Mit Mozarts Briefen hast du Österreich und mit Benvenuto Cellinis Leben den Radius des Glanzes, den ein Renaissance-Italien um sich häufte und in den Briefen des Van Gogh und in Bernards Erinnerungen an Cézanne siehst du das Martyrium unserer Kunst und Zeit nicht ohne die Ironie, die dich das Menschliche hier so absurd und das Künstlerische so verzweifelt schauen läßt. Im „Pitaval“ sind die hervorragendsten Prozesse geschildert und du erkennst die Menschen aller Jahrhunderte. Ich werde Hardens „Köpfe“ dir daneben legen. Du wirst das Buch der entzückenden Staël über Deutschland lesen und mit Petrons „Gastmahl des Trimalchio“ vergleichen. Ich werde das Buch der Markgräfin von Bayreuth hinzutun, die des großen Friedrich Schwester war und das Kamasutram, wo nicht nur die Inder belehrt werden über die Zweihundertfünfzig Formen des Liebesgenusses und über alle unzählbaren Formen der Entzückung dazwischen, sondern wo der Liebende auch angehalten ist, nach allen Spielen der Wollust auf das Dach des Hauses im Mondschein mit der Geliebten sich zu setzen, den Glanz mit ihr anzuschauen und ihr die Reihe der Sternbilder zu erläutern, den Polarstern besonders sowie den Kranz der sieben Sterne des großen Bären.

Die Zeit hinter dir hat sich geöffnet wie ein Weib, du kommst von den Geschichten nicht zu Büchern sondern zu Schicksal und aus der Fülle nicht zu Vorstellungen sondern zu Menschen. Von den kühnsten unter ihnen streift man zur Erde zurück. Man muß die alten Exploiteure fremder Erdteile lesen, denen die Natur sich noch unberührt gab, die nicht gafften sondern eroberten, nicht Afrika vom Schiff aus sahen und weiches Garn aus ihren Gefühlen spannen, sondern die darin starben, nicht solche, die empört, während sie innerlich schmatzen, Bordelle in Ceylon beschreiben, von denen ein Portier ihnen erzählte, sondern solche, die Elefanten noch mit dem Säbel gejagt haben und du wirst sehen, wie die Natur mit derselben Frische riesig aufdampft, mit der du einige Stücke aus ihr in deinem eigenen unverdorbenen Blute erlebt hast.

Lies, wie ein gewisser Barrow Esqu. im achtzehnten Jahrhundert in Begleitung des englischen Gesandten China durchquerte, lies die Geschichte der Reisenden Percy und Gallow, die die Tatarenländer durchfuhren, lies die Eroberung Mexikos und die Geschichte Cooks, den Insulaner erschlugen. Sieh, wie mit Dominikanermönchen Curjello nach Afrika kam. Lies die Berichte der Lebemänner, die Europa durchfuhren und von denen einer, dessen Name ich nicht mehr kenne, auf Schlittenwagen sogar den Nordpol über Norwegens Poststationen erreichen wollte. Lies bei Franklin, wie sie die Wale harpunierten und bei Livingstone, wie die Zähne ihnen ausfielen vor Fieberluft und sie die Flamingos und das Nashorn jagten. Wie sie mit ihren Karawanen durch die Wüsten sich durchhungerten, um zu entdecken und sich zu begeistern und den menschlichen Geist an die Spitze des Abenteuers zu hissen. Lies Gessi, Gordon, Emin Pascha, den Halbgrönländer Rasmussen, lies Stanley, lies die Jagden des Baker in Abessynien. Du riechst die Luft der anderen Kontinente und erfährst die Beispiele menschlicher Tugend und Tapferkeit und du wirst nicht gebildet, sondern du wirst klüger oder besser.

Nun ist für „Tausendundeine Nacht“, für den „Don Quichote“ des Cervantes und den Defoe mit seiner Europamüde, ist für „Robinson Crusoe“ und „Gullivers Reisen“ dein Hirn offen, denn sie geben zur einfachen Wildheit der Erde die Phantasie und das Spielerische, das alle Gefahren überwindet. „Mesnevi“ mit seinen schönen Sprüchen, den indischen Roman von Dandin von den zehn Prinzen, die Märchen der Südsee, „Tuti Nameh“, das persische Papageienbuch machen die Welt noch bunter und führen schon an das Legendäre einer großen Klugheit. Der Maler Gauguin hat auf Tahiti neue Farben gesucht und hat die Abenteuer seiner modernen Sehnsucht in „Noa Noa“ geistreich und ein wenig desolat wie ein echter Franzose beschrieben. Hundertzwanzig Jahre früher hat Bernardin de St. Pierre in „Paul et Virginie“ schon einmal die Natur in prachtvoller Glut für Europa entdeckt. Hamsun hat den Kaukasus erlebt und ihn in gestrichelter Weise mit neuer Optik für Naturbeschreibung dargestellt. Laurids Bruun hat mit dänischer Weichheit den grauen Glanz seines norwegischen größeren Freundes nachgemalt.

Das ist nur schwacher Schimmer noch von den früheren Heroen, doch ist, da du von heute bist, und ja auch ich dir nicht in der gekräuselten Allonge-Weise entgegentrete, doch ist von den Heutigen zwar Sven Hedin nur ein Schwätzer aber kein Nahbringer, jedoch das Buch der Fürstin Lichnowski über Ägypten von modernem preziösem Charme, ist zwar das Buch Ludwigs über Afrika eine Sirupfalle für den Kurfürstendamm, aber des Suarès Italienbuch eine heroisch gemalte Landschaft; und keusch wie Villehardouins Seele, wenn er im Kreuzzug das Morgenland betritt, ist Lafcadio Hearns Sprache, wenn er das verschwindende asiatische Japan, kurz vordem Europa es verschlingt, noch einmal wie eine Geliebte streichelt.

Du mußt noch den Kipling lesen, der mit Tieren dir die Welt bevölkert und mußt sehen, wie der Däne Fleuron dem heldenhaften Anfang des Briten den melancholischen und schönen Abgesang gibt, wenn er davon redet, wie die edlen Tiere sterben. Nur wenn bei Jürgensen der Kongo vor Tiergebrüll donnert, der Schwede Madelung seine Jagden schildert, der schönste aller raubtierhaften Dichter, Jensen, die Gletscherzeit zurückruft, kannst du das Gefühl haben, aus deinem Säkulum rückwärts bis zum Paradies marschiert zu sein. Was heißt Kunst, wenn du leben willst? Es bedeutet nichts gegen die Fülle des Lebens, aber es wird schon helles Licht auf allen Zinnen, wenn du durch soviel Dasein hindurch dich an die Erkenntnis herangetastet hast, daß auch ein vollkommenes Leben einer gewissen Vollkommenheit in der künstlerischen Gestaltung bedürfe. Wenn du reicher bist, hast du mehr Anspruch. Hast du die Masse der Welt, willst du sie in Schönheit. Hast du das Dasein begriffen, verlangt es dich auch nach seiner schönsten Gestalt.

Aber vergiß nicht, es ist wichtiger, daß du lebst, als daß du träumst, nötiger, daß du blühst, als daß du redest, und es ist alles umsonst, wie auch immer du von der Welt schwärmst oder fluchst, wenn sie nicht wie eine Pantermeute in dein Blut gestürzt ist.

Zuerst du, dann alles andere.

Fähigkeiten hat jedermann, mir imponiert das allein keineswegs. In Zentralafrika laufen die Neger so rasch wie die Schnellzüge, die Eskimos schlagen sich als Duell stundenlang ohne Schwierigkeit wechselseitig auf den Kopf und die Theosophen sollen durch anhaltendes Training im Sichzurückvertiefen bereits das Jahr Sechstausend vor Anfang unserer Zeitrechnung erreicht haben. Es kommt bei Talenten nur darauf an, sie seinen Fähigkeiten und Zielen nach zu entwickeln. Ich sehe es lieber, daß ein frischer Menschenkerl in des Schwergewichtsmeisters Flint Buch über das Boxen, in die „Gazette du bon ton“, in eine Zeitschrift des Hokeyspiels, in Henry Hoeks vorzügliche Skibücher oder die „Vogue“ sich vertieft, als daß er mit der Herde seiner Genossinnen Tagores flache Gedichte über Thee gießt, in Jakobus Böhmes Dunkelheit lustwandelt und, Herrn Blümners Niggerrezitation im Kopf und Dadaistenabende im Hirn, über Spenglers „Untergang des Abendlandes“ sich in Urteilen verzückt. Geistmayonnaise ist keine Speise für eine Diana und Mode ist ein zu kleiner Witz für ihre Erhabenheit. Ein gebildeter Tiger ist eine Dummheit, ein schöner Tiger wird aber, wenn er sich vollendet in seine Form gefunden hat, auch immer etwas von jener höheren Klugheit haben, die stets der letzten Vollkommenheit des Lebens zugeteilt ist.

Du wirst, wenn du dich nicht blenden läßt, spüren, daß die schon jenseits des Lebendigen abgebrochenen Dramen des Bildhauers Barlach, wenn du ohne innere Reife an sie gerätst, genau so wenig zu deinem Temperament passen, wie die feierliche Plattheit, mit der Herr Lienhard ein neues Weimar besingt. Und du wirst mit bestimmter Sicherheit spüren, wie gleichgültig es dich läßt, wenn man des Schönlings Gleichen-Rußwurm süßholzwässrigen Kulturgeschichten dir nahebringt, gleichwie wenn du ein aus Schreien und Beleidigungen zusammengesetztes Gedicht von Johannes R. Becher nicht begreifst. Du bist durch deine Gesundheit und Frische von vornherein dafür absolviert, daß dir weder die Eunuchen noch die Verrannten liegen.