Ach, es versteht niemand mehr heute die Kräfte und die Mittel zueinanderzupassen, und die ausgewählten und füreinander bestimmten Elemente des Lebens marschieren nicht zueinander. Die Frauen tragen Kostüme, die ihrem Wuchs nicht entsprechen, essen Krebse im Frühjahr, Gänse im Sommer, Aale im Winter, und tragen Farben, die barbarisch die Natur rebellieren, statt dem Beige der Birke im Herbst und dem gedämpften Lila des Rhododendron im Frühling oder dem gepflegtesten Grün der atlantischen Zeder im Sommer sich anzuschließen. Sie treiben den Sport, der ihrem Körper nicht paßt, entblößen die Partien, die sie verschweigen sollen, und verhüllen die Décolletés, die am vorzüglichsten sie ehren. Sie fahren in Wagen durch die Parks, in denen man an Fontänen auf dem Rücken liegt, und pilgern zu sportlichen Festen in Wüsten von Sand und Asphalt, die man mit den schnellsten Motoren gern flöhe. Sie reisen zu Zeiten, wo die Hitze jede Landschaft unerträglich macht und verkennen die schönen Falten der Jahreszeiten, wo im anschwellenden April und im ausgeweiteten Oktober der Glanz des Jahr-Beginns und das Kupfer seines Endens voll Schönheit unser Klima überfunkelt. Sie wissen ihre Zeit nicht zu ihrem Leben zu passen, scharen sich zu ihrem Widerpart, treffen ihre Glückskrisen an den abscheulichsten Stellen, pflegen ihre Körper zu den falschen Jahreszeiten und wenn sie suchen ihr Leben mit dem Adel einer Haltung zu vereinen, züchten sie einen Geschmack von Blech oder eine Kultur von Benzin.
Ihre Hände sind wohl manikürt und auf den Nägeln gerötet aber sie haben nicht die glücklichen Linien beachtet und wissen die Siegeszeichen und die des Todes nicht von denen der tötlichen Anmut und der Bestimmung zur rasenden Liebe zu unterscheiden. Sie haben Risse zwischen sich und ihrer Umgebung, sind geblendet vor ihrem eigenen Blut und wenn sie ihren Stil zu haben glauben, haben sie den Schwanz ihres Bullis in der Hand oder das Hirn eines anderen in der Pfanne oder statt dem Geliebten den Kühler des Autos am Herzen. Du lächelst. Ich rede wie ein Père noble der französischen Bühne. Eine kluge Frau zu lieben, sei das unbestrittene Vorrecht der Päderasten, sagte lachend ein Wüstling, aber er wußte nicht, daß es Frauen gibt, die den Vorzug besitzen, ihren Verstand nicht aus den Schriften von Waldemar Bonsels oder des Doktor Steiner aus Stuttgart, sondern aus einem alles klug beherrschenden aber sich nicht versagenden Leben genommen zu haben.
Säßest du mit mir an jener Bai, über der Bucht von Sankt Malo, an einem Hafen, in einer Villa von Rottach und wir dächten: wie sind wir gewandert, welchen Genüssen und welchen Schmerzen haben wir, einander noch frisch wie Geliebte, am Busen gelegen, da baute dann ich eine Welt wohl um dich von Büchern und du durchschrittest sie wie den Spiegelsaal von Versailles, der jede Linie deines Wuchses schöner zurückgab. Du fändest dich in jedem Abenteuer und in jeder Verdammnis. Aber keine Wollust, die du genossen und keinen Traum, den du unterdrückst, den du nicht auch darin fändest. Das wäre nicht erlesen Gekünsteltes, sondern du fändest die Welt einfach wieder und würdest nun klarer zu ihr geführt.
Mit einem deutschen Fürsten, belesen wie keiner der Schriftsteller Deutschlands, die selbst ihrer sechzig Jahre Bildungslosigkeit und Faulheit nicht ekelt, redete ich in seinem Weinberg von seinen Büchern und er machte den Unterschied, der mich verblüffte, zwischen Büchern für den Salon und den anderen. Er gab seiner Geliebten bestimmte Sachen nie aus einem Gefühl der Grandezza, während im Leben er ihr keine Rundfahrt der Leidenschaft versagte. Ich fand dasselbe darin, wie in dem, was ich selber befolgte, nur schien mir, daß er seine seigneurale Reinlichkeit verwechselte mit dem Bestreben, nur das der Geliebten entsprechende stets zu nehmen und daß er aus der Gepflogenheit seiner Manieren heraus das für Ablehnen hielt, was in Wahrheit nur Auslese war, die sein Instinkt bestimmte.
Man schenkt nach seinem Geschmack, bildet nach seinem Gefühl, liest nach Temperament. Einer Sechzehnjährigen gäbe ich dasselbe wie einer von Vierzig, wenn ich den gleichen Flair für beide hätte, aber der von Dreißig würde ich vielleicht das Gleiche wie der von Fünfzig versagen. Mit Fünfundzwanzig entwarf ich den Plan einer Bibliothek, die man an zehn Armeekorps und in dreißig Fabriken sandte. Du könntest sie alle lesen, aber ich würde dir keines davon schenken. Ich würde mehr wollen und weniger, aber vor allem stets nur deiner Ruhe wie deinen Leidenschaften gerne das gleiche zitternde Erlebnis der Schönheit zuzuführen wünschen. Alles andere ist hors de ligne. Was ich täte? Was man im Gefühl hat, hat man nicht im Kopf wie die kleinen Lyriker, die ihre Zehngroschenverse stets zur Rezitation bereit tragen. Was ich dir brächte nach soviel Abschreibungen, Pathos und Abschweifung? Ich weiß es nicht.
Wenn du weiße Haut hättest, wäre es anders, besäßest du Lotosaugen statt die eines Vogels, wäre mein Einfall ein wieder erneuter. Ich brächte dir, was für dich paßte aus diesem Erleben, aus jener Reise, aus dieser Beglückung und aus irgendeinem Zorn. Und ich könnte dir höchstens heute so, morgen anders spielerisch gleich den Wolken des Kamins eine Welt der Literatur an die Wand malen, wenn du wünschest, daß ich dich mit Träumerei unterhalte. Denn ich liebe die Welt vor allem um ihres Wechsels und ihrer Lust am Spiele willen, und wenn du nicht die Fähigkeit hättest, aus allen Lagern deiner Seele und allen Fallen und Festlichkeiten deines Körpers in immer andere hineinzuspringen, hättest du an mir schon lange nicht mehr den Jäger.
Geliebte Diana.
Ich ließe vor allem der Wildheit, mit der du die Hänge befährst, die Eleganz des Geistes und das Seltene der Vergangenheit von ähnlich vollendeter Anmut sich gesellen. Du lerntest zuerst, eh du die Grazie der Franzosen erführest, das Deutsch des Mittelalters. Dem Mittelhochdeutsch naht der Deutsche sich noch immer mit der barbarischen Geste des Gunther, der, als er zum erstenmal zu Brünhild ins Bett sprang und ihre Nüancen nicht beachtete, erlebte, daß sie ihn fesselte und an einen Nagel der Wand hing. „Er wânde vinden friunde: dô vant er vîntlichen haz.“ Du lerntest so das verlorene Paradies von des Reuenthalers derben Späßen bis zu Walthers Süße, von Hartmans Wundern im „Iwein“ bis zu Wolframs Herbe und des Alten Reinmars Seligkeit. Jede Übersetzung ist eine lächerliche Dreistigkeit, denn man kann eine höhere Sprache nicht mit einer niederen übertragen. Wir haben heute wohl gelernt, Tempos wie die Teufel in die Sprache zu bringen, Raffiniertes bis zur Verzweiflung auszudrücken und Begriffe bis ins Aschgraue zu benennen und zu finden, aber den Wohllaut der Musik und die Einfachheit der klar blitzenden Welt und die große Verzücktheit der Gefühle erreichen wir nicht wieder. Wer aber glaubt, ohne Studium, den Fall der Vokale, die Trennung der Diphthonge, die Rhythmik der Satzbogen verstehen zu können, begeht die gleiche Dummheit wie jener, der ihrem Wesen nah zu sein denkt, weil die Worte alle den unseren ähnlich sind, aber fast alle verfeinerten und anderen Sinn bedeuten. Du wirst diese Bemühung nicht auf dich nehmen, ohne daß der Zauber, dem du begegnest, auf dich zurückwirkt.
Unser Hunger nach Dasein ist groß, das Leben zu kurz, unsere Bewegungslinie zu eng, wir können nicht alles haben. Aber jedes Genossene treibt uns nach mehr. Als im Jahre Zwölfhundert der Marschall der Champagne Villehardouin als erster Grande und Lebemann anfing, Geschichte zu schreiben und die Menschen mit der Gewalt eines Rubens in sein Gemälde hineinwarf, als der Pfaffe Konrad, der ein schlechter Künstler war, die „Kaiserchronik“ schrieb, begann die Literatur der Briefe und Memoiren, uns die Völker und Menschen mit jungfräulicher Plastik heranzutragen. Statt dünner Schicksale, die mäßige Dichter gestalten, redet plötzlich die Phantastik der Zeit. Von den Aufzeichnungen des Kardinal Retz, der sich nur so ausdrücken konnte, daß er an eine Dame schrieb, und der den Atem seiner Zeit zur höchsten Höhe blies, über des großen Kanzelredners Bossuet Porträte verstorbener Fürsten, über Montesquieus erwachenden Blick für die Breite gelebter Zusammenhänge bis zu dem fabelhaften und glühenden Fresko, das der Herzog von Saint Simon von der Zeit des vierzehnten Louis schrieb, lernst du, deinen eigenen Erfahrungen die der großen Epochen und Menschen hinzufügend, einen Schritt mehr zur Weisheit.
Nimm die Memoiren der großen Katharina von Rußland hinzu, die Briefe der bis zu den weißen Haaren hin geliebten Ninon de Lenclos, die Novellen der Bibel, die Briefe der wilden Caroline und Brantômes Leben der galanten Frauen. Lies die Aufzeichnungen Casanovas und des Deutschen Pückler-Muskau Bände. In den barocken Sätzen des Abts von Brantôme hast du die Menschen der Renaissance, in Casanova den Ausgang des Rokoko, in Caroline die Romantik. Keiner konnte schreiben so wollüstig und so geistreich wie Casanova und niemand in Deutschland so mit Erhabenheit und Temperament sich mit Ideen und Reisen der Welt gegenüberstellen wie der Pückler. Bürgerlicher aber herumgeworfener hast du in des Frankfurter Friedrich-Fröhlich Aufzeichnungen die Epoche des ersten, in Flauberts Briefen mit der Sand die des dritten Napoleon. Jakob Burkhardts Briefe an einen Architekten malen nüchtern das Jahrhundert am Anfang, nicht weit aber amüsant für dich gesehen, von einem hölzernen Liebhaber der Künste. Dagegen hat die furchtbare bürgerliche Epoche am Ende des Jahrhunderts der gebildete und in guter Familie erwachsene Schriftsteller Kurt Martens, wenn auch nicht seigneural, so doch mutig und schlicht in seiner Lebensbeichte gegeben.