Die Personennamen der übrigen Völker sind im großen ganzen desselben Charakters: Kunanyupu, Herr Gnu, ist ein alter Makua, der nach seiner eigenen Aussage in seiner Jugend viele Gnus erlegt hat; Nantiaka ist der Don Juan, der von einer zur andern flattert. Geistesverwandt ist Ntindinganya, der Spaßvogel, der anderen in die Schuhe schiebt, was er selber ausgeführt hat; Linyongonyo ist der Schwächling ohne Kraft, Nyopa aber der Ehrgeizige, der danach strebt, daß andere ihn fürchten; Madriga ist der Betrübte, der Hypochonder; Dambuala der Faule.
Unter den Frauen ist Aluenenge die Selbstbewußte; ihr Herr und Gebieter hat sich zwar noch ein zweites Weib genommen, aber bei der wird er, das weiß Aluenenge ganz bestimmt, nicht bleiben, sondern reuevoll zu ihr zurückkehren. Weit weniger glücklich ist Nantupuli dran; sie läuft in der Welt herum, bekommt aber nichts, weder einen Mann, noch sonst etwas. Wieder zur Kategorie der Unglücklichen gehören dann Atupimiri und Achinaga; jene besitzt einen Mann, der wenig seßhaft ist; immer ist er auswärts, nur von Zeit zu Zeit kommt er, um seine Frau zu „messen“, d. h. zu sehen, ob sie sich gut oder schlecht beträgt. Achinagas Mann aber ist stets krank und kann nicht arbeiten; so muß sie alles allein machen. Eine Pesa mbili gibt es auch unter den Makondefrauen; „früher stand ich hoch,“ so besagt der Name, „in der Wertschätzung der Männer, jetzt aber bin ich nur noch zwei Pesa wert; ich bin alt geworden.“ Schönheit steht eben auch beim Neger im Preise.
Ein sehr dankbares, aber auch recht schwierig zu beackerndes Forschungsfeld ist für mich allerorten die Feststellung der Gebräuche, die den einzelnen in seinem Dasein von der Wiege bis zum Grabe begleiten.
In der mütterlichen Hütte ist das kleine Negerkind, das noch gar nicht schwarz, sondern ebenso rosig aussieht wie unsere Neugeborenen, zur Welt gekommen; der Herr Vater ist weit vom Schuß; ihn haben die weisen Frauen beizeiten gehen heißen. Säuberlich wird das Baby gewaschen und in ein Stück neuen Rindenstoffes gewickelt. Dabei salbt man seine Ohren mit Öl, damit es hören soll; das Bändchen unter der Zunge aber löst man mit dem landesüblichen Rasiermesser, damit es sprechen lerne. Knaben werden wie überall gern gesehen; in bezug auf Mädchen verhalten sich die Stämme und, genau wie bei uns, auch die einzelnen Familien verschieden. In der Völkerkunde ist oft zu lesen, daß die Naturvölker die Geburt von Mädchen aus rein mammonistischen Gründen freudig begrüßten, brächten doch die erwachsenen Mädchen dem Elternpaar bei der Heirat den Kaufpreis ein. Bis zu einem gewissen Grade mögen derartige Momente auch hierzulande mitspielen, im allgemeinen aber sind Mädchen schon deswegen gern gesehen, weil sie der Mutter bei den mannigfachen Arbeiten in Haus und Feld frühzeitig an die Hand gehen können. Nach ihrer Verheiratung wird der Herr Schwiegersohn zudem zum treuesten, unentgeltlichen Diener des mütterlichen Hauses. Hier, im Lande der Exogamie, der Außenehe, siedelt nämlich die junge Frau nicht mit in das Heim des Ehemannes über, sie tritt auch nicht in seine Verwandtschaft hinein, sondern gerade umgekehrt: der Mann verläßt Vater und Mutter und zieht entweder direkt ins schwiegermütterliche Haus oder baut sich doch unmittelbar daneben an; in jedem Fall aber sorgt er, bis seine eigenen Familienumstände es anders bedingen, mit voller Kraft jahrelang für die Erhaltung des schwiegermütterlichen Anwesens; er besorgt die Aussaat und die Ernte, macht neue Felder urbar, kurz, er sieht der Schwiegermama jeden Wunsch an den Augen ab. Er trägt sie auf Händen.
Makuafrauen.
O, wie habe ich mich geschämt, sooft das Gespräch sich mit diesem und so manchem anderen Punkt des hiesigen Volkstums befaßte. Sind das nun Wilde, oder sind wir es? Blitzschnell genieße ich rückschauend 20, 30 Jahrgänge der „Fliegenden“ und noch einiger anderer Witzblätter; unsere Bilanz wird immer schlechter, immer passiver. Ich mit meinem flüchtigen Durchstreifen des Landes kann es ja nicht wissen, aber Knudsen, dieser vollkommen Eingelebte, mit der Denk- und Handlungsweise der Leute vollkommen Vertraute, bestätigt mir, sooft ich will, daß nicht nur das Verhältnis vom Schwiegersohn zur Schwiegermutter als geradezu ideal zu bezeichnen ist, sondern daß auch sonst das Benehmen der Jugend dem Alter gegenüber das Prädikat „musterhaft“ bekommen muß. Wir Angehörigen der höchsten Kulturschicht, oder, nach bei uns allgemein geteilter Ansicht, der Kulturschicht schlechthin, verbringen unser halbes Leben in den Erziehungsanstalten der verschiedensten Arten und Grade: das Endergebnis legt uns dann die Statistik dar: 0,x% Analphabeten in diesem Staat, 0,y% in dem benachbarten Reich, z% weiter im Osten, gegen Halbasien zu. Wir stehen natürlich obenan, denn wir haben ja den geringsten Prozentsatz. Du lieber Gott, wer Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören, der höre und schaue, aus wie wenig ethischem Empfinden und wieviel Rüpelei sich die Lebensbetätigung gerade unserer Kulturnationen zusammensetzt. Ich werde mich hüten, gegen unseren Unterricht und gegen unsere Schule etwas zu sagen, ich bin ja selber eine Art Schulmeister, aber bedenklich muß es doch stimmen, sehen zu müssen, wie wurmstichig so viele unserer Früchte trotz aller auf sie verwandten Sorgfalt sind, und wie ethisch gesund dagegen das Volkstum dieser Barbaren uns entgegentritt. Und das alles lediglich auf Grund eines Unterrichts von ganzen drei oder vier Monaten, eines Unterrichts zudem durch Lehrer, die weder eine Schule durchlaufen, noch sonst studiert haben!
Zwillingen gegenüber verhalten sich die hiesigen Völkerschaften verschieden; bei den Yao werden sie mit ungeteilter Freude begrüßt, bei den Makonde hingegen sieht man in ihrer Geburt etwas Schreckliches, das man für die Zukunft mit Hilfe von allerlei Medizinen abzuwenden sucht. Doch auch hier sind die Eltern nicht grausam genug, die einmal Geborenen umzubringen; man läßt sie am Leben und behandelt sie genau wie bei den Yao, d. h. man kleidet sie stets ganz gleich. Würde man von diesem Grundsatz abweichen, so würde unfehlbar eins der beiden Kinder sterben, so sagen die Leute.
Kindertragart bei den Negermüttern. Nach einer Zeichnung des Pesa mbili (s. [S. 450]).