Was man sich nicht erklären kann,

Das sieht man als ’nen Fetisch an.

Ehrlich gestanden, ich habe diesen ins Ethnographische variierten alten Vers beim Empfang jener Figuren laut in den sonnendurchglühten Tropentag hinausgesprochen, aber ich habe wohlweislich nicht danach gehandelt. Einstweilen mußte ich mich mit der kargen Angabe eines der Künstler begnügen, die Figuren gäben lediglich das „nembo“ wieder, die Körperverunstaltung durch Lippen- und Ohrscheiben und Ziernarben. Mit der Adamsschen Sage jedoch rücken diese Figuren ohne weiteres in ein anderes Licht, sie sind doch mehr als zwecklose Kostümpuppen, ja man darf dreist annehmen, daß sie, wenn auch der Mehrzahl der heutigen Makonde unbewußt, Darstellungen jener Urmutter sind. Diesmal wäre der alte Vers also doch angebracht gewesen, denn die Urmutter gehört ebenso in den Kreis des hiesigen Eingeborenenkultus wie die Ahnen überhaupt.

Auf die Vorgeschichte des Volkes bezieht sich in der Stammessage unzweifelhaft zunächst der Hinweis auf den Abstieg von Mahuta hinunter zu den Wassern des Rovuma, sodann der andere auf die Wanderung über die Hochländer bis in das Tal des Mbemkuru; beide Wanderungen des Urelternpaares bedeuten in Wirklichkeit wohl Wanderungen des Volkes selbst. Der Abstieg in das nahe, an seinen Rändern außerordentlich fruchtbare und wildreiche Rovumatal ist ohne weiteres verständlich; doch auch das Überschreiten der Lukuledisenke, der Aufstieg zum Rondoplateau und der erneute Abstieg zum Mbemkuru liegen durchaus innerhalb des Bereichs der Wahrscheinlichkeit, denn alle diese Gebiete weisen genau dieselben Naturbedingungen auf wie der äußerste Süden.

Nun kommt aber etwas gerade für unser „bakterielles“ Zeitalter höchst Interessantes. Die Ur-Makonde sind in den sumpfigen Flußniederungen ihres Lebens nicht froh geworden, Krankheiten waren bei ihnen an der Tagesordnung, und viele starben; erst nachdem sie wieder nach Mahuta in die Heimat zurückgekehrt waren, besserte sich der Gesundheitszustand des Volkes. Wir sehen im Neger gern und mit Vorliebe den naturfremden und naturfürchtigen Dümmling, dem alles Ungemach von bösen Geistern und Naturgewalten herrührt. Viel richtiger wird es sein, hier anzunehmen, daß die Leute malariadurchseuchte und malariafreie Gebiete sehr bald haben unterscheiden lernen. Diese Erkenntnis schlägt sich dann nieder in der Warnung des Urvaters, nicht wieder in die Täler und an die großen Wässer zu ziehen, denn dort wohne die Krankheit und der Tod. Um aber auch gleichzeitig vor den bösen Mavia auf der Südseite des Rovuma gesichert zu sein, wird noch bestimmt, daß jede Siedelung um einen Minimalabstand von jenem Steilrand abliegen solle. So wohnen sie heute noch.

Sie wohnen so auch ganz gut, jedenfalls besser und geschützter als die Makua, die modernen Eindringlinge des Südens, die hier auf dem Westrande des Plateaus in ziemlich breiter Zone Fuß gefaßt haben. Von der Stattlichkeit der Yaohäuser unten in der Ebene und besonders in Massassi, Susa und Chingulungulu hat weder die Behausung der Makua, noch die der Makonde etwas an sich. Jumbe Chauro, ein an der Barrabarra nach Mahuta unweit Newala gelegener Makondeweiler, ist von allen mir bisher bekannten Siedelungen des Stammes noch der bei weitem stattlichste; seine Hütten sind auch recht geräumig. Doch wie ruppig ist ihre bauliche Ausführung gegenüber den fast eleganten Palästen der Elefantenjäger in der Ebene! Das Dach ist noch verwahrloster, als es in der Trockenzeit hier überall Usus ist; an den Wänden nur hie und da die kümmerlichen Anfänge oder die kläglichen Reste eines Lehmbewurfs; das Innere aber eine wahre Hundehütte; Schmutz, Staub und Unordnung überall; von Zimmereinteilung ist nur in wenigen Hütten etwas zu merken, und dann ist sie auch nur durch ganz liederlich zusammengeflickte Bambuswände hergestellt.

Nur in einem habe ich hier einen Fortschritt feststellen können, in der Methode des Hausverschlusses. Diese ist im ganzen Süden bei aller Einfachheit sinnreich; die Tür besteht stets aus derben Stangen von Bambus oder Holz, die mit dem uns schon bekannten Bindemittel des Baumbastes an zwei Querriegel gebunden werden; auch die Drehung um den einen Türpfosten erfolgt in zwei Schleifen, und zwar nach innen. Will der Bewohner sein Haus verlassen, so nimmt er zwei derbe Stangen her, oberarmdick und etwa 1,5 Meter lang. Die eine lehnt er von innen schräg gegen die Mitte der Tür, so daß sie einen Winkel von 60 bis 75 Grad mit dem Erdboden bildet; dann nimmt er die andere Stange, dreht sie horizontal und drückt sie mit aller Kraft auf die erste Stange hernieder. Dabei helfen ihm zwei andere kräftige Pfeiler, die in einigem Abstand einwärts von den Türpfosten stehen; sie sind das Widerlager für die Horizontalstange. Der Verschluß ist absolut sicher; nur läßt er sich natürlich nicht bei beiden Haustüren, der Vorder- und Hintertür, ausführen. Denn wie sollte der Besitzer sonst in das Haus hineingelangen? Ich bin aber einstweilen noch nicht über den Hintertürverschluß unterrichtet.

Der allgemein übliche Türverschluß.

Das ist also der Universalverschluß. Derjenige der Makonde von Jumbe Chauro ist viel feiner, gediegener und origineller. Auch hier ist in bezug auf die Tür alles wie sonst, nur steht an ihrer Innenseite ein einzelner Pfahl etwa 15 Zentimeter von der Türkante ab frei im Hüttenraum; in der Hüttenwand aber befindet sich an dieser Stelle ein Loch, gerade groß genug, um den Arm hindurch zu stecken. Der Tag ist heiß gewesen, nun aber will es Abend werden; still und verlassen liegt das Makondedörfchen im dichten Busch verborgen da. Es ist vollständig menschenleer, denn die ganze Einwohnerschaft ist zu Schmaus und scharfem Umtrunk ins Nachbardorf geladen. Jetzt nahen sich schlürfende Schritte, der Hausvater und die Seinen kehren zurück; sie sind zum nicht geringen Trost für alle diejenigen Blaßgesichter, die aller Abstinenzbewegung zum Trotz noch immer gern ihr Gläschen Bier genehmigen, in keiner anderen Verfassung, als man sich nach einer schweren Sitzung auch bei uns befindet. Nur singt der Makonde nicht; Africa non cantat; in dieser Beziehung wird er also nie ein guter Deutscher werden! Jetzt kommt das Knifflige. Der Negerpapa hat natürlich die Pflicht, das Haus zu öffnen. O ihr Göttinger Semester, wie klar steht ihr wieder vor meiner Seele mit eurem unermeßlichen Hausschlüssel, für den kein Schneider die Taschen groß genug machen konnte, für dessen Last selbst die hintere Hosenschnalle eigens verstärkt werden mußte! Größer als du, unerläßliches Requisit froher Scholarenzeit, ist das Format auch kaum, das der alte Neger aus irgendeinem Versteck zum Vorschein bringt, nur Gestalt und Material sind anders als am Leinestrand. Eisen ist eine plebejische Erfindung fremder, hergelaufener Völker, der Makonde bleibt nach wie vor beim Holz; und wirklich geschickt findet er sich damit ab: der Schlüssel ist ein etwa 30 Zentimeter langer, etwas geschweift gearbeiteter Stab mit abgesetztem Griff; der Bart hat drei derbe Zapfen, die gleich lang sind und in ein und derselben Ebene liegen. Etwas unsicher — auch wieder à la Göttingen — sucht Papa das Schlüsselloch, pardon, das Loch in der Wand. Das hat er vermöge seiner Größe bald entdeckt. Mit nicht unberechtigtem Stolz wagt er einen schüchternen Blick nach hinten, wo Mama, den unvermeidlichen Sprößling im Rückentuch, geduldig — sie ist ja heute mitschuldig — der Lösung des Problems harrt. Diese ist wirklich nicht ganz leicht, die Pombe war gut und der Tag war heiß; merkbar zittert die sonst so ruhige schwarze Hand, als der alte Herr beginnt, die Öffnung für den Schlüssel zu suchen. Schon hebt sich, einem Entenschnabel gleich, die siebenzentimetrige Lippenscheibe der holden Gattin zu scharfer Aufmunterung, da ist das große Werk endlich gelungen, das feine, rechteckige Loch in dem freistehenden Pfeiler ist gefunden; rack, rack, rack, ein dreimaliges rasches Heben und Senken des Schlüssels, schon zieht er einen langen Riegel hinter sich her und quer durch den Pfeiler hindurch. Dieser Riegel hatte mit seinem kolbenförmigen freien Ende sich fest gegen die Innenseite der Tür gestemmt, sie dadurch hermetisch verschließend; jetzt ist der kluge Neger gekommen, hat mit seinem Schlüssel im Innern jenes Pfeilers in senkrechten Nuten laufende Klötzchen gehoben und hat damit den Verschluß gelöst; leicht und frei gleitet der Riegel zurück.