehmen Lage, die sonst so stolzen Yao und Makua von unten bei sich als Diener und Knechte zu sehen. Hunger tut weh, und so ziehen es die Angehörigen jener beiden Völkerschaften vor, einmal eine Zeitlang da den Diener zu spielen, wo sie sonst zu herrschen gewohnt sind.
Jedoch der leichte sandige Boden ist bald erschöpft, er würde bei einer nochmaligen Bestellung keine Ernte mehr ergeben. Dies weiß der Eingeborene seit Jahrtausenden; längst hat er vorgearbeitet und den Komplex nebenan mit Axt und Feuerbrand urbar gemacht. Auf ihn siedelt er nunmehr mit seinen mannigfachen Kulturen über; das alte Feld wird zur Brache. Doch nur ganz kurze Zeit liegt es wüst und greulich anzusehen da, dann kommt Allmutter Natur und nimmt ihr mißhandeltes Kind liebevoll in ihre Obhut; tausendfältig sprießt es allerorten aus dem ausgesogenen Boden hervor, selbst die alten Baumstrünke schlagen von neuem aus. Im nächsten Jahr ist der Neuwuchs bereits mehr als kniehoch; rasch wuchert er in die Höhe; nach wenigen Jahren schon ist er jener undurchdringliche, schreckliche Busch, der erst wieder fällt, wenn der schwarze Herr des Landes seinen Turnus beendigt hat und an die alte Stelle zurückkehrt.
Mit diesem Busch sind die Makonde mit Leib und Seele verwachsen, ja nach meinen Yaogewährsleuten bedeutet sogar ihr Name nichts anderes als Buschvolk. Nach ihrer eigenen Tradition sitzen die Makonde zwar schon seit langen, langen Zeiten hier oben, aber zu meiner Überraschung legten sie doch eine sehr starke Betonung auf eine ursprüngliche Einwanderung. Diese sei von Südosten, von der Rovumamündung und von Mikindani her erfolgt; der Anlaß dazu sei die ewige Beunruhigung ihrer friedlichen Vorfahren durch die kriegerischen Schirasi der Küste und die fortgesetzten Raubzüge der Sakalaven von Madagaskar herüber gewesen; vor diesen hätten sich die Ur-Makonde auf das unzugängliche Plateau zurückgezogen. Ich bin in der Völkerkunde Afrikas auf Grund einer 20jährigen Beschäftigung mit ihr sehr wohl bewandert, aber daß Bevölkerungsvorgänge in diesem so friedlich und ruhig erscheinenden Erdteile sogar durch von außen kommende Hochsee-Unternehmungen bedingt und veranlaßt worden seien, war mir doch im ersten Augenblick etwas vollkommen Neues. Es wird indessen schon seine Richtigkeit haben. Warum jedoch die Makonde gerade im dicksten Busch und weit vom Plateaurand ab wohnen müssen, und warum sie nicht an die rieselnden Quellen der Niederung selbst zu dauerndem Wohnsitz herniedersteigen dürfen, das lehrt aufs klarste ihre wunderhübsche Stammessage. Auch noch manch anderes Lehrreiche steht darin.
„Die Geburtslandschaft des Stammes, mit Namen Mahuta, ist auf der Südseite des Plateaus zum Rovuma hin gelegen; dort aber stand nur dichter Busch. Aus diesem Busch hervor ging ein Mensch, der sich niemals wusch und schor, der nur wenig aß und trank. Der ging aus und machte ein Menschenbildnis aus dem Holze eines Savannenbaumes, nahm es mit sich in seine Buschwohnung und stellte es dort aufrecht hin. Während der Nacht erwachte das Bildnis zum Leben, und es war ein Weib. Daraufhin gingen sie zusammen hinunter zu den Wassern des Rovuma, um sich zu waschen. Hier gebar das Weib ein Kind, welches jedoch nicht lebend zur Welt kam. Sie verließen das Land und zogen über die Hochländer bis in das Tal des Mbemkuru, wo sie sich niederließen. Dort gebar das Weib abermals ein Kind, das wiederum tot zur Welt kam. Daraufhin kehrten sie in die hochgelegene Buschlandschaft Mahuta zurück, und dort wurde das dritte Kind geboren, welches nach der Geburt am Leben und gesund blieb. Mit der Zeit zeugten sie noch viele, viele Kinder und hießen sich Wamatanda. Diese bildeten die Stammfamilie der Makonde, auch Wamakonde genannt, d. h. Urbewohner. Der Stammvater, der Buschmensch, aber gab seinen Kindern das Gesetz, daß sie ihre Toten aufrecht begraben sollen zum Andenken an die erste Mutter, die aus Holz geschnitzt und aufrecht stehend zum Leben erwacht sei; ferner warnte er seine Kinder, in die Täler und an die großen Wässer zu ziehen, denn dort wohne die Krankheit und der Tod. Als Regel solle gelten, daß mindestens eine Stunde Weges sei von der Hütte bis zum Wasserplatze; dann würden ihre Kinder gedeihen und von Krankheiten verschont bleiben.“
Die Urmutter.
Holzskulptur eines Makondekünstlers.
Die Erklärung des Namens Makonde lautet bei meinen Gewährsleuten etwas anders als bei Pater Adams, dessen kleinem, aber inhaltreichem Büchlein: „Lindi und sein Hinterland“ ich diese Stammessage der Makonde entnehme. Aber sonst stimmt mein Befund genau mit dem sachlichen Inhalt dieser Stammessage überein. Waschen? Hapana, gibt es nicht. Wozu auch? Zudem ist das Wasser spärlich und reicht kaum zum Kochen und Trinken; von den anderen tut es ja auch keiner; warum soll also gerade ich so unangenehm auffallen? Scheren aber ist bei dem kurzen, krauswolligen Haarwuchs kaum vonnöten; also auch dieser Vorschrift des Urahnen ist leicht zu folgen. Damit aber hört das, was uns lächerlich dünkt, auf. Von einer Reihe hiesiger Künstler habe ich eine ziemlich große Anzahl stattlicher, 40 bis 60 Zentimeter hoher Holzskulpturen erworben, die allesamt Frauen aus der großen Völkergruppe der Mavia, Makonde und Wamatambwe darstellen; die Figuren sind merkwürdig gut gearbeitet und geben den Frauentypus vortrefflich wieder, vor allem auch die später noch zu schildernde Verschönerung des Körpers mit Ziernarben. Über Zweck und Bedeutung ihrer Werke befragt, wußten die Künstler nichts Plausibles anzugeben, oder aber, was ich heute für wahrscheinlicher halte, sie wollten nicht. Also: