Das erste Lebensjahr verfließt dem kleinen Negerkind in innigster Gemeinschaft mit der Mutter. Sie und ihr Neugeborenes zeigen sich schon nach einem Wochenbett von nur wenigen Tagen auf einem ersten Ausgang dem Volke, das, nicht anders als bei uns, den neuen kleinen Weltbürger gebührend bewundert. Wie ein Klümpchen Unglück hockt es in einem großen, bunten Tuch, das den Oberkörper der Mutter fast ganz umschließt. Meist hängt der Sack für die Aufnahme des Kindes auf dem Rücken, fast ebenso häufig aber schwenkt die Mutter Sack und Baby auf eine der Hüften herüber. Naht sodann die Zeit der Nahrungsaufnahme für das Kind, so werden beide nach vorn befördert. Nichts macht auf mich so sehr den Eindruck des Armen und Primitiven als gerade diese Art der Kinderwartung: kein Wechsel der Wäsche bei Mutter und Kind, denn es ist kein Ersatz vorhanden; kein Trockenlegen, kein Einpudern, keine Windel, kein regelmäßiges Baden von den Tagen des Wochenbettes ab, keine Hygiene des Mundes. Dafür wundgefressene Körperstellen bei fast jedem Kinde, besonders in den Gelenkbeugen und der Analfalte; verheilende Schorfe, wo trotz der Vernachlässigung des Körpers die Natur den Sieg davonträgt; ziemlich allgemein tränende, trübe Augen infolge der ewigen Fliegenattacken; vereinzelt schließlich Schwämme und Pilze in so furchtbarem Maße, daß sie den Unglückswürmern direkt aus Nase und Mund herausquellen!
Ich bin vor einer halben Stunde ins Negerdorf gekommen; die Männer und Knaben sind nach zwei Minuten bereits zur Stelle gewesen, die Frauen kommen langsamer; die kleineren Mädchen bleiben merkwürdigerweise ganz aus. Ganz wie bei uns hat sich die Frauenwelt schleunigst zu einem dichten Klumpen zusammengeballt. Zunächst herrscht noch scheue Stille; kaum aber hat man sich an den Anblick des Weißen gewöhnt, da plappert es auch schon, selbst den riesigsten Lippenscheiben zum Trotz, in allen Tonarten. Mindestens die Hälfte aller Weiber ist babybehaftet, doch wie weit ist hier dieser Begriff zu dehnen! Wahre Riesen, von zwei, ja von vielleicht drei Jahren gar, räkeln sich auf den schmächtigen Hüften der immerhin zarten Mama herum, oder unternehmen einen mit furchtbarem Ungestüm durchgeführten Angriff auf den mütterlichen Born. Es scheint, als wenn gerade meine photographischen Apparate zu diesen Angriffen reizten: wie auf Verabredung schnellt die ganze kleine, schwarze Schar genau in dem Augenblick um die mütterlichen Hüfte herum, wo ich auf den Ball drücke. So weit ist dies alles ganz lustig und gibt zu vielen Heiterkeitsausbrüchen Anlaß; zu unbändiger Heiterkeit jedoch steigert sich diese Lust bei uns beiden schlechten Europäern, wenn bald hie, bald da die Mütter ganz plötzlich mit der Hand energisch am Oberschenkel entlang fahren und rasche Schleuderbewegungen vollführen. Das ist die Folge der Windellosigkeit, die sich hier geltend macht; auch ein kleines Negerkind ist von Hause aus nicht stubenrein! Wir Europäer haben gut lachen; verständiger, menschenfreundlicher und edler würde es sein, wenn Regierung und Mission sich verbünden würden, um, weniger durch ärztliche Tätigkeit, die immer nur lokal beschränkt sein kann, als durch eine im großen Maßstabe durchgeführte Erziehung der Mütter zu den einfachsten Grundregeln der Hygiene und Reinlichkeit diesen schauderhaften Zuständen ein Ende zu bereiten. Es gilt in erster Linie jener schrecklichen Kindersterblichkeit vorzubeugen, die nach allem, was ich sehe und höre, die Hauptursache für die geringe Volksvermehrung ist.
Die weitere Negerkindheit verläuft nicht viel anders als unsere eigene verlaufen ist; die kleinen Jungen rotten sich zu Trupps zusammen, die in Dorf und Pori ihre Spiele treiben; das kleine Mädchen aber fängt sehr bald an, die Mutter durch kleine Hilfeleistungen in Haus und Feld zu unterstützen.
Anwendung des Wurfstocks.
Mit außerordentlicher Beharrlichkeit bin ich, wo immer ich hier meine Sammeltätigkeit betrieben habe, auf die Zusammentragung aller im Lande vorkommenden Spiele und Spielsachen versessen gewesen. Mit dem Kinderspiel hat es eine eigene Bewandtnis; das Kind ist vom ersten Tage seines Daseins an überall dabei, wo etwas los ist; wiegt sich die Mutter im Reigentanz, das Baby im Tragsack macht jede Bewegung mit; sozusagen instinktiv lernt es auf diese Weise tanzen. Denn wenn es sich später auf die eigenen kleinen Füße stellt, macht es mit derselben Sicherheit mit, wie ein eben aus dem Ei geschlüpftes Rebhuhn seiner Nahrung nachgeht. Ob das Negerkind über diese Tanzvergnügungen hinaus eigentliche Gesellschaftsspiele besitzt, kann ich nicht sagen; gesehen habe ich bis jetzt nichts davon, man müßte sonst die Virtuosität im Händeklatschen dazu rechnen, das mit seinem ansprechenden Rhythmus und, fast möchte man sagen, seinem Melodienreichtum auch hier zu Hause ist. Sonst scheint jedes Kind auf sich selbst angewiesen zu sein, wenigstens was sein Spielzeug anbelangt. Für den Knaben ist zunächst Bogen und Pfeil unerläßlich; hätte ich alle diejenigen Kinderbogen aufkaufen wollen, die mir angeboten worden sind, es wäre eine kleine Schiffslast geworden. Den Charakter des Überbleibsels verleugnet die Waffe gleichwohl auch hier in Afrika nicht, ihre Beschränkung auf das Kind läßt sich vielmehr vollkommen in Parallele mit unserem Flitzbogen bringen; auch sie ist heute kein ernsthaftes Kriegsgerät mehr, sondern vorwaltend Spielzeug und höchstens Jagdgerät. Dem entspricht es vollständig, wenn die Kunst des Bogenschießens bei den Erwachsenen ebenso schlecht ist wie bei den Kleinen, und umgekehrt. Wo das Gewehr einmal seinen Einzug gehalten hat, erfreuen sich primitivere Waffen keiner Wertschätzung mehr.
Anwendung der Wurfschlinge.
Das Zusammenbringen einer ethnographischen Sammlung ist hierzulande nicht leicht; die Leute bequemen sich erst mehr infolge meiner sehr entschiedenen Haltung als im Hinblick auf meine Hellersäcke zur Einlieferung von allerlei Krimskrams; um wertvollere Besitzkategorien zu erhalten, wie die größeren Stücke des Hausrats, Masken und andere Kunstwerke, muß ich sogar häufig zu dem kleinen Gewaltmittel greifen, den betreffenden Dorf-Jumben für die Ablieferung der Stücke moralisch verantwortlich zu machen. Und dabei bekommen die Leute jedes Stück gut bezahlt. Wie außerordentlich schwierig aber erst das Zusammentragen gerade der Spielsachen ist, davon macht man sich zu Hause gar keinen Begriff. Ich habe folgende Erklärung dafür. Käme z. B. ein japanischer Ethnograph im Herbst nach Deutschland, so würde es ihm ein Leichtes sein, eine ungeheuere Sammlung von Kinderdrachen anzulegen; den Kreisel aber, um irgendein anderes unserer typischen Kinderspielzeuge herauszugreifen, würde er zweifellos erst auf seine bestimmte Nachfrage hin bekommen und registrieren können. Ganz so ist es auch hier; jedes Ding hat seine Zeit, und vor allem jedes Spielding. Ich habe nach dieser Erkenntnis überall kurzen Prozeß gemacht und einfach vor versammeltem Volk ein ganzes Kolleg über alle Spielsachen der Menschheit gehalten: „Habt ihr dies und habt ihr das, so bringt’s mal schleunigst her.“ In vielen Fällen reicht weder die Sprache noch der Dolmetscher aus, dann muß die Geste das fehlende Wort ersetzen. Mit welch verblüffendem Erfolg habe ich eines Tags in Chingulungulu erlebt, wo auf meine kühne Schleuderbewegung hin Salim Matola, der Vielgewandte, nach kurzer Zeit mit zwei merkwürdigen Dingen erschien, die sich auf Grund des von ihm sofort vorgeführten Gebrauchs als ein veritabler Wurfstock und als eine Wurfschlinge, als ein Amentum, herausstellten. Ich habe nur selten so das Gefühl eines vollen Erfolges gehabt, wie in diesem Augenblick; Wurfstock und Wurfschlinge im ethnographisch so öden Osten von Ostafrika, wer hätte das je ahnen können! Jener ist ein Gerät, das keinen anderen Zweck verfolgt, als den Unterarm beim Speer- oder Steinwurf zu verlängern, er stellt sich also, physikalisch gesprochen, als die Verlängerung eines Hebelarms dar. Seinen Hauptverbreitungsbezirk hat der Wurfstock in Australien, in einigen Teilen der westlichen Südsee, bei den Hyperboräern und hie und da in Amerika; der Neger hatte nach unserer bisherigen Kenntnis diese Erfindung nicht gemacht. Die Wurfschlinge verfolgt genau denselben Zweck der Verlängerung des Hebels, nur daß Speer oder Stein bei ihr nicht mit dem Einsatzhaken des Stockes oder Brettes fortgeschleudert werden, sondern mittels einer Schnur, die auf der Zeigefingerwurzel befestigt wird, während sich das freie Ende um das Wurfobjekt schlingt. Wirft der Krieger den Arm nach vorn, so entfernt sich die Waffe vermöge der Fliehkraft von der Hand, rollt dabei aus der Schnurumwicklung heraus und saust mit großer Anfangsgeschwindigkeit davon.