Zu einem Mädchen, das er gehabt, sagte der blondperückte Übersetzer Shakespeares: „Liebes Kind, vergiß nie diese weihevolle Stunde, wo A. W. von Schlegel dich küßte!“ Ich nehme an, daß der Geck sie auf den Mund liebkoste. Die deutschen Essayisten haben dieselbe Gespreiztheit, aber sie haben ihre Muse mit dem gleichen Hochmut nur auf den Hintern geküßt. Sie haben nicht genug Geist, um klar sein zu können und sie verfügen über zu wenig Kenntnis der Welt, um einfach die Zeit zu erblicken, sie besitzen daher genügend Anmaßung, um das nicht einmal eingestehen zu wollen. Ein Essai ist kein dürrer Gaul, aber er ist auch keine fette Dirne. Er ist: man selbst.

Kam aber einer, der von dem liebenswürdigsten der Lessingperiode, von dem Peter Helfferich Sturz die Grazie, von Merck die Ironie, von Lichtenberg die tolle Bitterkeit hatte, kam ein Hahn, so schön wie Heine und prunkte seinem Erbteil noch den Kampfruf von europäischer Höhe hinzu, so schmähten ihn die seichten Enten der banalen Gewässer, aber die großen Chemiker der Prosa höhnten: Journalist. Ist dies Land nicht seltsam, wo die Berufe sich miteinander bombardieren, ein Musiker ein Schuster, ein Dichter ein Reporter, ein Journalist ein Schwärmer gezankt wird und wo Keiner Respekt hat vor der Vollendung, die jedes Handwerk zu erreichen in der Lage ist?

Geliebter Heine! Welche Fülle saß hinter seiner Glätte und welche Tapferkeit nistete in seinem Hohn. Welche Reife über seiner Eleganz und welche Idee hinter der zart gefalteten wasserklaren Verästelung der Begriffe! Ihm war der Tiefsinn nicht fern, und wenn er der schlechten Dunkelheit der Deutschen spottete, war er ihnen näher, weil er sie liebte, als wenn er mit Lot und Blei ihnen in ihren Wirrwarr gefolgt wäre, den er verachtete. Er konnte auch dies. Aber er wußte, daß es nicht darauf ankam, die Welt zu verschleiern, sondern ihr Geheimnis zu zauberschöner Figur zu enthüllen.

Er hat die schönste deutsche Prosa geschrieben, hat die Landschaft erlebt, seine Feinde gezüchtigt, seine Hasser übergangen, hat verachtet und maßlos Deutschland geliebt und um die Freiheit geworben wie ein Geliebter, und hat seine Sprache mit seinen Gefühlen durchschritten wie ein Page so erlesen und wie ein Gentleman so groß. Er hat versucht Sprache gesellschaftlich zu machen, und hat sie wahrlich aus den schönen Wäldern und aus den unklaren Schwülsten in die Üppigkeit eines noblen Barocks geleitet. Da aber schrieen genial erscheinende Strizzis, es habe zur Journaille hin gemeutert. Er hatte aber nur die Flüssigkeit einer Höhenlage erreicht, die ihn über alle in ihren Goldton stellte. Dann starb er im Exil, furchtbar von den Göttern heimgesucht, die ihm zu seinem Siechtum immerhin die Gabe nicht vorenthielten, es mit der inneren Schönheit seiner Sprache wie ein Genius zu überstehen.

Nichts, Mijnheer, wird uns gegeben, was wir nicht zahlen müssen, und für die Höhe jedes Glückes wird uns die Rechnung eines Tages gewiesen. Sie wissen es wie ich und ahnen, daß gutes Leben und beneidetes Schicksal nur in der Kunst besteht, mit der wir diese Narben maskieren. Tyche, die Glücksgöttin, die der Okeanos auswarf, hatte zwei Steuerruder in der gleichen zarten Hand, das des guten und das des üblen Ausgangs und lenkte sie, wie es ihr gefiel, indem sie die Sterne ansah, aber die wirklich Lebendigen haben immer ebenso wie die Spieler an sie als die nur richtig und glückhaft Steuernde geglaubt, weil ihre Steuerung oft ins Rechte führte. Schon Pindar jubelte ihr als dem unbedingt Glückbringenden zu, und der Sklave Servius Tullius setzte ihr Tempel, als er auf dem Throne saß. Man muß nur vertrauen.

Höben Sie jetzt ihre kleine Pistole Mijnheer, so schössen Sie ins Nichts, denn was sollten Sie anderes treffen als das heulende Dunkel um den Schnee. Und doch lockt es mich hinaus von den Kerzen, und von den verschneiten Wäldern zog es mich die ganze Nacht schon in die Dämmerbläue des Südens, obwohl ich nichts weiter wünsche, wie noch Wochen auf dem Berg hier zu bleiben und die Kämpfe des Frühjahrs mit dem Firnschnee zu sehen und zu empfinden, wie die schwarze Sonne des Mai die Matten auflodert zu Wolken von Geruch und den Schneeharsch der Nordseiten mit dem gierigen Maul der Panterin beleckt. Aber wie lockt mich toll der Gedanke an Brioni, daß ich den Hafen von Marseille wieder sehe und das Donnern der Jetée vor dem Blumengarten von Genf wieder höre. Es reißt uns immer aus einem Zustand des besitzenden Glücks in die Leere nach neuem und, seltsames Widerspiel der Kräfte, trägt uns die Blutfahrt von der Eroberung zu dem Verlassenen zurück. Welches Glück, welche Wanderschaft, mit der wir kreisen um unsere Achsen und, ach, welches Vertrauen, daß Tyche das Steuer richtig warf.

Im Norden Schwedens erzählte mir der Dichter Didring, daß es ihn treibe aus den wundervoll gewellten Wiesen, aus den Wäldern mit dunkelblauen Schatten Skånes und Smålands, im Lauf der Jahre, in die Gletscher aufzubrechen, die das Gebirge zwischen Lappland und Rußland formieren, bei den Bahnarbeitern in Baracken zu leben wie ein Hund, die Sonne aufgehen zu sehen wie einen geliebten Stern der Heimat und dann wieder, das Herz von Entbehrungen voll wie ein Wolf aber in Glück gebadet, zu den rauschenden Pappeln und den Silberwinden seines Südens zurückzufahren. Welcher Widerspruch, Mijnheer, der Gefühle, und wo, wenn dies unsere Wegfahrt ist, fängt Glück an, hört Glück auf? Denn, wenn es da ist, fühlen wir es nicht, und wenn es war, wissen wir es wohl, aber es ist schon Legende hinter den Wäldern und Jahren. Man legt sein Leben daran, es, wie die bengalischen Jäger den Tiger, mit Raketen aufzujagen und erkennen später vielleicht einmal, daß unbeachtet von uns, in der stillsten Stunde, auf einfachstem Lande, das Glück uns die Bestimmung und die lichteste Minute auf die Schultern warf. Was wollen Sie, was bleibt?

Weiterleben.

In Elis stand Tyche schon groß neben dem kleinen Halbgott der Stadt als die Schützerin, denn man glaubte so stark an ihren guten Wurf, daß sich die Zuversicht schon zum Monument verdichtete. Aber man war nicht gesonnen, anzunehmen, daß das Steuer nach der dunklen Seite falle, und die recht Lebendigen haben den Gedanken, daß das Furchtbare komme, stets mit der überlegenen Lache behandelt, mit der aus dem vollen Prunk des Rokoko der Herzog von Lauzun von dem Miserabelen sprach: „Ich behandelte es nach Kavaliersitte, es wurde zur Treppe hinuntergeworfen.“

Als wir vom Theater sprachen, dachte ich einen Augenblick, es sei vielleicht an der Zeit und ein guter Stil, die alten Häuser der Melpomene abzubrechen und mit Autos und Zelten durch die Hauptstädte der Welt und ihre Landschaft zu rasen, und, wo die Entfernungen nichts mehr gelten, die Kulte der Völker, von ihren wild gewordenen Maschinen aus, durcheinanderzuwerfen und so einen großen Stil der internationalen Vaganten wieder zu kreieren, aber auch die Völker wie mit Blitzen untereinander und ohne die üblichen Sentimentalitäten zu befruchten. Der Flieger Manucci stieg mit seinem Zweidecker über die Poebene und streute aus viertausend Meter die Asche seiner Geliebten auf das Land, das er liebte, und auch in seiner modernen Geste stak die sinnbildhafte Liebe zur Befruchtung. Warum sollte eine neue Generation nicht, da die alten Tempel überall versagen, vom Tempo ihrer Zeit aus, auch wenn es verbrecherisch ist aber wie alles Böse und Dämonische nicht ohne erhabene Schönheit, warum sollte eine neue Generation nicht ihren Ausdruck und ihre Zufriedenheit mit ihren verzehnfachten PS erjagen?