Die Eifrigen haben jedoch nicht versäumt, durch glänzende Kunststücke zu ersetzen, was die Natur entzog. Wo das Niveau versagte, hoben sich die Begabungen immer am steilsten ab, und was hier nicht aus dem Volksbewußtsein wuchs, zimmerten die Regisseure. Man spielte vor dem Krieg daher in Berlin so gut Theater wie kaum in der Welt. Jedoch das waren Dressuren, die vorzüglich funktionierten, und man sieht, daß, wo nach dem Krieg wirtschaftliche Zwischenfälle und die Gagen des Films diesen Zirkel zerreißen, kaum in der Welt wohl so schlecht gespielt wird wie in Berlin. Die besten Konstruktionen halten nicht ohne Basis und die genialsten Begabungen ersetzen keine Kultur. Natürlich ward es nicht nationaler Ausdruck, wenn man die Oper, das mittelalterliche Jesuitenstück, das antike Theater unter Scheinwerfer setzte und damit immerhin glänzende Wirkungen schuf, aber dennoch war über seine Zeit hinaus, für die er keine Verantwortung trug, Max Reinhardt wohl das stärkste Theatergenie unter den Deutschen. Denn er besaß die Fülle der Gedanken und die Glut eines Rhythmus und die Buntheit einer Phantasie neben der gestalterischen Kraft des Aufbaues, daß bei ihm wie nirgendwo in seiner Zeit die Anmut mit der Größe des Bildes sich paarte. Er hatte noch, zum letztenmal wohl, jene saftige Lockerung der Bildgefüge, jene fleischliche Gerecktheit und jenen wilden Duft der jungen Kraft, die sich selbstgefällig wiegte vor Jugend.
Was nach ihm kam und den Deutschen vorzuspiegeln bestimmt war, sie besäßen ein Theater, war schon wilde Steeplechaise, und die Regisseure waren mit Peitsche, Revolver und Gefrierkammern hinter den Schauspielern her, denen sie wie Papageiherden jedes Wort in den Mund legten und jede Bewegung einstudierten, daß die Vorstellungen manchmal so begannen, als führe ein Blitz in ein Panoptikum. Man jagte von den menschlichen Kräften zu den geballten Typen und man wechselte das Blut gegen eine ganz neue aber nicht sehr tragfähige geistige Energie der Routine. Mit seinem Hirn hält von Herrn Hartung bis Herrn Jessner jeder große Spielleiter der Nachkriegszeit sein Ensemble zusammen. Schießt man dem Mann eine Kugel durch den Kopf, ist das Zusammenspiel entzwei, die Schauspieler entwurzelte Wichte und das Geschwärm vom neuen Theaterstil der Deutschen eine geplatzte Blase.
Die Regisseure sind zu tief in die abstrakten Stile hineinmarschiert und haben vergessen, daß Übertreibungen immer dekorativ werden und haben über die Vergipsung ihrer Stücke vergessen, daß nur der Marmor eine Haut hat, die Milde atmet. Immerhin sind die Regiezeiten der Hartung, Jessner, Martin, Berger, Weichert, Viertel ungewöhnliche Steigerungen der Einzelkräfte, und wo sie verarmten an Atmosphäre und Grazilität und Fülle der bunten Gesichte, setzten sie dafür einen derartigen Willen zu Monumentalität und Straffung, daß ihr Fanatismus fast Reichtum vortäuschte statt Armut, die er irgendwie war. Sie taten allerdings nichts anderes, als daß sie dem stark ins Steile und Zusammengepreßte ausgeschlagenen Pendel der Zeit folgten, dessen wilde Kraft noch Wedekind und Strindberg über Europa richteten, und das ein bedeutsames Winken zu großer Sammlung war. Die beiden Dramatiker haben die ihnen folgende Generation ziemlich vorweggenommen, außer Sternheim und Kaiser ist die dramatische Generation nach Hauptmann (abgesehen von Hofmannsthal und Schmidtbonn) unwichtig. Hauptmann hat neben Unzulänglichem, und trotz allem, ein paar wenige Stücke großen Wurfs und starker Menschlichkeit geschrieben, von seiner Generation bleibt auf dem Theater sonst nichts. Kaiser hat mit einem verhüllten melancholischen Ton enorme quadrische Stücke geschaffen, deren Bau metallisch die Härte und lieblose Konstruktion dieser Zeit herabblitzt. Sternheim hat seine Epoche nicht mit der Wedekindschen Plastik, aber mit dem zugespitztesten Aperçu auf die Bühne begleitet und manche bittere Entlarvung für die Nachwelt vorgenommen. In beiden nähert sich Mitwelt und Dichtung soweit, wie Angreifer und Angefallene sich nähern können, da ja zu friedlicherer und menschennäherer Berührung kein Boden unter ihnen liegt.
Doch sind die Regisseure, die dieses moderne Theater führen und das vergangener Epochen in dieselbe Schwingung bringen, keine Minute Erfüller einer nationalen Kulturstufe, sondern sie sind höchstens Könner. Das Volk gipfelt nicht in ihren Bühnen, sondern sie zwingen etwas der Masse auf. Sie sind nicht für sondern immer noch gegen die Gesellschaft. Und sie haben kein Theater sondern irgendeinen verzauberten Ort, wo unter Scheinwerfern und Suggestionen geschrien, gestrampelt, getötet wird, wo aber, nie im Leben, das Volk sich edel spiegelt. Wenn sie den Ehrgeiz aber haben mit etwas wenigstens kongruent zu sein, so ist dies das irrsinnige Tempo einer mörderischen Zeit. Sie sind genau so Dompteure ihres Säkulum statt seine heiteren Erklärer, ebenso wie die Dichter statt der liebenswürdigen Former die Prediger ihrer Zeit geworden sind.
Denn ihnen fehlt die Festlichkeit und die Heiterkeit der Luft ihres Lebens und die Anmut jener Fruchtbarkeit des Geistes, die eine Dichtung wie einen Obstgarten am Bodensee überbauscht. Sie haben alle etwas zu sagen und vergessen das Blut in ihre Figuren zu pumpen und wissen nicht, daß sie doch nur Aufsätze und Ansichten gebildet haben mit den Körpern der Menschen, und daß diesen Puppen ihre Gescheitheiten und Lebensansichten purpurrot aber gedruckt zum Hals heraus hängen. Neun Zehntel der Dichtung ist Essai und Dreiviertel der Dichter sind Juden. Es scheint, das auserwählte Volk solle uns über die Zeit namenloser Zersplitterung, wenn auch nicht in Jehovas feurigem Wagen, so doch in einer klugen Gewandtheit und mit zusammengepappten Rossen über den Abgrund tragen, bis die Dampfwolken besserer Landeplätze zum deutschen Wesen weisen.
Wir sind von Natur aus wenig für Üppiges bedacht, die Natur gab uns einen kurzen regenschweren Sommer, kühle Nächte und wohl raffinierte Übergänge, aber ein scheußliches Klima ohne Goldton und ohne die ehern gefärbte Kantate eines begeisterten Himmels. Deshalb sind wir auch nicht das Volk der Pantomimen. Wer eine Segelregatta an südlichen Buchten sah, einen Stierkampf bei den Pyrenäen, weiß, daß der Sinn für Festliches, den die Skandinaven wiederum stahlblond und feurig besitzen, uns versagt ist wie das Geld, das diesen Aufwand in der Wage hält. Nie hätte eine Anlage wie Versailles, nie Madrid, nie Rom entstehen können ohne die Voraussetzung von Völkern, die ihre Freudigkeit zum Leben dadurch betonten, daß sie dem Leben hymnische und weite Gesten entgegenschlagen konnten. Wir Deutsche sind seit dem Verlust des Mittelalters nicht mehr genug Kinder, aber auch noch nicht so ins Ernste gestraffte Männer, daß wir den Prunk von beiden Enden des Lebens her lieben könnten. Wir geben dem Dasein eine kluge, aber nicht einmal schöne Wahrheit an den Kopf. Aber wir leben uns nicht unbekümmert, wie aus dem strahlenden Meer steigend, aus dem Leben selbst heraus. Wir sagen Dinge aus, aber wir leben sie nicht. Unsere Dichtung ist darum Essai, aber was ist unser Essai?
Er liegt da wie die Magd, die der Teufel im Dampfbad schälte und von der nichts zurückblieb als die Haut, an der aber die Augen, die Haare und die Nägel sich noch befanden. Es fehlt der Saft und das Fleisch. Wie im Theater die landläufigen Gescheiten und die gealterten Kritiker nur zwei Schablonen kennen, die Posse und die dunkle Tragödie, aber nicht das feine Lustspiel und das gepflegte Schauspiel, so gibt es unter den Schreibern über Zustände und Dinge nur Affen und Genies. Die deutschen Schriftsteller haben eine wundervolle Begabung einfache Dinge zu verwirren, indem sie dem klaren Kern eine Elefantiasis ins Geistige anwachsen lassen, oder indem sie hochstehende Dinge in der albernsten Form zum Vortrag bringen. Sie wissen nicht, daß es keineswegs auf die Dinge ankommt, sondern auf den Schriftsteller, der sie schreibt, und daß es dessen Pflicht ist, das dunkle Geheimnis des Seienden in eine muskulöse und adlig gebogene Form der Eleganz vorzutreiben, den leichten Angelegenheiten aber die angenehme Schwere der Bedeutsamkeit hinzuzufügen, die ihnen die Grazie nicht nimmt. Was wäre der Griechenzug durch Asien ohne Xenophon, wäre der wackre Mann Agricola ohne Tacitus, was bedeuteten tausend Menschen und Vorgänge ohne den Schriftsteller, der sie faßt und in bedeutsame und repräsentative Form bringt? Cäsar schrieb nicht wie ein General, sondern wie ein Autor. Napoleon nicht wie ein Kaiser, sondern wie ein Mann von Geist. Die deutschen Schriftsteller schreiben ihre Essais wie Bajazzos oder sie verfassen sie wie Alchimisten, denen daran gelegen ist, ihre Meinung nicht kristallen herausspringen zu lassen, sondern sie möglichst zu verbergen. Sie schreiben wie Geheimbündler, aber nicht wie Gentlemen.
Sie müßten natürlich allerdings die krummen Gänge und Qualen des Geistes, sich zu seinen Klarheiten durchzuringen, an der gestrafften Struktur der Sätze und der edlen Gebogenheit der Gedanken erkennen lassen, aber vor allem auch bestrebt sein, das Schwierige mit jener Anmut zu mildern, wie man das im Leben gemeinhin auch tut. Schon Fichte schrieb im Nachwort seiner Schrift über die französische Revolution (wo er noch nicht um den nationalistischen Schreibstuhl gewunden sich nach der Freiheit hin zu drehen suchte, sondern wo er fast anarchisch europäische Ideen fauchte), Fichte schrieb, man klage, er sei zu dunkel. Er meinte, wolle nur das Publikum sich bemühen ihn aufmerksamer zu lesen, verspreche er auch, faßlicher zu schreiben. Er wußte, daß durch das gewohnte platte und ungepflegte Zeug der Tagesliteratur und Zeitung das Publikum entwöhnt war, dem Gang der Feinheiten in der Sprache zu folgen. Aber er wußte auch, daß es für ihn ebenfalls darauf ankam, mehr zu dem Blutsaft des Ausdrucks vorzudringen, als im Nervendämmern hängen zu bleiben. Er meinte, wenn er sagte „faßlicher“: durchsichtiger, fleischiger, fester. Er meinte nicht, wie Dummköpfe ewig zetern: grammatikalischer. Denn Sprache ist keine Starre und vor allem in ihren Regeln eine nur zur leichteren Erlernbarkeit hergerichtete Dressurübung, sie ist vielmehr eine tropische Frucht, die wächst, vor Lust bebend, in alle Zonen des Traums und der Wirklichkeit, sie ist keine Logik, keine Lehraufgabe, sondern ein Tier wie die Erde selbst, die atmet vor Ewigkeit, sie ist ein Material weiblich und köstlich bereit für jede höchste Erkühnung, wenn nur der Meister kommt, der sie glüht und treibt und verführt nach seiner Kraft und seinem Genie und seinem Ehrgeiz. Man müßte zehntausend Herzen nur haben, um aus ebensoviel Kraft die Sprache klirren und sich bäumen zu lassen vor Duft und Bewegtheit. Sprache war nie ein Vorwand, sondern ist man selbst.
Da man dem Essai, statt ihn zu durchbluten, noch Saft für alle möglichen Sorten der Dichterei abzog, wankt er mit schlotternden Hüften in Deutschland herum und sucht Unterkunft bei ländlicher Kost oder bei pompösen Reitern. Ihn juckt es Pamphlete wie des Hutten und Luther zu reiten und unter des Büchner Schenkelschwung als falber Hengst die Sprünge der tapferen Jugend zu machen. Er war es gewohnt daß man ihn drillte, wie eine Nadel scharf und voll Kreiskraft wie ein Adler zu sein, die hochmütigen Gesten mit der Schärfe des Säbelhiebs in sich zu tragen, die großen Landschaften al fresco hinzuhauen, als käme er aus Tiepolos schöner Hand und die flammenden Sehnsüchte an einem Horizont voll Dunkelheit festlich aufzuziehen. Ihn gelüstete immer nach gefitzten Abenteuern der farbigen Ideen und langen ritterlichen Zügen durch das unterirdische Dunkel, bis er aufwuchs wie ein Liebling der Schöpfung, gehärtet zu edelstem Ausdruck, feurig und schmiegsam und voll Haß wie Liebe ausgewogen in den Hüften.
Wie war noch Heinse die Leiber antiker Statuen mit ihm so glücklich nachgezogen, daß diese Schilderungen, die schon Gesicht und erhöhtes Traumbild waren, bebend vor Kraft im Morgen der Sprache standen. In vornehmer Sachlichkeit behüteten ihn stets dann einige Braven. George lehrte ihn den byzantinischen Stelzschritt, aber es mißlang ihn auf die Würde der Brokate festzulegen und es wurde, anders wie im Gedicht, dekorativer schlechter Jugendstil. Hofmannsthal und Rilke schickten ihm das Flimmern und die Magie der wie unter Wasser gemalten und gehauchten Sätze, sie bogen ihn samtartig bis an die Gefühle, aber sie faßten ihn nicht, sondern ließen die Atmosphäre der Gedanken irisieren und begnügten sich mit diesem bengalischen Spiel. Borchardt fügte dem noch die Wirrheit einer Üppigkeit hinzu, die aus sich selbst wuchernd wie eine Pergola sich zuzog und mit mächtigen Bögen sich verrenkte. Zur Helligkeit, die mit der Weisheit benachbart ist und der Anmut, die der Schlagkraft nicht ermangelt, führte ihn René Schickele, der manchmal schon nah an den Gesang ihn brachte, während die tapfere Frau, Annette Kolb, wie Heinrich Mann, aus dem Gallischen die Verstandesschärfe nehmend, ihn fast antik in der ruhigen Haltung bauten. Wilhelm Michel verstand der Schwere der Gedanken Musik zu geben, daß sie auf einer makellosen Sprache mit schönen Linien flogen, Max Krell und Kesser setzten ihn auf das behutsame Postament einer gläsernen Intelligenz. Kerr, meisterlich, ritt ihn aber in alle Gangarten, schlug den Eindruck zu plastischer Form und traf mit dem nächsten die bunte blumige Fülle und zog die Landschaft an sich heran, was außer dem kleinen malerischen Idylliker kaum einer konnte. Die Österreicher, die auf Geselligkeit des Geistes immer bedacht waren, haben ihn spielender gehandhabt. Der gescheiteste Mann Österreichs, Hermann Bahr, hat ihn liebenswürdig gepflegt in der Disputation über die Dinge des Tages. Stefan Zweig hat ihm eine außerordentliche, nicht flammend feurige, aber edel entflammte Haltung gegeben, mit der er das Profil bedeutender Menschen festhielt. Die deutschen Aktivisten haben ihm den Imperativ wieder geschenkt, Kurt Hiller hat Schärfen des Hiebes in seinen Schwung gebracht, eh’ er begann nur noch in die Luft damit zu schlagen. Der größte deutsche politische Schriftsteller, Maximilian Harden, hat ihm eine Bildung, eine Kraft, einen Eifer, ein Gewicht und durch die Jahrzehnte der Verwilderung eine wöchentliche Erhabenheit gegeben wie keiner vor ihm. Geplaudert hat ihn Wiegler, sichere Gescheitheit der Zeit gab ihm Hübner, köstlich gescheite Nüchternheit Dornseiff, Theodor Wolff führte in der Journalistik ihm in Deutschland seltene Anmut zu, als Kritiker der bildenden Künste haben ihm Meier-Gräfe männliche schöne Haltung, Hausenstein die Differenziertheit, Däubler fast erzählerische Farbe bewahrt. Was bleibt? Drei fast runde Nummern. Zu wenig. Es müßten hundert sein. Sie haben aber alle irgendwie Taucherrüstungen, und wenn Borchardt noch schwimmt, sind das seine schlinggewächsigen Sätze, die wuchern, nicht er, und wenn Hiller einen Raubzug antritt, trägt er nicht Beute ins Positive, sondern er hat mit Domestiken ein Gezänk. Selbst Schickele biegt manchmal, verführt von der schönen Fahrt seiner Gedanken ab von den Urteilen und bestimmt nicht, sondern schildert. Harden, Deutschlands politischster Kopf, vermag nur das Urteil neben den Zustand zu setzen und die Anmut dem Angriff beizugesellen und aus Puppille und Ausscheiden und Vorschnellen der Begriffe und Gebären des einkreisenden Wortes das Ziel wie eine Frucht zu treffen. Kerr reitet es herunter. Es sind nur noch zwei.