Aber als ich die Diva gereckt wie eine Liane und mit der Spannung der großen Katzen über den Körper durch den Schneesturm in das blendende Hell der Halle treten sah, reizte mich als das Zeitlichere die Filmform ihres Lebens. Denn diese Leute haben nicht nur Erfolge, sondern auch Wirkung, sie geben nur ihre Körper hin, aber sie sind nicht verpflichtet ihre Seelen hinauszuspeien. Sie haben den Beifall und das Publikum der Millionen, sie erreichen die Schichten der Menschheit, die keine Zeitung, keine Mobilmachungsordre, kein Gesetzbuchparagraph, selbst kein Beauftragter Gottes mehr erreicht und sie haben den einzigartigen Vorzug, daß sie nicht an die Sprache ihrer Heimat, sondern an die gesamte Menschheit nur verpflichtet sind. Welche Breite, welcher Radius.

Aber auch welche Fülle, wenn sie aus den elektrischen Kanonaden der Ateliers hinaustreten und ihnen, denen die Landschaft der Natur in ihrem Gewerbe lieblich schaukelt wie keinem anderen der Berufe, heute von den Sprunghügeln des Engadin herunterfegen können und morgen die Motorjachten des Züricher Sees überfüllen, später den Bobsleigh in Oberwiesental führen, Skijöring in Partenkirchen, Fuchsjagd über den Schnee Oberhofs und Kitzbühls treiben, auf den Kamelen von Tunis schwanken und ohne über einen Scheck von märchenhafter Größe zu erbleichen, sich beim Valutastand von einigen Tausend auf den Dollar nach den Prärien von Texas, den Quecksilberurwäldern Mexikos und den Bergen des Dalai-Lama aufmachen. Dies Leben ist zeitgemäß wie nur eines, denn es verneint alle Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Krisen, hat die Richtung nach der natürlichen und prunkvollen Erhöhung des Daseins, ohne dabei seinem Wurfspieße zu entgehen oder sein Dunkel nicht zu kennen. Es ist allerdings keine Kunst.

Aber was ist Kunst? Gehen wir schlafen. Denn die Sehnsucht nach der Festlichkeit anderer Völker, nach Walpurgis auf Hasselbacken, nach Micarême in Paris, nach der Weihnacht der Magyaren schneit mit dem Triebschnee gegen die Züge der Fenster. Kunst ist: mit Dreißig Jahren sein Leben auszubalancieren, daß die Leistungen aber auch der Genuß in die erste Reihe des Möglichen treten. Je suis l’ami des bons jours. Aber ich liebe die Nächte auch. Schlafen Sie tief, aber nicht lang. Das Wetter ist ein Weib und wirft uns vielleicht Sonne durch den Morgen herein.

Die dritte Nacht

Das Wetter ist ein Weib, Mijnheer, die Sonne hat geschienen und in den Kerzen liegt noch das beglückende Gefühl dieser Minute, als das Gestirn, selber zitternd vor Wonne, die Riesenschleife über das Bärental begann. „Apportez-moi une femme,“ schrie Bonaparte nach Marengo, er hatte das Wunder abgeschlossen und begab sich zu seinem Widerspiel in den Realitäten.

Wären Sie die Frau, Mijnheer, mit der ich vor Jahren einen halben Monat hier oben verbrachte, ich spräche lieber zu ihr wie zu Ihnen heute und ich sagte ihr statt Ihnen, weil man Gedanken aus einem Zustand der Beglückung nur an einen Gegenstand des Glückes zu adressieren vermag, ich sagte ihr:

„Liebe, im Schloßgrün Favorits ließ ein früherer Markgraf einen Türken aus dem Bett seiner Gemahlin ziehen, enthaupten und stellte das Monument seines Kopfs auf den lieblichen Brunnen, aber er vermochte nicht zu verhindern, daß das Auge des Mongolen das Schlafzimmer der tollen Dame mit einer mörderischen Melancholie im Blick hielt. Selbst den Tod tragen die Männer durch die Kunst den Frauen wie eine Bereicherung wieder zu. Wie viel heftiger muß ihr Leben jede Sekunde bereit sein, an sie verschwendet zu werden. Säßest du statt an dem Kamin, dessen Buchenfeuer dem Spiel deiner braunen Muskeln Salut knattert, nach sieben Frühlingen und sieben Sommern, die du mit mir verlebtest, an einer Bai, bei Sankt Malo am Hafen, in einem Fischerhaus Swinemündes, einer Villa Partenkirchens, ich umgäbe dich nach soviel Leben erst mit Kunst. Aber ich würde vorher versucht haben, dir alles zuzuführen, was an Entzückungen, Werten und Erfahrungen, an Reisen, Steinen, Wollüsten und Leiden mir zugänglich und auf dich übertragbar ist, so daß du erst aus dem vollsten Rahmen und glücklichsten Reifsein des Daseins heraus dich zu seinen seltsamen Spiegelungen in der Kunst wendetest, die manchmal noch gelungener aber, gestehen wir es, nie so sehr Himmelfahrt sind wie es selbst. Erst wenn man viel gelebt und fast alles erfahren, manches genossen und das meiste durchforscht hat, bekommt der Abglanz des gedachten und gestalteten Daseins jene wundervolle Süße, die dem Lebendigen sein Dasein bejaht und gereinigt zurückreigt.

Ohne das sind Bücher langweilig wie tote Ratten und das Leben nur hat „chien dans le ventre“. Ein schöner Mann flößt, wie die Chronik sagt, den Frauen Vergnügen ein, jedoch ein Buch von seinen Träumen allein dürfte sie beträchtlich verkühlen. Ich weiß, daß ich die Leiber des Rubens und Boucher und Ingres aber auch die der blühendsten Statuen erst begriff, als ich reell wußte, wie süß die Vertiefungen an den Gelenken der Lebenden, wie reich die Brüste, die mit der ganzen Wurzel den Busen umfangen, wie herrlich die Kreise über den Hüften, wie rührend die Übergänge des Brustkorbs und des weichen Unterleibes und wie heiß die Linien der Schenkel und Waden aus dem Leben selber entgegenschlagen. Und auch erst, als ich das dritte Jahrzehnt meines Daseins rastlos benutzte, alles zu wissen und das Mögliche zu erfahren aber das Unausdenkbare selbst noch zu erfassen, erst nach dem Gelebten gelang es mir in breiterer Fülle das Gespinst der Kunst und des zu Gestaltenden bis in die Tiefen zu durchprüfen, zu verwerfen oder zu begrüßen, je nachdem es unter dem Anhieb vor Berufung brannte oder als Schwindel verknallte.

Kunst ist keine Sache neben dem Leben her, sondern springt aus dem Dasein wie ein Tier aus der Mutter und wird begriffen nur durch das Beispiel der großen Erzeugerin. Es ist verächtlich, der Kunst leben und das gewaltig sie überrollende Leben nicht sehen zu wollen, aber jedes weit und herrlich gelebte Dasein kehrt, zum mindesten in dem erreichten Gleichmaß seines Wuchses, als Beispiel der Vollendung zur Kunst zurück.

Was man Frauen sagt, muß man vorsichtig sagen. Es wird zu leicht eins vom andern getrennt. Als Herr Herwarth Walden, berühmt durch die Proklamation wichtiger Maler der Moderne und scheinbar auch durch Kompositionen eigner Hand, in Paris bald nach dem Krieg ein Konzert gab, schrieb er in seiner Zeitschrift, es sei ein immenser Sukzeß gewesen, selbst der chinesische Gesandte habe als dem ersten europäischen Konzert seines Lebens dem seinen beigewohnt. Der Gesandte aber hatte lachend später gesagt, er habe geäußert, zwar detestiere er Musik und sei unbeschreiblich unverständig auf diesem Gebiete, aber in Anwesenheit so schöner Frauen (die ihn mitgebracht), habe er zum erstenmal in seinem Leben es vermocht, einer Musiksache beizuwohnen bis zum Ende. Ich will sagen, um mich deutlich zu fassen, es verdrießt mich zu sehen, wie die Frauen mit Buddhas Sprüchen und Konfutses Epigrammen und des Grafen Hermann Keyserling (in Darmstadt für die ihn unterstützenden jüdischen Finanzleute Deutschlands modisch aufgezäumten) Freibeuter-Wahrheiten herumlaufen, Frauen, deren Lebensradius kaum den Kilometer ihrer Heimatstädte durchmißt und die von Kindergebären und Motorrädern ebensowenig wissen, wie sie davonlaufen, wenn sie einen Epileptiker fallen sehen. Ich finde es komisch, eine Blaugestrumpftheit gegen das Dasein zu züchten, statt die blassen Literaturhyänen erst durch das erlebte Dasein auf diese Papiersachen loszulassen. Es verdrießt mich, Sportmädels mit schönen Körpern mit dem Strindberg und Dostojewski unter dem Arm durch die Landschaft rennen zu sehen, als sei es nicht der offenbarlichste Greuel, zu so viel Frische so viel wohl künstlerischen aber abscheulichen Ballast zu packen, und als gehöre zu der Anmut der kühnen Jugend nicht die Feurigkeit und der freche Adel eines apollonischeren Dichters.