Makua-Masewe in der Boma von Newala.
Fünfzehntes Kapitel.
„Und will sich nimmer erschöpfen und leeren.“
Newala, Anfang Oktober 1906.
Ein paar Tage lang hat es geschienen, als wolle unser deutscher Altweibersommer vom fernen Uleia aus uns hier oben einen Besuch abstatten, so frisch-kühl schien die Sonne auf Weiße und Schwarze hernieder, und so windstill war es um unsere Barasa. Jetzt aber umbraust wieder der altgewohnte eisige Novemberost die Boma von Newala, und geregnet hat es gerade am Michaelistage auch schon. Das muß wohl ein hierzulande allgemein verstandenes Signal für jung und alt gewesen sein, denn weder die unvermeidlichen Knaben belagern mich, noch kehren auch meine Gelehrten wieder. Erfreulicherweise habe ich die alten Herren im Laufe der letzten Wochen so auspressen können, daß ich schon jetzt, im unanfechtbaren Besitz einer Unsumme von Aufzeichnungen und Notizen, vollauf befriedigt von dannen pilgern könnte, hielten mich nicht die Sprachaufnahmen, in die ich mich nun einmal verbissen habe, noch für eine kurze Spanne zurück. Ganz unmöglich ist es, an dieser Stelle auch nur die knappste Skizze von dem zu geben, was ich, der nunmehr wissend Gewordene, von allen diesen mehr oder minder seltsamen Sitten und Gebräuchen in mein vor Glückseligkeit jauchzendes Gemüt aufgenommen habe. In amtlichen und nichtamtlichen Schriften, zu denen ich sicherlich die Muße manchen Semesters werde opfern müssen, ist der Platz für alle Einzelheiten; was ich hier bringen kann, darf und will, ist lediglich ein Hervorheben gerade dessen, was vermöge seiner Eigenart jeden Kulturmenschen fesseln kann und wohl auch wird.
Ein unbegrenztes Forschungsfeld sind die hiesigen Personennamen. Wo der Islam bereits Fuß gefaßt hat, herrscht auch die arabische Benennungsweise; da marschiert neben dem Makonde-Askari Saidi bin Mussa sein Kamerad vom Nyassasee Ali bin Pinga, und hinter dem Yaoträger Hamisi zieht Hassani aus Mkhutu seines Weges fürbaß. Bei den Binnenstämmen waltet als soziales Prinzip die Sippeneinteilung vor; daher tritt selbst noch zu dem Vornamen der zum Christentum Bekehrten der Name des Clans. Daudi (David) Machina nennt sich der schwarze Pastor von Chingulungulu, und Claudio Matola heißt der präsumtive Nachfolger Matolas I. und Matolas II. Über diese Namen des Innern gleich mehr.
Ebenso fesselnd wie die Namen selbst ist oftmals ihre Bedeutung; schon meine braven Träger haben mir in dieser Richtung manch fröhliche Minute verursacht; sie führen zum großen Teil auch gar zu drollige Bezeichnungen. Pesa mbili, Herr Zweipfennig in deutscher Währung, ist uns ebensowenig ein Fremder mehr wie seine Freunde Kofia tule, der lange Mann mit dem flachen Käppchen, Herr Kasi uleia, der Mann, der beim Europäer Arbeit nimmt, und Herr Mambo sasa, die „Sitte von heute“. Mambo sasa ist und bleibt für mich die lebendige Illustration zu meiner mitgenommenen Phonographenwalze aus der „Fledermaus“, die ihr „Das ist nun mal so Sitte“ wohl aus dieser Ideenassoziation heraus jetzt häufiger ertönen lassen muß als früher. Außer diesen Getreuen laufen unter meinen zwei Dutzend schwarzen Kameraden noch folgende Gentlemen herum: Herr Decke (Kinyamwesi: Bulingeti, verderbt aus dem englischen blanket); Herr Cigaretti (bedarf keines Kommentars); Herr Kamba uleia (keck, aber sehr frei übersetzt: du deutscher Strick); Herr Berg oder Hügel (Kilima), und die Herren Kompania und Kapella. Ins Seemännische fallen die Namen Maschua (Boot) und Meli (vom englischen mail, das Dampfboot); ins Arithmetische Herr Sechs (Sitta). Den würdigen Beschluß macht Mpenda kula, Herr Freßsack.
Den Namen der Binnenstämme fehlt der merkbare europäische Einschlag dieser Trägernamen, doch spaßig will uns auch hier mancher erscheinen. Ich bemerke dabei, daß diese Namen durchweg nicht die ersten sind, die ihren Träger zieren; wie sooft bei Naturvölkern, auch heute noch bei den Japanern, haben wir auch hier die Erscheinung, daß jeder einzelne im Anschluß an die erlangte und festlich begangene Mannbarkeit einen neuen Namen bekommt. Den hiesigen Eingeborenen ist die ursprüngliche Bedeutung dieses Wechsels nicht oder nicht mehr bekannt, doch geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß die neue Benennung auch einen neuen Menschen bedeutet; jede Erinnerung an den alten Adam ist damit ausgelöscht, der neue Mensch aber steht in ganz anderem verwandtschaftlichen Verhältnis zu seinen Angehörigen und Stammesgenossen als der frühere. Offiziell ist jeder erwachsene Yao, Makua, Makonde oder Matambwe berechtigt, sich als Pate anzubieten, doch erweckt mir die Mehrzahl der Namen den Eindruck, als seien sie in Wirklichkeit Spitznamen, die ihrem Träger gelegentlich aus dem Bekanntenkreis anfliegen; der Neger hat bekanntlich ein sehr feines Gefühl für die Schwächen und Blößen des anderen.
Chelikŏ́sue, Herr Ratte, ist uns von seinen Heldenliedern von Chingulungnlu her schon bekannt; zu ihm gehört der Namenklasse nach Chipembēre, Herr Nashorn. Dieser neigt zum Jähzorn wie jener Dickhäuter, daher sein Name. An die ursprüngliche Stammeszugehörigkeit, nämlich zu den Wandonde, erinnert der Name des alten Biervertilgers Akundonde. Der Sieger im Gefecht ist Chekamĕ́nya; Freude herrschte über die Geburt des Machīna; Makwenja rafft alles an sich; Chemduulăgá macht hingegen wenig aus sich, er ist die verkörperte Bescheidenheit. Ebenso ist Mkotima ein ruhiger Mann; Siliwindi ist nach dem gleichnamigen guten Sänger unter den Vögeln des Landes genannt; Mkokora endlich trägt den Schmutz mit den Händen weg.
Das sind Wayao-Männernamen. Von den Frauennamen dieses Stammes will ich nur folgende hervorheben: Frau Chemā́laga; sie ist ganz allein zurückgeblieben, alle ihre Angehörigen sind gestorben; Frau Chechelajēro, die es immer schwer hat; Frau Chetulāye, die schlecht lebt, und schließlich Chewaŏ́pe, sie ist dein.