Solchergestalt Mijnheer hätte ich gesprochen, wenn Sie eine Frau wären. Doch Sie sind ein Mann, aber es gilt dennoch dies Alles auch für Sie!
Mijnheer, man erzählt, daß griechische Helden eine Schar junger Nymphen im Walde des Kythäron trafen, die sie durch liebliche Bewegungen und alle Stellungen der Anmut zwangen, sie mit immer heißerem Atem zu verfolgen, bis sie an einer Quelle plötzlich die Mädchen Waffen ergreifen und mit feurigem Päan schlachtlustig auf sich losstürzen sahen. Sie kämpften den Tag und die Nacht mit den schönen Amazonen, ohne enttäuscht zu sein, denn, was sie zum Liebesspiel zu locken schien am Morgen, blieb als streitbare Erregung in ihren Adern und tobte in der Adligkeit der Kämpfe sich aus, in denen sie statt Geliebten nur Krieger fanden. Ich hätte Ihnen, Mijnheer, nicht vermocht, heute so zu reden, wenn ich das nicht gelebt hätte vor Jahren, was ich heute sagte. Und wenn das Fresko von Büchern etwas verwirrt hängen bleibt, inmitten dieser vorn und hinten abgebogenen Geschichte, so hat es wie der von Löwen gesäugte attische junge Eros die Fähigkeit, sich nach den beiden Seiten des Geschlechts zu adressieren.
Denn was daran die Frau über das Leben zu Liebe entflammte, entzündet den Mann zum Ringkampf mit der Welt. Man denkt oft seinen Kopf zur Ruhe zu legen und steht in Kürze vor dem Streitruf der Amazonen, aber es ist dennoch fatal, einen holländischen Gentleman zu sehen, wo man mit aller Kraft der Phantasie eine nördliche Diana zu sehen gezwungen ist.
Ein Mann ist eine triste Sache, wo die Luft noch nach dem Leben einer Frau riecht. Auch Ihre Ironie vermag mich nicht zu desillusionieren. Ernüchtern ist ein kalter Witz, den die Leidenschaft verzehnfacht an die Wand spritzt. Ich schwärme nicht für Vergangenes, aber ich habe alles gehabte Dasein im Blut. Mit dem faden Panzer des Lächelns und einer Flasche Cointreau kommt man nicht über erbitterte Situationen hinweg, sondern man lügt sich nur eine falsche Maske der Überlegenheit in den Spiegel, statt sich seiner Leidenschaft hinzugeben.
Das Leben wäre verflucht einfach, wenn wir es nicht mit Stolz am falschen und Demut am rechten Platz abscheulich komplizierten.
Ich werde eine Stunde auf den Damm hinausgehen und nach dem Mond ausschauen, der irgendwo in dem Schnee stecken geblieben ist.
Die vierte Nacht
Ich will Ihnen von Norland erzählen, Mijnheer, und die Geschichte vom Lachen des Ski. Zu witziges Zeug grimassiert heute schon durch den Morgen. Bereits, als ich erwachte, glaubte ich das leise Panterrauschen der Sonne zu hören, da entdeckte ich eine Fledermaus hinter dem Laden und draußen stand der Sturm. Im Sportraum kam mir der Springer Schneeberger entgegen und hinter ihm saßen auf den breiten Ofengalerien die besten Läufer Deutschlands zwischen den Aktrizen vom Film. In jedem Sporthotel der Welt siegt der Bedeutendste seiner Branche, und Thor und Apoll und der junge Alexander treten trotz der Seltsamkeit ihrer Schönheit zurück hinter Jockey Schmidt in Iffezheim, dem Boxer Dempsey, dem Tennis-Wilding, dem Ski-Schneider aus St. Anton, der seine vierzig Meter ebenso toll wie traumwandelnd sicher springt. Nun aber sah ich, daß die robusten Burschen ihre Haare in Netzen trugen, mit welchen Toilettefirmen ihre Reklamehelden gern in Zeitungsinseraten zeigen. Sie sangen ein bayrisches Schnadahüpferl mit Einstieg zum Fenster über das Heu, während man doch hier zum Stall nur durch einen Tunnel unterm Schnee kommt, aber das brachte mich nicht zum Lachen. Nur wie ich, nunmehr den Schneeberger, Springer erster Klasse, an dem von Eiszapfen bis zum Boden vergitterten Fenster die zwei Kufen seiner Springskis mit Skiwachs glätten sah, und sich sein schwarzes Gesicht über dem Katzenkörper verweibt in der beschleiften Haube bewegte, fiel mir über alles Pêle-Mêle hier Norland ein und das Lachen des Ski.
Es wird keine lange Geschichte, Mijnheer, und sie ist nicht kurzweiliger wie viele, aber ich muß ausholen dazu, jedoch nicht weiter wie mein Arm breit ist. Ich bin Liebhaber der Sports wie Sie, nicht nur um des Mutes, der Gefahr und des Risikos willen, die ich mir dabei beweise, sondern auch um der Pausen willen, in denen im Gegensatz zu „in Form sein“ der Fachausdruck „faul sein“ heißt. Man kann von diesem Beruf aus nämlich, ohne die Hetzjagd der Epoche mitzumachen, auch wenn man manchmal verdammt gestrafft nach der Leistung packt, sich nachher ohne Besorgnis die Welt auf den Bauch scheinen lassen, wie alle Inselmenschen es jahrhundertelang taten und alle rassigen Tiere es lieben.
Aber, hören Sie, Mijnheer, ich bin nicht nur verliebt in die Sports, sondern ich bin passioniert an dem Handwerklichen, das ihre Ausübung bis zur Vollendung erst ermöglicht. Ich bin nicht nur mit einem rotbraunen Segel an der Savoyer Küste gefahren, mit einem roten in Bjerred, einem grauen in Brunshaupten, einer weißen Fregatte in Genf, moosgrün zwischen Marstrand und Göteborg, purpurn in Südfrankreich und mit milchgelbem Spinnacker vor Tutzing und Schloß Berg im Gewitter gelegen. Sondern ich wußte auch, daß an dem savoyer Boot die Schwalbensegel kreuzweis den Wind nehmen mußten, daß mein Ostseeflunderboot keinen Kiel hatte und einen fatalen Fock, daß die Rennjolle des Starnberger Sees so überfeinert war, daß sie dem Fingerdruck, ja der Idee schon parierte, während das Boot der Marseiller rund wie ein Walfischrücken sein vierecktes Segel nicht anders wie eine Harpune gehißt hatte, und daß auf dem Kahn, mit dem wir durch die Schären nach Christiania zu kommen suchten, das Schwert nicht marschierte und bei Sturm das Großsegel riß . . . und ich war verliebt in die Fehler, weil ich sie kannte und daher beherrschte.