Die Venetianer besaßen die besten Diplomaten Europas und ihre Berichte waren erstaunliche Stücke an Schärfe des Auges und des Verstandes, ja sie bildeten sie zu einer hohen Stufe der Kunst aus. Die Handlungen aber des Staates nahmen die Dogen erst vor, nachdem sie alle eingeforderten Berichte verglichen. Du hast nunmehr von dem dir als Frau am leichtesten Zugänglichsten, von der Liebe her zu vergleichen gelernt. Was mir noch übrig bleibt, ist so gut wie nichts. Nun kannst du schwimmen, in welches Problem, welche Nation, welches Genre du willst. Du wirst Grabbe lesen neben des James Morier „Abenteuer des Hadschi Baba“, das der erste Roman über Persien aus dem achtzehnten Jahrhundert ist, wirst den prachtvollen Rheinländer Schmidtbonn mit seiner herben und männlichen Duftigkeit verstehen gegen des Belgiers Rodenbach „Totes Brügge“. Wirst staunend des Bildhauers Rodin Werk über die Kathedralen seiner Heimat neben des Thomas Manns schwächlich schönem, formvollendetem, aber innerlich, dekadentem „Tod in Venedig“ halten, wirst die „Studien“ des pastelligen Idyllikers Stifters neben dem riesenhaften Rabelais genießen, wirst fühlen daß die „Küsse und feierlichen Elegien des Johannes Sekundus“ andere Worte sind wie die des zärtlichen und royalistisch verschwärmten Francis Jammes in „Almaide“, der schönsten lyrischen Tenorstimme des heutigen Frankreichs. Du wirst den Zola, der auch ein Gigant war, trotzdem er etwas tierisch schaffte, neben der von Schwedens Bodendampf mythisch umwehten Lagerlöf lesen. Wirst Wisthlers „Die artige Kunst sich Feinde zu machen“ zu Annette Kolbs zarter Kammermusik in „Zarastro“ legen und die Geschichte des alemannischen Webers, der sich in kindlicher Einfalt der „Arme Mann von Toggenburg“ nannte, zu des gescheitesten Engländers Chesterton „Verteidigung des Schundromans“ tun. Du wirst Schlegels „Luzinde“, das voll schöner leidenschaftlicher Süßigkeit ist, neben die Modebücher der Brüder Goncourt halten, wirst das Buch der Frau von Winternitz von dem wilden Liebesleben der keuschen Vierzehnjährigen neben dem „Schelmufsky“ des siebzehnten Jahrhunderts lesen und kannst die satanischen Ausschweifungen des Huysmans in „La bas“ hinnehmen mit derselben Überlegenheit, wie du an Kerrs Reiseberichten und Dauthendeys Reinheit dich ergötzest. Du kannst den Frauenspiegel der Renaissance von Castiglione und das Leben Dantes von Boccaccio und Quevedos Spitzbubenroman von Segovia mit derselben Gegenwärtigkeit lesen, wie du Storms Novellen, Eichendorfs „Taugenichts“ und Dickens Roman aus den Millionenstädten hinüberleiten kannst zu des Verhaeren flamisch breiten Malereien, zu Schickeles „Glück“ und zu dem „Puppenbuch“, in dem der Lotte Pritzel und Erna Pinner barocke und groteske Figuren einen höhnischen oder vielleicht auch mitleidigen Cancan der Ausgelassenheit auf unsere Mühe, sie zu deuten, tanzen.
Du wirst dadurch so voll von gelesenem Erlebnis geworden sein, daß man dir wie den Bankerotteuren Montecarlos eine Viatique geben muß, um aus den verführerischen Launen der Literatur dich wieder ohne Kosten auf den Kontinent des Daseins hinüberzuretten. Es wird wohl an der Zeit sein, wenn du das alles gelesen und an deinem Wesen wie an einem Pegel und Thermometer die Höhe und die Temperatur der Maße genommen hast, dich wieder der Natur allein zuzuführen. Denn du hast dann für das diesseitige Existieren genug gelesen und jede Zeile mehr wäre zuviel.
Mehr verträgt ein Irdischer nicht, es sei denn, er sei vom Schicksal bestimmt, eine noch steilere Kontrolle auszuüben und die Ausmaße des Lebens auch noch mit denen der künstlerischen Vollendung zu vergleichen und den Gladiatoren der Kunst die Urteile auf die Nacken zu brennen. Einer Frau kommt das nie zu, sei ohne Sorge.
Männern sollte von der Natur erst in den sechziger Jahren, wenn sie statt mit Frauen sich mit Schnepfenköpfen zu beschäftigen beginnen, das kritische Amt vorbehalten sein. Ich fürchte, es würden bei allem Ehrgeiz, den das Greisentum mitführt, selbst die Besterhaltensten dies Alter nicht erreichen wollen. Ist es einem aber bestimmt, durch Schmutz und Crapule ein Stück verdammt geliebter Jugend und herzrot gelebten Daseins dranzugeben, dies Handwerk mit Kunst zu vollführen, so sollen die heulenden Hunde spüren, daß es auf den Schriftsteller ankommt und nicht auf die Meute, über die er sich in gerechter Leidenschaft ausläßt und es soll zum mindesten, wie Châteaubriand von St. Simon sagte, teufelsmäßig für die Unsterblichkeit geschrieben werden.
Man gewinnt kein Ding, wenn man es nicht zugleich liebt und abstößt, und keine Vollendung eines Lebens ward erzielt, die nicht vorher ausgewogen war bei jedem großen Gefühl in den Wagschalen der Liebe und des Hasses. Du kannst dich selbst nur erreichen, wenn du dich durch das Leben selbst gewinnst, aber du darfst nicht scheuen, davor zu desertieren und wieder zu ihm zurückzukehren. Denn nur die Treue, die sich an anderen Reizen durch Untreue erprobt, hat den Zug der Beständigkeit in sich, der dein Leben dann um die stete Achse rundet. Du wirst zwischen der Inbrunst der Bücher und den Banalitäten des Lebens genau im selben Grade leiden, wie du die Unterschiedenheiten zwischen deinen Idealen und der Nüchternheit der gelesenen Schicksale gemein findest.
Das Verhaftetsein an eine einzige Anschauung ist auch im Lesen nicht pikant, und wahrlich zurück zu sich zwingt immer nur die Größe, die Betrug erträgt. Der Herzog von Lauzun, der gerne und nicht ohne Tiefe lebte, schildert eine Dame: „Sie erwiderte mir meinen Besuch zu Pferd, in Dragoneruniform und Lederhosen. Mehr brauchte es nicht, um mich für immer von einer Frau abzuschrecken. Das hielt mich aber keineswegs ab, sie dennoch zu besitzen.“ Er liebte das Weibliche so abgründig, daß er es auch in der provokantesten Form nicht abzulehnen in der Lage war und die sicheren Genüsse nicht über der fatalen Aufmachung vergaß. Man hat verdammte Last mit seinem Dasein zwischen Leben und Kunst und Sein und Schein sich durchzuschlagen, und es bleibt auch dir als Frau nicht erspart, die Kämpfe zwischen deinen Vorstellungen und deinem Blute bitter auszutragen.
Das aber verleiht endlich erst die Reife und die Wollüste jener Überlegenheit, die die Ahnungslosen nie kennen werden, die ohne Geschmack jener Räusche sind, in denen wahrhaftiges Leben und wahrhaftig gepflegter Geist zusammenschlagen, und ich glaube manchmal, wenn du als Diana die Ränder der Wächte mit der Geschwindigkeit des Blitzzuges auf Skiern herunterkommst, ich vermöchte auf deiner Haut auch die Glut deines Geistes zu erblicken. Nur in Liebe vermögen beide sich zum Augenblick des größten Daseins zu verschmelzen. Ich erinnere mich eines französischen Theaters in Paris, wo ein Offizier desertierte und nach einem Dutzend Kniffen und Entwischungen gefaßt wurde. Als sein General ihm die Degradierung verkündete, erlaubte er sich einen Vorwand anzubringen, und als er salutierend vortrat und erklärte: „c’était par amour,“ gelang es dem Kommandeur in keine andere Pose zu verfallen als in eine bewundernde Handbewegung des Verzeihens und Verstehens, und jenes Publikum des Boulevardtheaters hatte mit seinem frenetischen Beifall auch nichts anderes im Sinne, als sowohl die Leidenschaft des Offiziers als auch die begreifende Tugend des Generals mit nationalem und, bei einem so militaristischen Volk wie den Franzosen, menschlichem Beifall zu begrüßen. Mir fällt diese Begebenheit, die an sich bedeutungslos ist, ein, weil an diesem Abend zum erstenmal die Linden für mich Paris mit dem Duft überzogen, der mir früher nur der der Heimat allein war, aber der mir von diesem Tage ab hundertmal in allen Zonen entgegenkam, daß er mir die freundliche Welle des Himmels für alle Liebenden seither zu sein schien.
Denn wärest du durch die Sonne des Morgens nicht im bronzenen Mondglanz deines braunen Gesichtes mit Telemarks um die jungen Bäume des Winterwaldes geschwungen, sondern säßest mit mir im Jasmin eines frühen Sommers oder der Fruchtluft des Herbstes an Flüssen, an Weiden, an Seen, ich würde dir, zwar ebensowenig vollkommen, aber in anderen Namen und Nennungen dasselbe gesagt haben.
Denn nicht die Bücher und nicht die Jahreszeiten und nicht die Liebkosungen machen die Form aus, in der das Glück und die Bereicherung sich begibt, sondern der Sinn der Liebe ist immer der einzige Führer und der alleinige Grund. Und wenn ich von deinem Lächeln, das, selbst ermüdet, unter dem Kaminfeuer noch lockend zuckt, mit dem Vorbehalt des Liebenden sage, es sei wohl ein süßes Lachen aber das Lachen eine Frau, so teile ich dich nicht auf in das Beseligende und das Luder, sondern ich weiß, wie wundervoll der Zauber der Verbundenheit aus diesen beiden dich gestaltet hat.
Denn du bist ja letzten Endes evahaft aus Lehm und Wollust gemacht und bist schon jederzeit zum Leben zurückgekehrt, leiblich und frisch, wenn du nur, etwas schlapp, die langen Beine der Jägerin weit ausstreckst und alles vergißt. Bist du für eine Limousine morgen lieber, oder für Schmuck oder eine Reise nach Tunis, bleibst du die gleiche. Auch Geist wiegt nicht mehr als Eisen und Fleisch, man muß es aufs deutlichste sagen, wenn diese Frage gestellt wird. „Adieu Ihr Freunde, adieu Ihr Bücher“, schrie Petrarka, der gut und in angefülltem Jahrhundert gelebt hatte, beim Sterben und jammerte zuerst um das Dasein, das er verlassen mußte und dann erst um den Ruhm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .“