Aber ich werde dich gerne bei der Lektüre von allem sehen, das, wie ein Springbrunnen einen Silberball, also mit Kraft und mit Anmut, die Welt schaukelt, denn das entspricht dir ebenso wie jene Nüchternheit, die die robuste Kraft metallen aus dem Dunkel hebt. Du wirst alles von dem zärtlichen und feurigen Melancholiker Alfred de Musset und alles von seinem Nachfolger Hugo von Hofmansthal lesen, alles von Anatole France, der die Leidenschaften seiner Welt in seinem Lächeln bannt und von Eduard Keyserling, dessen Romane die zarte Vollendung der feudalen deutschen Rasse in wohlgeädertes Weltbild heben. Du wirst etwas von Schnitzler und etwas von Sternheim haben. Alles von Shaw, alles von Byron. Fast nichts von den Russen. Vieles von Swift. Alles von Voltaire, der eine Welt mit der Schärfe eines Geistes bekämpfte, der aber verstand sich der Kadenzen der Nachtigall zu bedienen. Alles von Heine. Einiges von Thackeray. Alles von Maeterlinck, der die Ahnungen in die Atmosphäre brachte und alles von Georg Büchner, dessen Jünglingstorso die Helligkeit eines schönen Athleten besitzt und alles von Shakespeare, dem einzigen großen Dichter der Welt, der die Eisenscharniere seines Geistes mit Heroenschönheit frei um die Welt herum zu spannen bestimmt war, als seien es Arabesken, die er im Traum hinmalte.

Lyrik wirkt bei Frauen fast immer provokant. Bei Männern versöhnt wenigstens, daß sie sich infolge des natürlichen Egoismus ihres Geschlechts stets wieder danach in Geschäfte und Politik schmeißen. Die Frau wird von Lyrik aber zu unerträglichen Gefühlsstauungen verführt. Muß es Gereimtes sein, dann sei es Lyrik, die eine Distanz zu den Gefühlen hat und sich nicht hingibt, sondern sich behauptet. Shelly, Petrarka, Baudelaire, Keats, Lamartine, Stadler, Novalis, d’Annunzio. Die heutige Zeit kann sich überhaupt der lyrischen Dichter nur mit Erröten erinnern, denn sie ist weder so voll Schwung, daß sie diese begriffe, noch so voll Sentimentalem im Untergrund, daß ihr die Eichendorff und Ronsard und Verlaine und Mörike lägen. Ich gestehe, was ich auch künstlerisch fühlen mag, daß ich eine Frau vorziehe, welche die Härte der weltmännischen und zurückhaltenden Strophen ähnlich wie die Schönheit einer Plastik mit halb kalter, halb hingerissener, aber beherrschter Leidenschaft bewundert, statt eine Dame zu schätzen, die zwischen den Erregungen der Börse und den Demonstrationen der Politik heute, was man nicht kann, in Sentimenten schluchzt und in Rhythmen wimmert. Die Epoche ist scharf wie Senf, aber die Moustarde wird durch Tränen nicht leckerer.

Doch das Phantastische ist stets ein kleiner Park gewesen, in dem alles, was einer Zeit fehlt oder womit sie zuviel beladen ist, in der Nähe der Träume ausgeglichen in Beeten und Pergolen duftet. In Achim von Arnims „Majoratsherren“ ist das gespenstische Grau, das so schwer zu gestalten ist, wundervoll in der Luft und nimmt den gesamten Meyrink voraus. In Hoffmanns „Elixieren“ tobt das Diabolische wirklich, das in vielen seiner anderen Bücher ein plattes Nichts ist. Die „Nachtwachen des Bonaventura“ bringen die Romantik. Der Russe Remisow das Gespenst der Slawen, das auch in Puschkins Gespenstergeschichten, bei Gogol und Saltikow doch sich nie so lieblich befreit wie bei den Deutschen, sondern an ihren Nerven angehängt bleibt und eine Krankheit eher ausdrückt als das Jenseits und mehr verrückt ist als überirdisch. Das Grausen mit aller Kälte hat Poe in die Wirklichkeit seiner Bücher geschmettert, die auch nur zum Teil gelungen sind, dann aber die vortrefflichsten ihrer Art scheinen. Der Franzose Barbey d’Aurevilly hat in den „Teuflischen“ dasselbe leis verkitscht, Villiers de l’Isle Adam aber in „Edisons Weib der Zukunft“ ihm eine zeitgemäße Mechanik verliehen. Der Maler Kubin hat noch einmal liebenswürdig versucht, den Schatten der romantischen Gespenster aufzurufen, aber sie sind aus den dichterischen Prärien in die Kriminal- und Abenteurerbücher desertiert und haben dort eine exaktere und zeitgemäßere, wenn auch uniformierte Anstellung gefunden.

Mit den Wissenschaften beleben sie den Mond in Erinnerung ihrer guten Vergangenheit in des Polen Zulawskis Roman „Auf silbernen Gefilden“. Der deutsche Scheerbart hat in „Lesabendio“ sie auf die Milchstraße verfrachtet und der Franzose Renard hat sie mit Ironie und Grausen, aber vielem Charme uns Menschen technisch mit unseren eigenen Waffen überwinden lassen. Zur Utopie erzog sie der humane Brite Wells. Zur Exaktheit Conan Doyle, der sie wie Automaten der Klugheit dressierte und den Schlag der Verbrecher und Kriminalgeschichten gründete, der den Abenteurerroman der May und Gerstäcker, Defoe, Kapitän Marryat und Cooper (zu denen auch Walther Scotts „Pirat“ gehört und manches andere bis zu den Kreuzzugepen) völlig abgelöst hat für einige Zeit.

Es war ganz klar, daß diese Mechanik, einen spannenden Vorgang nicht mit Hilfe der Phantasie wie früher, sondern mit allen blitzglatten Hilfsmitteln unserer Technik und Überlegung abrollen zu lassen, das Kino einfach aus der Luft herausziehen mußte, wenn es nicht entdeckt gewesen wäre. Denn Film ist nur die glatte Übertragung der Techniken der Soyka, Heller, Jack London, Eje, Elvestad ins Bildhafte. Film hat mit Theater nur soviel zu tun, als Schauspieler dabei beschäftigt sind. Wer würde aber aus der Tatsache eßfroher Akteure oder tribadischer Aktricen auf die Zusammengehörigkeit von Theater mit der Kochkunst oder den Gebräuchen von Lesbos schließen? Dagegen beweist der Umstand, daß die schönen Gespenster klirrende Maschinen geworden sind, zwar nicht gerade eine Erhöhung der Dichtung, aber keinesfalls, daß die Maschinen schlecht sind. Die Kriminalbücher der Deutschen existieren zwar nicht, lediglich der Österreicher Soyka gehört in die internationale Konkurrenz, allein einiges bei den Skandinaven und Engländern ist in seiner Weise vortrefflich. Das genügt.

In der Liebeslektüre kann man jeder Frau carte blanche für alle Gefühle geben, denn es ist leicht die von fremden Leidenschaften Erschütterte zu den eigenen Leidenschaften zurückzuführen. Von „Aucassin et Nicolettes“ rührender Geschichte bis zu den Büchern des Charles Louis Philippe ist ein weiter Weg, und die gesellschaftlichen Formen, unter deren furchtbarem Zwang die Liebenden sich zwischen Kloster und Bastille suchen mußten, haben sich gewandelt. Heute stehen Spanier auf den Straßen und suchen die Augen ihrer Auserwählten, flirten Engländer beim Sport, Franzosen in den Promenoirs und Deutsche lieben sich in den Gärten. Keine Frau ist unerreichbar. Keine Liebe ist so unselig und so beglückend zwischen das Schicksal und die Sehnsucht gespannt wie früher, als das Mittelalter die Herzen auseinanderriß und die Willkür menschlicher Elemente und starrer Satzung die Natur bei Seite schoben. Du kannst von Richardsons „Clarissa“ über Rousseaus „Nouvelle Heloise“ bis zu Goethes „Werther“ lesen, wie ein Dichter sich auf den Sockel des anderen stellte und wie ein Herz tragisch ans andere durch Nationen und Jahrzehnte rührte.

Ich glaube jedoch nicht mehr an die sichtbare Existenz dieser Gefühle in unserer Zeit, wo die Knechte an der Börse spekulieren und die Damen das politische Wahlrecht ausüben und man den Kokotten, die man zum Diner einlud, am anderen Morgen eine bare Entschädigung für die Abnutzung der Toiletten als Supplement zusendet.

Aber ich glaube mit ganzem Credo meines Herzens, daß die großen Leidenschaften, deren Anmut nicht in ihrer Tragödie endete, immer der Unterton geblieben sind aller schönen Beziehungen, und daß die jetzt veränderten Formen der Welt die gleichbleibende Lage ihrer Melodie nicht zu stören vermochten.

Wenn man wie du ein Gesicht sowohl zärtlich und schön wie Hermelin als auch mit kühnem Bogen der Augen und Nase besitzt, vermag man bei einiger Breite des Sinnes auch zu verstehen, daß Cayennepfeffer die milden Gerichte auf seine Art wie ein Wildpret anregt. Du hast Gelegenheit, um zu vergleichen. Wenn du die Briefe gelesen hast, welche die Nonne von Alcoforado an einen Offizier eines anderen Landes schrieb und die von Abälard und Heloise kennst und Balzacs übersinnlich zarte „Ursula Mirouet“, und die bis ins Verbrecherische zärtlichen Beziehungen Desgrieux und Manons in des Abbé Prevost „Lescaut“ dazugenommen hast und die Briefe der Mademoiselle de l’Espinasse und Flauberts „November“ und des De Costers maischöne „Hochzeitsreise“ und die Frauen des Jean Paul, die dahinbleichen an übermenschlicher Verbundenheit . . . dann kannst du es wagen, nicht ohne Gewinn zu sehen, wie in Crébillons „Sopha“ und in Heinses „Ardinghello“, in Wielands „Biribinker“ und in Heinrich Manns „Göttinnen“, bei Rétif de la Bretonnes zweihundertdrei Bänden und den „Liaisons dangereuses“ des Laclos bis zu des Marquis de Sade Abscheulichkeiten und den männerliebenden Strophen Oscar Wildes und des großen Edelurnings Withman sich vom klaren Fluß des liebenden Feuers die phantastischsten Bündel lösen. Aber du wirst erkennen, daß auch diese Verzerrungen sich von der Liebe nicht trennen, sondern sich von ihr ernähren und daß in ihren Formen, ob sie dir gefallen oder ob du sie verachtest, immer der gleiche Blitzschlag der Größe zuckt wie in der dir gemäßen.

Du wirst dadurch nicht hochmütig werden, sondern du wirst nur eher die Menschen verstehen, wenn sie mit ihren Schicksalen an dir vorüberschweifen und gleich den anderen Kreaturen steigen und fallen nach diesem und jenem Gesetz. Du wirst duldsamer sein und also weltwissender und es wird deiner Leidenschaft auch nur noch das Verstehen jeder anderen hinzugeben. Man wird in Indien nicht Hetäre durch Verführung, Mißgeschick oder Neigung, sondern durch Abstammung, man kann also keusch im Herzen und eine Dirne durch Schicksal sein. Auch die Heiligen werden nicht gezüchtigt, und mancher, der ein Mordbrenner im Herzen schien, erreichte durch Übung den Glauben. Im Grunde ist alles die Liebe. Aber in der Liebe wird man eben alles durch das Leben oder man wird nichts.