Ikoma-Tanz beim Mädchen-Unyago in Akuchikomu.


GRÖSSERES BILD

Am Xylophon Mgoromondo (s. [S. 351]).

Erst jetzt, im Zwiegespräch der beiden, wird uns Lauschern an der Wand des Rätsels Lösung: Chimlipa hat über Verlauf und glücklichen Ausgang des beschwerlichen Jagdzuges auf dem neuesten Wege Bericht erstattet; er hat dazu den „Sim“ benutzt, wie es die Küstenleute nennen, eine feine Schnur, die in jener kleinen Trommel an der Wand anfängt und weithin durch das schweigende Pori sein Haus mit vielen Dörfern im ganzen weiten Rovumalande verbindet. Es ist aber auch zu drollig: hält man, wenn jenes kurze Trommelzeichen ertönt ist, das Ohr an die feine Haut, die Chimlipa einem Litotwe, jenem kaninchengroßen Nagetier mit dem unglaublich langen Rüssel, entnommen und über die kleine Trommel gespannt hat, dann kann man ganz klar und vernehmlich die Stimme des braven Schwiegersohnes vernehmen und sogar seine Worte verstehen! Diese waren heute so fröhlich und so stolz, hatte der junge Jäger doch seinen ersten großen Elefanten mit mächtigen Stoßzähnen erlegt, daß Akalingene nicht anders konnte: sie mußte ihm eine lange Glückwunschrede halten. Auch er hat sie verstanden, wie seine letzten Worte bezeugten. Die großen Zähne werden aber auch viel Geld einbringen beim Bwana kubwa unten in Lindi, und dann wird Chimlipa ihnen beiden, der Schwiegermutter und der jungen hübschen Frau, der das Pelele so reizend steht, viel schönes, buntes Zeug mitbringen; und schöne, schwere, dicke, massive Messingringe wird er beim Fundi kaufen, und ihre Haare wird er mit schönen, bunten Strohkämmen schmücken. Wird das ein Leben werden!

Hätte ich die Gestaltungsgabe eines Jules Verne und die Phantasie eines Dichters, so möchte mich dieses kleine Stimmungsbild leicht zu weiteren Ausblicken und Träumen verleiten können; so bin ich aber ein nüchtern und real denkender Museumsmann und ein ernsthafter Professor noch dazu, und dem wird die Rückkehr in die rauhe Wirklichkeit nicht schwer. Die Telephonszene könnte sich, wie die Dinge liegen, sehr wohl einmal auf Afrikas Boden abspielen, denn im wesentlichen, wenn auch nur embryonenhaft, sind die Vorbedingungen erfüllt: die Neger hier haben das Telephon, und ich besitze sogar zwei wundernette Exemplare in meiner Sammlung. Der Kampf um eine der Grundfragen der ganzen Völkerkunde überhaupt, ob die auffälligen Übereinstimmungen im Kulturbesitz der Menschheit an räumlich ganz unabhängigen Erdstellen auf einer gleichen psychischen und intellektuellen Veranlagung beruhen, oder ob sie auf Entlehnung von einem Verbreitungsbezirk zum andern zurückzuführen sind, ist bezüglich unseres technisch so hochstehenden Fernsprechers wohl gegenstandslos; kein Mensch wird annehmen, daß der Makua- oder Yaojunge die Sprechmaschine unabhängig von Philipp Reis und Alexander Graham Bell, oder wohl gar noch vor ihnen beiden erfunden hätte, hier liegt ganz unzweideutig Entlehnung vor. Doch auch wie die Negerjugend sich mit dieser Entlehnung abgefunden hat, ist nicht ohne kulturhistorisches Interesse.

Denken Sie sich zwei Miniaturtrommeln, wie ihre großen Vorbilder natürlich schön geschnitzt; beide mit sehr seiner Tierhaut überspannt; in deren Mitte ein feines Loch, in dem Loch eine ebenso feine Schnur, durch einen Knoten auf der Innenseite am Durchgleiten durch die Membran gehindert. Zweifelnd habe ich mir das Ding angeschaut; es ernsthaft zu nehmen, ist mir zunächst gar nicht in den Sinn gekommen. Da endlich einmal eine freie Viertelstunde; ich drücke Knudsen das eine Trommelchen in die Hand und jage ihn davon, bis die wohl 100 Meter lange Schnur straff gespannt ist; ich halte die Membran ans Ohr: „Guten Tag, Herr Professor, hören Sie was?“ höre ich es auch schon klar und vernehmlich aus der kleinen Wundertrommel herausklingen. Also das Ding geht wirklich, fehlt also nur, daß wir die Geschichte ausbauen und uns keck und kühn mit der Küste und dem Kulturzentrum Lindi selbst verbinden! —

Ein für das Negerleben so wichtiger Zeitabschnitt, wie ihn das Unyago mit allen seinen Leiden und Freuden, seinem Spiel und Tanz darstellt, kann ganz naturgemäß nicht ohne Einwirkung auf die Gewohnheiten der Jugend schon vor diesem Lebensabschnitt bleiben. So bin ich denn auch in den Besitz von Ipiviflöten gekommen, die sich in den Händen noch sehr kleiner Knirpse befanden. Aber was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten, und wer nachher in der Daggara schöne Melodien flöten will, der übt sich schon die Jahre vorher. Auch die Kakalle, jene langen, in Ringeln schwarz und weiß gefärbten Stäbe mit ihrer kleinen Trophäe von aufgesteckter Hohlfrucht und wallendem Federbusch an der Spitze, sind mir mehr als einmal von Knaben überbracht worden, die offenkundig noch nicht das Unyago passiert hatten; beide Attribute der fast und der ganz vollendeten Mannbarkeit sind demnach also auch Spielzeuge. Für die Knaben ist dies nicht weiter verwunderlich, denn vor ihnen hat der Neger keine Geheimnisse; bei den Festen sowohl in Akuchikomu wie in Niuchi und Mangupa trieb sich stets eine ganze Schar kleiner, mit Schmutz und Asche überzogener Wichte herum. Seltsamerweise jedoch befanden sich keine halbwüchsigen Mädchen dabei; vor diesen scheint man alles, was auf die Mannbarkeitsfeste und ihre Geheimnisse Bezug hat, ängstlich zu verbergen; erst hier in meinem langen Newalaaufenthalt mit seinen offenen, freien Beziehungen zwischen allen Stämmen und mir und allen Altersklassen untereinander ist es mir möglich geworden, solche junge Dinger zu Gesicht und auf die Platte zu bekommen. Die Erziehung scheint sich viel mehr innerhalb der Wände des Hauses und des Gehöftraumes zu vollziehen, als wir anzunehmen geneigt sind. Auch bei den Hunderten von Besuchen, die ich Eingeborenengehöften gemacht habe, ist es mir nur selten vergönnt gewesen, die kleineren Haustöchter von Angesicht zu Angesicht zu sehen; in der Regel konnte ich gerade nur noch wahrnehmen, wie die schmale Figur sich mit großer Behendigkeit durch die Hintertür entfernte.

Wie das kleine Negermädchen in Wirklichkeit aufwächst und ob es die unsagbar glückliche Jugend unserer kleinen Lieblinge auch nur in abgeschwächtem Maße zu kosten bekommt, kann ich unter diesen Umständen nicht sagen; es spricht nicht viel dafür. Fraglos liebt der Neger sein Kind aus jenem angeborenen Triebe heraus, der allen Eltern eigen ist; er nährt es und schützt es, wo immer es schutzbedürftig ist; er freut sich über sein Gedeihen und ist traurig über sein Siechtum und seinen Tod. Noch immer sehe ich Matola, wie er, dem an sich schon ein etwas melancholischer Gesichtsausdruck eigen ist, eines Tages mit tieftrauriger und doch sichtbar ängstlicher Miene höchst eigenhändig ein kleines Mädchen von 5 bis 6 Jahren herantrug. Es war nicht einmal sein eigen Kind, sondern nur eine Verwandte, doch bat er mich so eindringlich, wie es ihm nur möglich war, der Kleinen meine Hilfe angedeihen zu lassen. Das konnte ich zu meinem aufrichtigen Bedauern in diesem Falle nicht; der Unglücklichen hatte eine bösartige Gangräne die ganze Vorderhälfte des einen Unterschenkels weggefressen, so daß die Bänder bloßlagen und selbst die Knochen sich schon bogen. Ich habe Matola damals eine sehr eindringliche Rede gehalten, ob er denn ein ebensolcher Schensi sei wie seine Leute; diese gingen an ihrem eigenen Stumpfsinn zugrunde, er aber sei doch der Akide und ein kluger Mann dazu, und er wisse doch ganz genau, daß in Lindi deutsche Medizinmänner nicht nur vorhanden seien, sondern daß sie auch selbst solche Wunden heilten, wenn ihnen die Kranken gebracht würden; flugs solle er also das kleine Fräulein hinunterschicken; täte er es nicht, so würde das Kind unfehlbar sterben wie alle seine älteren Geschwister auch.