Beim Naturaspiel.
Natura.
Wo solche Altertümer vorkommen, so habe ich damals gedacht, da wird auch manches andere noch zu finden sein. Diese Erwartung hat sich tatsächlich auch erfüllt, indessen habe ich doch vorher noch einen wahren Kampf mit dem Überfluß an einem anderen Spielzeug durchfechten müssen. Eines Tages fiel in dem erwähnten Kolleg die Geste des Peitschens über die Erde hin; diesmal war sie richtig verstanden worden, denn von da an hat mich die Negerjugend mit Kreiseln förmlich überschüttet. Nicht weniger als vier Arten sind hier im Gange: eine genau unserem europäischen Kegelkreisel entsprechende, die auch, wie unser Kreisel, mit der Peitsche angetrieben wird; eine andere, wo auf einen kurzen, derben Holzstift als Rotationsachse ein rundes oder quadratisches Stück Flaschenkürbis geschoben ist; eine dritte, wo unter diese fünfmarkstückgroße Scheibe noch eine kleinere geschoben ist, um den Schwerpunkt zu erhöhen; schließlich eine sehr komplizierte Maschine, die in der Wirkung vollständig unserem Singkreisel entspricht. Nr. 2 und 3 bedürfen keiner Peitsche, werden vielmehr mit Daumen und Mittelfinger angetrieben, Nr. 4 hingegen benötigt eines Abzugsrahmens in Gestalt eines der Länge nach durchbohrten Stückes von einem ausgesogenen Maiskolben, durch den die Abzugsschnur schnell zurückgezogen wird. Wie so vieles andere, wird dem jungen Neger im übrigen auch dieses Kreiseln nicht ganz leicht gemacht, da der weiche, sandige Boden das Spiel in hohem Maße erschwert; gleichwohl sind die kleinen Kerle wahre Künstler auf dem Gebiet.
Kreiselspiel.
Ganz unselbständig ist die Jugend auf dem Gebiete der Musik; ob sie auf der „Sese“, dem geigenartigen Monochord, fiedelt, oder die „Ulimba“, die afrikanische Universalklimper, mißhandelt, jenes kastenartige Gerät, auf dessen Oberfläche sieben hölzerne oder eiserne Tasten angebracht sind, die mit den Fingerspitzen geschlagen werden; ob sie das Mgoromondo, jenes vorsintflutliche Xylophon, bei dem die Tasten auf einem Strohlager ruhen, mit flinken Stäbchen hämmert, oder das „Lugombo“, jenes weit über Ost- und Südafrika verbreitete Bogeninstrument, bei dem die Sehne den durch einen Flaschenkürbis als Resonanz verstärkten Ton gibt, stets sind diese Instrumente mehr oder minder plumpe Nachahmungen des Instrumentariums der Großen. Selbständig ist nur die „Natura“, ein Waldteufel. Dieser besteht aus einem der Quere nach halbierten Flaschenkürbis oder einer halben Baobabfrucht, die mit feiner Tierhaut trommelartig überspannt ist. Von der Mitte der Membran geht ein Grashalm durch das Gefäß, aus dem er weiterhin noch weit nach unten hängt. Ohne Unterlaß fahren die kleinen Schlingel mit angefeuchtetem Daumen und Zeigefinger an dem Halm hernieder; vor den furchtbaren Tönen aber ergreifen selbst meine sonst nicht nervösen Träger die Flucht!
Die Jugend hat nicht nur die Fähigkeit, alte Kulturreste Jahrtausende hindurch zu bewahren, sondern auch den Vorzug, für Fremdes, Neues empfänglicher zu sein als das Alter.
In ihrer Hütte sitzt Akalingēne, die Makuafrau. Ihr Name besagt, daß sie den anderen Frauen des Stammes nicht gleich ist; sie ist viel kräftiger und runder, mit einem Wort viel schöner als die anderen. Das heißt, so war es einmal, damals, als sie noch die runden, braunen Glieder in jugendlicher Lust zur Ngoma wiegte und als sich die Blicke ihrer hübschen, braunen Augen über dem von Monat zu Monat wachsenden Pelele hinweg immer häufiger mit denen des jungen Mitaba trafen. Das ist nun lange her; ihre Formen sind nicht mehr rund und schwellend, die Brust hängt welk herab, eine Folge der vielen Sprößlinge und unausgesetzter Arbeit; auch das Pelele steht nicht mehr keck und stolz in die Weite, sondern legt sich über den Mund wie ein Vorhängeschloß. Akalingēne ist nicht allein; ihr gegenüber am lustig flackernden Herdfeuer kauert ein junges Ding, ihre Tochter; von allen den vielen Mädchen, die sie Mitaba geboren, ist es die einzig Überlebende; die anderen sind schon in früher Jugend dahingerafft worden; die Söhne aber haben längst die mütterliche Hütte verlassen, haben sich ein Weib genommen und sind zu diesem in ferne Gegenden gezogen. Auch Mitaba weilt nicht mehr unter den Lebenden. Sein Name bedeutete nicht umsonst „der Seßhafte“; er war gesetzt und ruhig und baute seinen Mais und seine Hirse an. Nur einmal hat ihn das den Makua eigene Jagdfieber gepackt; da ist er mitgezogen mit den anderen und nicht wieder gekommen; das angeschossene, wütend gewordene Rüsseltier, der Elefant, hat ihn, den Ungeschickten, Ungelenken, angenommen, den vor Schreck Erstarrten in die Höhe geworfen und dann zertrampelt. Nun ist Chimlipa die Freude ihrer Augen und der Trost ihres Alters, ihr junger Schwiegersohn nämlich, der die Tochter erst vor kurzem gefreit. Beide Eheleute zählen noch nicht viele Lenze, und beide sind erst vor wenig Jahren in die Zahl der Erwachsenen aufgenommen worden.
Chimlipa ist ein braver Bursche; noch zuvorkommender als die Schwiegersöhne ihrer Freundinnen sieht er Akalingene alle Wünsche von den Augen ab; nur etwas wild und unternehmungslustig ist er, und das beunruhigt sie heute mehr als je; mit einem Dutzend gleichgesinnter Altersgenossen — wer miteinander das Unyago durchlaufen hat, bleibt untereinander befreundet sein Leben lang — ist er gestern früh noch vor Tagesanbruch auf die Elefantenjagd gezogen, und noch ist keine Kunde von dem Ausgang des gefährlichen Unternehmens eingegangen. Das Abendgericht, ein heute besonders schmackhaft zubereiteter Ugali, ist längst übergar und nur noch schwer zu halten. Immer unruhiger, doch in beharrlichem Schweigen, schauen die beiden Frauen nach der hermetisch verschlossenen Tür; gut verschlossen muß sie sein, so will es der Brauch der Makua, sonst widerfährt dem Jäger ein Unglück, auch sprechen dürfen die Frauen aus dem gleichen Grunde nur das Allernotwendigste. Rrrrrrrrrr bum, ein kurzer, rascher Wirbel von der Hüttenwand her, wo ein Gerät von merkwürdiger Form mit den üblichen Bastschnüren an den rohen Pfählen befestigt ist. Wie elektrisiert sind beide emporgesprungen, schon hat Akalingene ihr scheibenverziertes Ohr in unmittelbare Nähe jenes rätselhaften Gegenstandes gebracht, ein freudiges Grinsen verlängert ihren welken Mund bis fast an beide Ohren, selbst das sonst so konsequent herniederhängende Pelele fällt in seine Jugendgewohnheit zurück und richtet sich so freudig zitternd nach oben, daß der verbogene Oberkiefer und der Zaun der einst so schönen, weißen Zähne in seiner heutigen ganzen Ruinenhaftigkeit der aufgeregt danebenstehenden Tochter im flackernden Dämmerlicht des engen Hüttenraumes entgegenstarrt. Doch schon ändert sich die Szene; Akalingene hat den glatt rasierten, langen, schmalen Kopf gedreht und spricht mit einem Eifer und einer Zungenfertigkeit, die bei der Größe ihres Oberlippeneinsatzes selbst die Tochter erstaunen macht, nun ihrerseits in den Apparat hinein. Endlich aber versiegt auch dieser Redestrom, ein kurzes „bass, Schluß“ — hoch aufatmend wendet sich die Mutter der Tochter zu.